Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 11 und 12

Nach ein paar Tagen hatte es sich bis zu den Obertratschern herumgesprochen, dass ich nicht in ihr Paradies einfiel, um ihren Töchtern die Unschuld zu rauben, um ihre Söhne zu verprügeln und selbst bei Vollmond kein Neugeborenes vertilgte.
Viele schlossen mich seitdem in ihr Herz. Nicht zu fest. Aber für eine Umarmung reichte es allemal.
Geschäftsinhaber, so auch die meines MANICOMIO, räumten mir plötzlich das Privileg ein, zwischen Anfang Mai und Ende Oktober nicht die sich verdreifachenden Touristenpreise, sondern weiterhin die der Einheimischen zu zahlen. Und wenn ich mal nicht einschlafen konnte und nach dem Gong zur Polizeistunde in die eine oder andere Bar Einlass begehrte, genügte ein vereinbartes Klopfzeichen - gewissermaßen ein Sesam-öffne-dich für Insider. Selbstredend machte ich lebhaft Gebrauch davon.
Auch wenn ich viele meiner neuen Freunde zunächst nicht kannte und die meisten, die ich nach und nach kennenlernen musste, nicht ausstehen konnte, war Bescheidenheit fehl am Platze. Schließlich machten sie mich doch zu einem von ihnen. Und, unter uns gesagt, ich war nicht abgeneigt, einer von ihnen zu sein.

So stand es also um mich. Eigentlich konnte ich nicht meckern. Wirklich nicht. Aber Bernhards Anruf warf mich schon ein klein wenig aus der Bahn. Ich leerte mein Glas, zahlte und ging wieder in die Konditorei. Weshalb gab Spehr den Inhalt unseres letzten Telefongesprächs weiter? Er kam mir sehr entgegen, aber nett war es nicht. Nicht dass mich Spehrs Verhalten in irgendeiner Weise belastete. Oh nein, ganz im Gegenteil.
Ich wollte ihn anrufen, doch in München blieb es still. Bis kommenden Montag musste ich in Erfahrung gebracht haben, welcher Spezies Bernhard zuzuordnen war.
Sicherlich hatte ich eine Vermutung. Doch eine Bestätigung Spehrs würde mir Klarheit verschaffen.

Die folgende Nacht verbrachte ich mal wieder bei Teresa, einer fünfunddreißigjährigen Spanierin. Ich nächtigte oft bei ihr und sparte so ein ganz hübsches Sümmchen Hotelkosten. Ich mochte sie recht gern. Vor allem ihrer Kontakte zu Personen, die mir beachtenswert erschienen, wegen. Sie war Kommunistin, blond und kannte jeden - und sei es ein noch so schräger Vogel. Entsprechend setzte sich die Kundschaft in ihrer Bierbar zusammen. Gelegentlich hatte ich den Eindruck, diese Frau sei mit all jenen freundschaftlich verbunden, die ihr jemals über den Weg gelaufen sind. Wie ein Sperrmüllverwerter lud sie auf, was am Straßenrand herumlag. Streckenweise wurde mir richtiggehend unheimlich an ihrer Seite. Ob in ihrer Kneipe, beim abendlichen Spaziergang am Strand oder in der Disco - unaufhörlich begrüßte sie irgendwelche Leute.
In ihre Aura traten Exponenten so erlesener Kreise wie Drogenschmuggler, Polizisten, Schläger, Richter, Zuhälter: die Hautevolee eben.
Teresa war kein Cover-Girl. Bei Weitem nicht. Sie war viel mehr als das. Sie war eine hochintelligente, überaus interessante Frau. Eine beeindruckende Persönlichkeit, von welcher eine mir unerklärliche Magie, eine magnetische Kraft aus ging.
Einige Wochen nach dem Aufbau meiner Zweckverbindung mit ihr schnitt ich mir die geeignetsten Stücke aus ihrem Bekanntenkreis, um über sie Kontakte zur ETA herzustellen. Ein reines Privatvergnügen.
Sie müssen nämlich wissen, ich hatte eine ausgesprochen abgrundtiefe Abneigung gegen Terroristen.

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.