Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 3 und 4

Er wünschte mir eine gute Fahrt und ich dankte es ihm mit einem hochachtungsvollen Kopfnicken, begleitet von einer leichten Verneigung. Glanz und Erhabenheit - das nenne ich Stil.
Was sich mir bot, nahm ich mit. Alles sog ich auf, schwieg und kostete jede einzelne Sekunde aus. Bei so viel unverschämter Schönheit blieb mir keine Chance zur Gegenwehr. Und das war gut so. Wer weiß schon, was morgen kommen wird. Vielleicht werde ich geblendet sein, wie ich es noch vor wenigen Stunden war.

*****

Alles fing mit einem Anruf an. Geheimnisvoll - natürlich. Es liegt ein paar Tage zurück. An einem Mittwoch Nachmittag vierzehn Uhr dreißig, um korrekt zu sein. Ich erinnere mich deshalb so genau daran, weil es meine Zeit ist, eine Zeitung zu nehmen und den Topf zu drücken. Nein, nicht nur mittwochs. Auch anderentags, wenn sich die Verdauung nach einer guten Mittagsmahlzeit beschleunigt.

Jedenfalls klingelte das Telefon nach erfolgreicher Geschäftsabwicklung. Zum Glück, möchte ich sagen, denn ein paar Minuten früher ... Erleichtert zog ich meine Hosen hoch, angelte nach der Reißleine des Spülbehälters und machte mich eiligst davon. Schweiß bedeckte mein blasses Gesicht.
Mit der BILD-Zeitung vom letzten Samstag unterm Arm balancierte ich gemächlich um die am Morgen angelieferten Mehlsäcke durch die Backstube in Richtung des unaufhörlich bimmelnden Telefons. Ein nervtötendes Ding. Und mein Hemd wollte nicht in die Hose.
Im Verkaufsraum angelangt, bettete ich meinen Oberkörper neben die Registrierkasse mit Sammlerwert auf den Ladentisch, nahm den schwarzen Hörer des nur unwesentlich jüngeren Telefons und klemmte ihn zwischen Ohr und Schulter. Bevor ich mich meldete, zündete ich mir erst noch eine Zigarette an.
"Si?" Mein Spanisch war nicht überragend, aber dieses Wort leierte ich gekonnt wie ein Einheimischer herunter.
Vom anderen Ende kam etwas, was ich nicht deuten konnte. Ich tippte auf einen Ausländer, der sich in einer Fremdsprache (vielleicht war es auch nur ein seltener Dialekt) übte, ohne dass er sich um Ausdruck und Betonung scherte. Ich ließ ihn sich quälen, inhalierte und blies den Rauch zur Decke.
"Kann ich Ihnen helfen?", fragte ich schließlich in allerfeinstem Hochdeutsch, und der Mann antwortete erleichtert: "Ja! Ist Herr Fechter über Sie zu erreichen?"
"Muss ich mal nachfragen", und legte den Hörer geräuschvoll auf die Theke, drückte meine Zigarette auf einer Untertasse aus und nahm den Hörer wieder auf. "Ja, ist er. Was wollen Sie von ihm?"

Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.