Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 17 und 18

Ich setzte mich und visierte das drei mal drei Meter große Objekt an. Meine Augen schmerzten, verlangten nach Ruhe, etwas Schlaf vielleicht. Doch ich blieb unerbittlich und schob den Kopf nach vorn, als ob ich dadurch wesentlich näher herankäme.
"Muss ich extra aufstehen? So weit kommt’s noch, dass ich wegen des saudummen Dings meinen Kaffee vernachlässige", brummelte ich, wandte mich ab, zündete mit zittrigen Fingern eine Zigarette an, bestellte den nächsten Kaffee, stand auf und ging zur Tür. Jetzt wollte ich es wissen. Ich verengte meine tränenden Augen zu schmalen Schlitzen und starrte verbissen hinüber. "Pasteleria Alemana", las ich mir laut vor. "Wusste ich doch gleich, dass da was draufsteht, das kein Aas versteht", und ging zur Toilette.
Ab und zu führe ich Selbstgespräche oder Monologe - je nachdem. Dafür singe ich nicht in der Badewanne.
Nach dem vierten Glas Kaffee besann sich mein Hirn seiner Bestimmung und signalisierte sogleich, dass Alemana irgendetwas mit Deutsch zu tun haben müsse. Wohl, weil ich dahinter eine Anlehnung an das französische Wort für Deutsch vermutete. Kurz entschlossen zahlte ich, ging nach drüben und klopfte an. Die Tür blieb verschlossen. Eine schmale, in der Mitte geteilte, beide Flügel zu öffnende Tür, wie ich sie in dieser Gegend häufig an kleinen Geschäften in älteren Bauten, auch im MANICOMIO, antraf. Ich trat zwei Schritte zurück und suchte die Fassade nach einem Fenster ab, fand aber keines, das sich dem Laden zuordnen ließ.
Also klopfte ich nochmals, diesmal kräftiger gegen das Holz, von dem sich grünbraune Farbblättchen lösten und ein darunter liegendes schmutziges, dunkles Braun sichtbar machten. Die Oberfläche erinnerte mich ein wenig an einen missratenen Käsekuchen, dessen goldbraune Deckschicht im Backofen Blasen aufwirft, bis sie nacheinander zerplatzen und die aufgedröselten Ränder unappetitlich verbrennen, wodurch er noch verlockender wurde - und schmackhaft blieb er sowieso.

Sie meinen, der Vergleich hinkt? Na, wenn schon. Mir war so.
Flugs zog ich meinen Arm zurück. Mit einem unerwartet heftigen Ruck öffnete sich der linke Flügel nach innen.
"Cerrado!", fauchte mich ein rotgesichtiges, grimmig blickendes, hünenhaftes Muskelpaket an.
"Nicht möglich. Heißt das, ich muss mir die Knöchel nicht blutig schlagen, wenn geöffnet ist?"
Der blonde Teddy lachte. Ein tiefes, donnerndes Lachen. Die Augen vergruben sich im Gesicht.
Schon besser. Böse Blicke standen ihm nicht. Dieser Mann wirkte über seine Statur. Alberne Grimassen hatte er nicht nötig. Die sind was für Schwächlinge, nicht für einen Rammbock.
Sein wuchtiger Schädel neigte sich der linken Schulter zu, was ich natürlich sofort als Einladung interpretierte. Ich zwängte mich durch die schmale Öffnung an ihm vorbei und stand im Düster.
Nur ein kleines vergittertes Fenster, mehr ein Bullauge, nur eckig, weit oben in der rechten Außenwand, ließ gnädig einen kümmerlichen Streifen Tageslicht lustlos durch den zwanzig Quadratmeter großen Raum tänzeln. Er reichte gerade noch, um nicht über die beiden in rechtem Winkel aufgestellten gläsernen Kühltheken zu stolpern.
Es roch nach Schokolade und Mandeln und Butter und ... ich strich mit dem Handrücken über den Mund. Aber da war nichts, was herauslief. Weihnachten im Februar. Konditor müsste man sein. Blondie schloss die Tür ab und ich folgte ihm links hinter der Kühltheke entlang bis zum Ende des Verkaufsraumes. Als er die weiße Pendeltür aufwarf, holte ich tief Luft und presste die Augen fest zusammen. Das grelle Licht aus seiner Backstube versetzte meinen Augen einen schmerzhaften Schlag.
Nach drei Minuten hatte ich mich so weit aufgerappelt, dass ich Blondie nach seinem Namen, einer Tasse Kaffee und einem Aschenbecher fragen konnte - und schielte ganz beiläufig auf das Kuchenblech in seinen Händen. Er musste das Strahlen meiner Augen, gegen das sich leuchtende Kinderaugen wie ein flackerndes Feuerzeugflämmchen in einem ausverkauften Fußballstadion ausnahmen, gesehen haben.
Ulli bot mir einen Platz gegenüber dem elektrischen Etagenofen auf der Kühltruhe an. Ein angenehmes Gefühl bei den Treibhaustemperaturen seines Arbeitsplatzes. Ich fragte ihn, ob man um die Mittagszeit, wenn die dreißig bis vierzig Grad von draußen hinzukämen, in seiner Backstube so richtig schön saunen könne - gemischt, versteht sich. Er stellte zwei Tassen Kaffee neben mich auf die Kühltruhe und sagte Ja, als sei es die natürlichste Sache von der Welt.

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.