Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 21 und 22

Was glaubte dieser Seiler, wer ich bin? Herr Oberstudienrat? Selbstverständlich hatte ich weder Papier noch Stift zur Hand - ich frühstückte. Meine Hände waren beschäftigt, wie auch meine Augen Reizvollerem folgten. Und in meiner Hose herrschte gespannte Unruhe. Die Telefonnummer merkte ich mir und notierte sie am Abend, nachdem sich meine Bewusstseinstrübungen weitestgehend aufgelöst und ich Sorbete angerufen hatte, um ihm zu sagen, dass ich gegen Ende der Woche bei ihm vorbeischauen würde. Er freue sich schon, sagte er. Und dabei kannte er mich genauso wenig, wie ich ihn kannte. Aber trotzdem nett von ihm.

Meine gute Teresa brachte uns zusammen, als ich sie um die Vermittlung eines Jobs bat und ganz nebenbei meine Sympathien für die ETA erwähnte.
Vier Tage danach kam sie freudestrahlend ins MANICOMIO und überreichte mir, feierlich mit einem sabbernden Küsschen auf die Wange, eine leere Packung Fortuna. Auf die Innenseite der Zigarettenschachtel hatte sie mit ungespitztem Bleistift eine Telefonnummer gekritzelte. Es sei genau das, wonach ich suchte, sagte sie, und drückte mir gleich noch einen ihrer räudigen Schmatzer auf die Wange. Sorbete wisse Bescheid. Und einen wie mich könne man immer gebrauchen. Ich solle ihn anrufen und alles Weitere mit ihm besprechen. Teresa lächelte verliebt und wartete womöglich auf Zärtlichkeiten. Ihr abgestandener Atem bewahrte mich noch rechtzeitig vor einer unüberlegten Wiederholung einer unerfreulichen Erfahrung. Doch empfand auch ich Freude. War es doch der Erste greifbare Erfolg.
Dank Teresa verschob ich meine Reise nach El Salvador ein weiteres Mal und widmete mich stattdessen der spanischen Terroristen.

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Das Postamt von Estepona war am malerischen Paseo parterre in einem hässlich, schmutzig grauen, ganz und gar nicht in die Umgebung passenden zehnstöckigen Betonklotz ohne erkennbaren Außenanstrich untergebracht. Keine fünf Meter vom Strand entfernt. Ein Mäuerchen, hinter dem sich die lose Anhäufung kleiner quarzhaltiger Mineralkörner und allerlei halb nackte Menschen ausbreiteten, begrenzte den Paseo, die beliebte Flaniermeile, auf der einen Seite. Auf der anderen, der Stadt zugeneigten, wuchsen prächtige, Schatten spendende Palmen empor dem wolkenlosen blauen Himmel, Bänke luden abgespannte Voyeure zum Verweilen ein und Wasserspender sorgten für die in diesen Monaten heiß begehrte Erfrischung.
Zwei Tage nach Seilers Ankündigung erkundigte ich mich nach der telegrafischen Überweisung. Hinter dem längsseits durch das schmucklose Postamt gezogene Holzbrett boten sich drei junge Männer zwei Kundinnen an. Sie machten ihre Sache auch ohne Glasabtrennungen und Ärmelschoner ganz gut, wie mir schien. Ich trat an den hinteren gestriegelten Jüngling heran und bat ihn, nach meinem Geldtelegramm zu sehen. Er beugte sich zur Seite, äugte umständlich unter das Holzbrett und schob seine Hände nach. Zuvorkommend lächelnd bejahte er kurz darauf meine Frage, weigerte sich aber zugleich, mir das Geld auszubezahlen. Mein Gesicht sei nicht zu erkennen, bemängelte er.
Wie ungeschickt und kleinlich Postbedienstete manchmal sein können. Bin ich etwa gegen einen Bus gerannt? Mitnichten. Dieser Mensch stieß sich an meinem naturbelassenen Haarkleid. Offenbar beeindruckte ihn die unschuldige Nacktheit auf dem Foto meines Reisepasses, den ich ihm mit meiner Bitte überreicht hatte.
Da stand ich nun mit meinem wild wuchernden Gesichtspelz und einem begrenzten Vorrat an Geduld. Sicher, oberflächlich betrachtet war die Ähnlichkeit zwischen dem Foto und mir gleich null. Doch deswegen rasieren? Ohne Krümelfänger bekäme ich möglicherweise mein Geld, zweifellos aber keinen Fußbreit auf das Terrain meiner Zielgruppe. Umsichtig eingesetzte Äußerlichkeiten öffneten so manch verriegeltes Tor.
Keine Frage, die Matte blieb dran.
Honigsüß lächelnd bot ich ihm, um Harmonie bemüht, einen direkten Vergleich mit dem bebarteten Konterfei meines Führerscheinfotos an. Stur lehnte er ab.

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Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.