Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 1 und 2

Spanien - im Juni

Seit Malaga kam ich recht gut voran. Ich ließ die alte Hafenstadt am Mittelmeer, ihren dichten Dunstschleier, der sich schwer auf mein sonniges Gemüt legte und mich nötigte, die Fenster hochzukurbeln; ihre verwahrlosten Straßenkinder, die mir an jeder Ampel auflauerten und, nachdem sie mit einem mäßig feuchten Schwammstück einen Brei aus Insektenkadavern und Straßenstaub auf meiner Windschutzscheibe verteilten, der sich mit jeder Ampel zu einem immer undurchsichtiger werdenden feinen milchig weißen Film verdichtete, mir ungerührt mit ihrer widerlich aggressiven Bettelei auch noch den Rest zu geben versuchten; ihre bunt gekleideten Touristen, die sich ahnungslos gebend ihre Lungen voll gesunder Meeresluft pumpten, und auch den eleganten, jovialen Herrn, der rauchend an der Ecke stand, den Schnorrerkids Münzen zuwarf und sich köstlich amüsierte, wenn sie nicht herankamen, weil vor und hinter ihnen Fahrzeuge vorbeirauschten - all dies ließ ich hinter mir, schaltete kurz die Scheibenwischanlage ein, öffnete die Fenster, gab kräftig Gas und genoss den ersehnten Fahrtwind.
Endlich, endlich wieder frei.

Mein kleines rotes Auto gehorchte, ohne zu murren. Zügig trug es mich ins Bergland, durch Tunnel, vor denen ich trotz Hinweisschildern grundsätzlich vergaß die Scheinwerfer einzuschalten, auf einen scheinbar endlosen Highway, der uns, mein surrendes Automobil und mich, geradewegs in den Norden führte.

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Es war einer dieser ordentlich heißen Sommertage, die zu einem anständigen spanischen Sommer gehörten wie halb nackte Mädchen, schweißtriefende Millionäre und verdorrte braungelbe Gräser an die Costa del Sol.
Wer brauchte schon Grünzeug, wenn das Fleisch bereits im Sand schmort?
Trotz der unbarmherzig drückenden Hitze drosselte ich das Tempo und tuckerte mit 120 Stundenkilometern dahin.
Ich weiß, was Sie jetzt denken: Sie denken, ich sei ein klein wenig verrückt. Nein ... oder vielleicht doch. In diesen Augenblicken war ich vor allem verzückt. Vergessen waren Staub und Sonnenglut. Der vielfältige Reichtum dieser Landschaft hier oben zog mich in seinen Bann und versetzte mich in eine Art Lusttaumel. Er kam herab von den Bergen, schlängelte sich über saftig grüne Wiesen, Bäume und Sträucher, entlang in voller Reife stehender Felder; hin zum beruhigenden Flimmern der Straße und den winzigen Dörfern. Vereinzelt saßen alte Männer auf Obstkisten am Straßenrand, rauchten und schauten mir gleichmütig nach. Ich sah in ihre von harter Arbeit gezeichneten und der Witterung vieler Jahrzehnte zerfurchten, voller Weisheit offenen Gesichtern und hörte ihre Botschaft: Fahr weiter, Fremder. Halte nicht an. Hier findet kein Leben für Sechsundzwanzigjährige statt. Die Jungen fanden ihr Auskommen in der Stadt. Uns Alten bleibt die Arbeit auf dem Feld und das Land unserer Urväter, das uns eines Tages genommen wird, um Hotels wachsen zu lassen. Bleib nicht stehen, Fremder. Fahr weiter, immer weiter.
Ich war fasziniert, fühlte mich keineswegs als ungebetener Gast, gar als Eindringling oder teilnahmsloser Beobachter, sondern dazugehörig. Einmal erwischte ich mich mit einem bewundernden Lächeln auf den Lippen.
Es galt dem eisernen schwarzen Stier - hoch oben auf einer Anhöhe. Stolz und ausdrucksstark sah er zu mir herab, ohne bedrohlich zu wirken.

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Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.