Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 23 und 24

Nun hielt ich es für meine vornehme Pflicht, ihn darauf hinzuweisen, dass ich Willens, in der Lage und in der Verfassung sei, ihm wehzutun, wenn er nicht augenblicklich seine Haltung ändere. Er änderte: Streckte sich, trat drei Schritte zurück, schüttelte verneinend den Kopf und sah Hilfe suchend nach allen Seiten. Längst hatten seine beiden Kollegen bemerkt, dass zwischen uns die Luft brannte, ließen sich aber von ihrem Tun nicht abhalten - bis auf einen.
Er kam aus dem durch von der Decke zum Boden fließenden Milchglas abgetrennten, rückwärtigen Raum fragend auf mich zu: "Kann ich dir helfen, Wolfi?", und trat an den Tresen.
Wie kam er dazu, mich Wolfi zu nennen? Weil es alle taten? Wolfi! Wie abartig. Ich, der verniedlichte Wolf.
Irgendein Hirsch, aus vermutlich zarten Kindheitstagen, fing damit an. Und durch geheimnisvolle Kanäle sprach es sich weltweit herum. Seit ich denken kann, nennt mich jeder Trottel Wolfi. So als stünde es mir auf die Stirn tätowiert. Gefragt, und sei es nur aus Höflichkeit oder Neugier, wurde ich jedenfalls nie. Warum eigentlich Wolfi und nicht Wölfchen?
Ich erläuterte dem Herbeigeeilten den Sachverhalt in knappen emotionslosen Sätzen, woraufhin er seinem schmollenden Untergebenen anwies: "Zahl ihm das Geld aus! Er ist hier persönlich bekannt."
Ich quittierte ihm die Entgegennahme von 40.610 Peseten, faltete das Bündel Scheine und stopfte es in die rechte Hosentasche. Nicht eine Sekunde ließ ich die beiden aus den Augen. Das Klimpergeld nahm ich in die Hand, nickte meinem Fürsprecher zu und machte mich mit großen Schritten davon. Keiner dieser Geier sollte noch einmal über meinen Lohn richten dürfen.

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Auch wenn er mich mit Wolfi ansprach, sah ich ihn doch nie zuvor. Einer alzheimerte. Ich hieß nicht Einer.
Rossmann hieß mein anonymer Wohltäter - der Kassenwart oder der Laufbursche. Wie auch immer: Entspannt vor meinem Büro sitzend, die Beine locker übereinandergeschlagen, eine gute Zigarette lässig zwischen den Lippen und ein kräftiges Käffchen in der Hand, las ich den vor mir auf dem Tisch liegenden Beleg des Geldtelegramms. Soso, ein Herr Rossmann hatte also am Vortag den Betrag am Münchner Flughafen eingezahlt und aufgegeben. Mehr war dem Streifen nicht zu entnehmen. Wie spannend. Mein guter Rossmann würde von nun ab hoffentlich öfter den Weg zur Post im Münchner Airport finden. Verträumt legte ich den Kopf in den Nacken - kein Wölkchen am Firmament.

*****

Wie alles begann, wissen Sie nun. Bliebe noch zu erwähnen, dass ich mich tags darauf von Ulli verabschiedete, es mir um die Mittagszeit in meinem kleinen roten Ford bequem machte und in nördliche Richtung losbrauste.
Womit wir an der Stelle wären, an welcher ich Ihnen begegnete. Natürlich nicht an exakt derselben. Wie Sie sich erinnern, war ich ein ganz klein wenig in Eile.

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.