Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 13 und 14

"Mit wem spreche ich?"
"Mit mir?"
"Wäre mir doch fast entgangen", entgegnete sie frostig.
Merke: Flirte niemals mit einer Beamtin.
"Reiter."
Ich hatte viele Namen. Der hier stand nicht auf der Geburtsurkunde.
"Einen Moment bitte!"
Anderthalb Tage nach Bernhards Anruf bekam ich Spehr vom bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz an die Muschel. Nach dem unvermeidlichen Vorgeplänkel, bei dem wir wechselseitig nach dem Befinden des anderen forschten, um uns gleich darauf in bilderreichen Worten über die Witterungsverhältnisse in München und Estepona auszutauschen, fragte ich: "Ist Ihnen ein Herr Bernhard bekannt?"
"Der große Bruder." Spehr lachte kurz und laut. "Haben die sich bei Ihnen gemeldet?"
Vor einigen Jahren einigten wir uns auf die Synonyme großer Bruder für den Bundesnachrichtendienst und kleiner Bruder für den Verfassungsschutz. Es machte sich besser in der Öffentlichkeit - man kommunizierte ungezwungener. Überaus treffend waren sie zudem. Denn wie in vielen deutschen Familien, bestand auch zwischen diesen Brüdern keine ausgeprägte Geschwisterliebe.
"Ich vermutete es. Bernhard verschwieg seinen Stall."
"Die Spanier zeigten auch Interesse. Doch offenbar war diesmal ausnahmsweise der große Bruder auf Zack. Ist auch nicht das Schlechteste. Ich habe ausführlich mit Bernhard gesprochen. Die wollen Sie für diesen Einsatz."
"Hatte ich Sie um eine Vermittlung gebeten?"
Jetzt musste ich aber mal dick auftragen. Spehr sollte sich nicht in dem Gedanken, ich sei auf diesen Job angewiesen verfangen.
Ihnen kann ich es ja verraten: Angewiesen war ich wohl nicht, hatte ihn aber bitter nötig. Viel länger als geplant hielt ich mich nun schon in Spanien auf. Und mit jedem weiteren Monat reklamierte mein Geldbeutel vernehmlicher nach Ballast.
"Bringen Sie die Sache zu einem für alle Seiten akzeptablen Ende, Reiter. Dann sehen wir weiter. Haben Sie keine Sorge, wir kümmern uns auch weiterhin um Sie. Ah ja, und wenn Sie im Baskenland sind, rufen Sie mich bitte an. Pfüeti und viel Glück!"
Danke. Aber warum sollte ich anrufen? Spehr legte auf, noch bevor ich meine Frage zu Ende gedacht hatte.

Übers Wochenende ging ich wieder Tour, wie ich meine ausgedehnten Streifzüge durch Piano-Bars, Klubs und Diskotheken gern umschrieb. Tomas stand mir wie immer hilfreich zur Seite. Er öffnete mir Türen, die mir ansonsten verschlossen blieben. Davon gab es tatsächlich noch einige.
Tomas, ein vierundvierzigjähriger Franzose spanischer Abstammung, der in Zahnmedizin, Allgemeinmedizin und plastischer Chirurgie promovierte, verdankte ich, dass ich trotz meiner nicht eben unauffälligen Erscheinung zu jeder noch so versnobten Lokalität an der Costa del Sol ungehindert Zutritt erlangte. Obwohl es für meine kleine Geschichte nicht relevant ist, erwähne ich es dennoch. Schließlich kann nicht jeder von sich behaupten, einen Menschen mit drei Doktorwürden zum Freund zu haben.
Zu den Eigenarten meines kurzen dickbäuchigen Freundes gehörte, sich unaufgefordert neben dem Pianospieler niederzulassen, die stets mitgeführte Gitarre zu ergreifen und in das angespielte Stück einzustimmen. Erstaunlicherweise gab es niemals Reibereien mit den Musikern oder dem Personal. Vielleicht, weil ihn der Klang seiner Musik in eine Art Trancezustand versetzte. Tomas spielte nicht einfach, er liebkoste. Jeder Ton entlockte ihm ein Lächeln, ließ ihn ein Stück weiter über sein Instrument sinken bis nur noch ein breiter Scheitel und eine zärtlich streichelnde Hand über den Saiten zu sehen war, so als wolle er eindringen, aufgehen, eins werden mit der Musik. Vermutlich aber lag es vor allem daran, dass er ein erstklassiger Gitarrist war. Denn Tomas studierte auch Musik - am Lyoner Konservatorium.
Anders als Teresa bevorzugte Tomas eine eher gediegenere Klientel, was mit meinen Interessen durchaus konform lief. Wenn auch eine äußerliche Trennung von meinem neuen Arbeitsgebiet nicht opportun war, so musste ich doch auf einen ausgewogenen inneren Ausgleich achten.

Als mein Brummschädel und ich am Montagmittag in die Konditorei schauten, war Biggi mit dem reinigen des Verkaufsraumes beschäftigt.

Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.