Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 29 und 30

Im Hostal Alameda, einem kleinen, unscheinbaren, dreistöckigen Eckhaus, mietete ich ein Zimmer für die Nacht.

Die Arme hinter dem Kopf verschränkt und in eine bis zum Kinn hochgezogene dicke Wolldecke gerollt, lag ich frierend auf dem Bett meiner bescheidenen Unterkunft und sehnte mich nach der wärmenden Sonne des Südens. Unversehens sprang ich auf, kämpfte den in mir tobenden Widerstand gegen nasskaltes Hundewetter tapfer nieder, verschloss mein Zimmer und stieg die Treppe zur Rezeption hinab.
Auf der vorletzten Stufe hielt ich inne - und den Atem an. Am Empfang saß ein zierliches, etwa zwanzigjähriges Mädchen. Den Kopf in beide Hände gebettet. Träumerisch sah sie durch die gläserne Eingangstür, vier oder fünf Meter vor ihr. Die Tochter des Hauses, unterstellte ich, obwohl sie ihrer Mutter kein bisschen ähnelte. Denn die wildgeschminkte Chefin, wenn es denn die Chefin und zugleich ihre Mutter war, bei der ich mich einschrieb, zählte etwas mehr als das Doppelte an Jahren, trug eine schlecht sitzende falsche schwarze Mähne und brachte locker das Dreifache auf die Waage.
Etwa zwei Minuten bewunderte ich ihr rotes schulterlanges Haar, machte kehrt und stürzte die Holztreppe hoch. Das ist wörtlich gemeint. In meinem Tran verfehlte ich nämlich eine der blöden Stufen und stolperte. Doch gelang es mir, mit einem eleganten Schlenkerich die Peinlichkeit des Hinabfallens im letzten Moment abzuwenden. Vorbei an sechs Türen eilte ich den Flur entlang in mein Zimmer. Hatte ich doch tatsächlich Geldbeutel und Adressbuch vergessen.

Cool, wie Wölfe nun einmal sind, bat ich, wieder im Parterre, die blasse Schönheit das hoteleigene Telefon benutzen zu dürfen. Sie nickte kühl und distanziert und deutete mit dem Kopf auf den himbeerfarbenen Apparat zu ihrer Rechten. Für einen Moment glitten ihre Augen über mich hinweg. Nur ein winziger Moment - und ich war hingerissen. Ich benetzte die Lippen und schluckte schwer. Noch einmal hob sie die Augen, senkte sie jedoch sogleich wieder. Doch konnte ich es sehen: Glühende Sehnsucht, ruhelos lodernde Leidenschaft - die pralle Lebensfreude. Sie hatte wunderschöne große, strahlende, grüne Augen, in denen sich alle Annehmlichkeiten eines sorgenfreien Lebens vereinten.

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Sah ich jemals zuvor eine vergleichbare Anhäufung unaufdringlicher, natürlicher Anmut? Nein, niemals. Sie hätte sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt.
Mein Puls beruhigte sich nur langsam. Ich wählte Seilers Nummer und folgte der Ansage eines Anrufbeantworters. Eine Frauenstimme wies in deutscher und englischer Sprache auf die Nummer des Anschlusses hin. Nach dem Piepton vertraute ich der Maschine meine gegenwärtige Telefonnummer an und bat um Rückruf bis zwanzig Uhr. Als ich den Hörer aufgelegt hatte und mich meiner grünäugigen Schönen zuwenden wollte, war sie verschwunden.
Benommen schaute ich um mich und entdeckte sie hinter der kleinen Bar im angrenzenden Speiseraum. Eilends, so als könne mir jemand einen der drei Barhocker streitig machen - es war niemand da, aber das störte mich nicht -, hastete ich nach nebenan und rutschte lässig auf den mittleren.
Meine Lederjeans quietschte über den roten Lederbezug. Sie sah auf. Ihre Augen! Jesus, was für eine Frau! Geschickt meine Gefühle verbergend, sah ich in ihr zartes, fein geschnittenes Gesicht mit der kleinen geraden Nase und den schmalen Lippen und fühlte mich plötzlich sehr klein und federleicht.
Aus irgendeinem Grund verlangte es mich nach Waldmeisterlimonade, obwohl ich dieses moosgrüne Gesöff, das mich an etwas erinnerte, das im Hals steckt und nur mit Mühe herausspringt, verabscheute. Allein in meinem bescheidenen spanischen Wortschatz fand sich keine Bezeichnung für Waldmeister. Also versuchte ich es mit grünem Wald und Förster. Sie verzog keine Miene. Weshalb lächelte sie nicht? Litt sie an einer seltenen Gesichtslähmung oder Glatze im Mund? Offengestanden, allmählich regte mich die Frostmaus auf. Trampelte mir ungeniert auf dem Sack herum. Natürlich verhedderte ich mich auch noch und stotterte wie ein verlegener Schuljunge um die dämliche Waldmeisterlimonade herum. Nach dem vierten Versuch gab ich entnervt auf und bestellte einen roten Martini on the Rocks.

Irritiert spielte ich mit meinem Glas. Ich weiß nicht, was mich in ihrer Nähe hielt. Vielleicht die Suche nach dem Knopf im Ohr, vielleicht die Erwartung, sie trete nahe genug an mich heran, um einen Hauch, eine winzige Spur ihres Geruchs zu erhaschen oder die Hoffnung, sie möge ein paar Gläser zerschlagen damit ich gehässig und weithin hörbar lachen könne.
Um sie erneut anzusprechen, sträubte sich etwas in mir. Ich vermochte es nicht, meine pubertäre Hemmschwelle zu überwinden.

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Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.