Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 19 und 20

Während ich auf der Kühltruhe saß und mich mit Ulli unterhielt, zwischendurch zwei weitere Kaffees trank und reichlich frischen, noch warmen Pflaumenkuchen mit dicken Butterstreuseln und reichlich Zucker darauf in mich stopfte, entschloss ich spontan, zwei oder drei Wochen zu bleiben. Ulli war ein viel zu netter Kerl und sein Kuchen viel zu vorzüglich, um gleich wieder darauf verzichten zu können. Und sein Kaffee war auch nicht der Schlechteste.
Nach ungefähr einer Stunde, ich saß noch immer auf dem schwarzen Deckel der Kühltruhe und lehnte an der kondenswasserfeuchten Wand, tauschten wir Sympathiebekundungen aus. Wortlos glitten sie von einem zum anderen.

Im Verlauf der folgenden Wochen entwickelte sich zwischen uns eine von Tag zu Tag fester werdende Freundschaft. Es verging kaum ein Tag, an dem wir nicht miteinander sprachen oder herum blödelten. Etwa bei der Aufführung unseres imaginären Indianertanzes.
Ulli legte eine meiner ZZ Top-Kassetten in den Rekorder und schon wirbelte der Mehlstaub: Die Oberkörper seitlich, nach vorn und hinten wippend, die Arme nach allen Seiten werfend und dabei unaufhörlich mit den Füßen trampelnd, hüpften wir um die Teigknetmaschine und stimmten in einen Gesang unartikulierter Laute. Es kam auch vor, dass uns Kundschaft durch einen Spalt der nicht gänzlich geschlossenen Pendeltür beobachtete und nach unserer Einlage stürmisch applaudierten. Und ich kam mir dabei überhaupt nicht blöd vor. Ulli übrigens auch nicht.

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Bevor ich über einen der verschlungenen Pfade des Lebens wandelte, tasteten meine feurig braunen Augen über Biggis weißberockten Po. Natürlich tasteten sie nicht. Sie klebten an ihm und ich hatte große Mühe, sie zu lösen, um sie auf etwas gewöhnlicheres zu richten - ein Frühstück nämlich, das ich mir auch gleich aus der Backstube holte. Doch kaum hatte ich mich erneut in Position gebracht und meinen lüsternen Blick auf sie gerichtet, klingelte das Telefon. Mit einer Prise zu viel Schwung kam sie geschmeidig auf die Beine. Ihre linke Brust purzelte aus der ein paar Knöpfe zu weit offenstehenden, eng anliegenden weißen Bluse. Ich hielt im Kauen inne, trank einen Schluck Milch und sah, forschend und unbeteiligt zugleich, ins Glas.
Nervös am Stoff zupfend ging sie um den Verkaufstresen herum zum Telefon und nahm den Hörer ab, um ihn gleich darauf am ausgestreckten Arm mir entgegen zu halten. Sie sagte nichts, sah mich nicht an.
Lustlos stieß ich mich von der Pendeltür ab, trat hinter sie, ergriff den Hörer und klemmte ihn zwischen Schulter und Ohr. Noch einmal biss ich von meinem Schweinsohr ab und schmatzte dann irgendetwas Unverständliches in die Muschel.
"Herr Fechter?"
"Hm."
"Mein Name ist Martin Seiler. Herr Bernhard hatte Sie bereits über meinen Anruf informiert?"
"Hm."
"Morgen werde ich Ihnen telegrafisch sechshundert Mark überweisen. Brauchen Sie mehr, lassen Sie es mich bitte umgehend wissen. Hier meine Nummer. Haben Sie Stift und Papier zur Hand?"
"Hm."
"Null, acht, zwo, fünf, null ist die Vorwahl. Dann: Sieben, null, drei, zwo. Die Einwahl von Spanien aus, die haben Sie sicher. Unter dieser Nummer erreichen sie mich zu jeder Tages- und Nachtzeit. Melden Sie sich sofort, wenn Sie oben angekommen sind. Besteht auch nur die allerkleinste Hoffnung, in diese Kreise tiefer einzudringen, müssen wir uns umgehend zusammensetzen. Derzeit ist noch offen, ob ich zu Ihnen komme, Sie nach Deutschland kommen müssten oder ob wir uns in einem Drittland treffen. Vorab werden wir aber schon mal prüfen, ob in Deutschland etwas gegen Sie vorliegt. Ist bei Ihnen alles in Ordnung?"
"Hm."
"Schön. Dann also bis demnächst."
"Hm."
Und was war jetzt das? Meine Gedanken waren ganz woanders. Ich legte auf und pflegte noch ein Weilchen die Erinnerung an Biggis Ausrutscher. Man, das war doch mal was an einem verkaterten Montag.

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Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.