Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 25 und 26

Meine Route führte mich vorbei an den verwitterten, vorgeblich unüberwindbaren Mauern des berüchtigten Madrider Gefängnisses. Kletterndes Grün bahnte sich den Weg hinauf. Putz bröckelte. Um seinen Ruf musste sich niemand sorgen - der ging ihm voraus. Nach allem, was man sich über diesen Knast erzählte, wünschte ich keinem eine längere Verweildauer als drei Minuten darin.
Ein Bett musste sich kaufen, wer den Luxus suchte. Gegen Cash, von Mitgefangenen. Handverlesene erledigten einfache Küchenarbeiten und das Fegen des Gefängnishofes. Die Mehrheit der Insassen musste sich nicht mit der Hoffnung auf Ablenkung durch Arbeit belasten. Auf andere Gesellschaftsspiele dagegen schon. Da gab es die, die ihren Überschuss an ungenutzten Energien über wohldosierte Aggressionsentladungen abbauten. Andere unterwarfen sich der schleichenden Verblödung. Dafür war reichlich Zeit. Brauchte sich keiner beeilen. So was kommt von alleine, kostet nichts und ist schmerzlos. Mir gegenüber behauptete Mal einer, er habe da drinnen dem Tod ins Auge gesehen. Geradezu unanständig maßlos übertrieben: Es kann nicht leben, wer den Tod gesehen.
Angeblich rechtfertigten es die örtlichen Besonderheiten, dass die deutsche Justiz für jeden in Spanien abgesessenen Monat gleich zwei anrechnete. Kein Spaß! Ein echtes Schnäppchen für jene, die in Spanien eingelocht und einige Monate später nach Deutschland abgeschoben wurden. Knast zum Spartarif. Nicht Meilen, Knasttage galt es zu sammeln.

Über Burgos und Vitoria erreichte ich kurz vor 3 Uhr San Sebastián. Unbehagen breitete sich in der Magengegend aus. Nicht übermäßig viel, aber doch ausreichend, um ein wachsames Auge in die Dunkelheit zu platzieren. In dieser Gegend galt es bis vor Kurzem noch als Chic, Fahrzeuge mit deutschen Kennzeichen abzufackeln. Natürlich war das Geschichte. Aber mulmig war mir doch ein bisschen. Gibt es nicht zu allen Zeiten fanatische Anhänger des Gestrigen? Und wer weiß schon, was gerade In ist.

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San Sebastián schlief. Den Hinweisschildern nach Zumaia folgend, fuhr ich durch nahezu menschenleere Straßen. Zwei dunkle Gestalten besprühten eine Natursteinmauer mit dicken mehrfarbigen ETA-Parolen. Im Schritttempo glitt ein Polizeifahrzeug an ihnen vorüber. Die beiden Straßenkünstler brachte das nicht aus der Ruhe. Ihr Augenmerk galt einzig dem Graffito. Unter den eng anliegenden, olivgrünen Militärjacken zeichneten sich schmale Konturen ihrer Rücken ab.
Langsam rollten die forschen Ordnungshüter an ihnen vorüber und bogen rechts in eine gut ausgeleuchtete Seitenstraße.
Plötzlich erfasste mich ein grelles Licht. Ein Fahrzeug hatte sich mir unbemerkt von hinten genähert, das Fernlicht aufgeblendet und Kurs auf meine Stoßstange genommen. Warum überholte er nicht? Hatte er etwas gegen gut ausgebaute vierspurige Straßen? Oder zog ihn die unbedeutende Kleinigkeit meines Kennzeichens an? Unbedeutend? Kleinigkeit? Musste das sein. Schleicht sich von hinten ran. Wie feige!
Mein kleines rotes Auto habe ich bar bezahlt, der Aschenbecher ist nicht mal halb voll, es ist spät und ich sollte eigentlich müde sein. Da wird nicht gezündelt - nicht heute, ihr Spinner. Ich gab Gas. Preschte links am Polizeiwagen vorbei, lachte laut, bremste, schaltete in den zweiten Gang runter, rutschte rechts in eine Nebenstraße und drosselte mein Tempo. Die Polizei hielt Spur und Geschwindigkeit bei. Jetzt nur nicht die Orientierung verlieren. Das Licht folgte - holte auf. "Tritt drauf, Student!", rief ich und lachte noch lauter. Der Wagen kam näher. "Mach mir Angst, Spaßmensch! Huuuuu!" Ich fühlte mich hervorragend. "Ein Opel also! Gab wohl keine Autos?!", und lachte und lachte. Wieder trat ich das Pedal durch, bog links ab, kurz darauf noch mal. Stramm, stramm! Zwanzig Meter vor mir eine Ampel. Sie sprang auf Rot. Rot? Könnte ja jeder kommen. Beschleunigen, abbremsen, runterschalten, rechts auf die Hauptstraße, hochschalten und orientieren. Da war ich wieder. Das aufdringliche Licht verlor sich irgendwo weit hinten in der Dunkelheit. "Arbeitsscheue, charakterlose Windmüller! Pfui!" Gerade als es anfing richtig Spaß zu machen, kneift der Langweiler. Ob sich mehrere Personen im Opel befanden, konnte ich nicht erkennen.
Ich tat einfach so, als hinge er noch an mir dran: Radio an, Fenster auf ... und Bleifuß. Es war kühl. Sehr viel kühler als an meiner Costa del Sol. Aber nicht unangenehm. Die Brise trug den Geruch des Atlantiks mit sich. Ich riss meinen Mund auf und atmete tief ein. Wer fährt straff-sportlich durchs Baskenland? Moi!

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Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.