Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 31 und 32

Ergo verlegte ich mich auf das höchst unbefriedigende zählen der Gläser und Flaschen im verspiegelten Regal mir gegenüber an der Wand hinter der Bar. War ich durch, begann ich von Neuem. Dazwischen bestellte ich weitere Martinis - und versumpfte.

Irgendwann füllte sich der Saal. In den Zwischenräumen der siebenundzwanzig angebrochenen Flaschen und fünfundsechzig umgestülpten Gläsern spiegelte sich, was zwölf Hunger leidende Gäste hinter meinem Rücken veranstalteten.
Da gab es jene, die bei der Nahrungsaufnahme nicht nur den Mund öffneten, sondern das gesamte Gesicht zu einer abstoßenden Grimasse entstellten. Oder jene, die gleichgültig vor sich hin schmatzten und so jedem an ihrem Tun teilhaben ließen, und auch jene, die mit dem Besteck hantierten als benutzten sie es zum ersten Mal, und dass auch nur, weil ihre Forke nicht zugelassen wurde. Und doch verband sie eine Gemeinsamkeit: ihre verstohlenen Blicke, die sie mir immer wieder zuwarfen. Wollte mich dieser fressende Mob ärgern, gar provozieren?

Ich stieg auf Jack Daniels um und hoffte ... Ja, auf was hoffte ich eigentlich? Schönes Wetter? Ein Zeichen von ihr? Vielleicht ein Lächeln? Oder auf Seilers Anruf, um beizeiten ins Bett gehen und ausschlafen zu können?
Seiler rief nicht an. Und als kurz nach 23 Uhr ein völlig unerotischer Opa meine Schönheit ablöste, stapfte ich ärgerlich zur Rezeption und hinterließ auf Seilers Telefonbutler, dass ich seinen Anruf am folgenden Morgen bis spätesten 10 Uhr erwarte. Um diese Zeit müsse ich nämlich mein Zimmer räumen.

"Waaaas?", knurrte ich schläfrig, als das Klopfen an der Tür kein Ende nahm. "Sie wünschten, sechs Uhr geweckt zu werden."
Pumuckl?! Schlagartig war ich hellwach. Mit einem Satz sprang ich aus dem Bett, presste ein aufgeregtes "Muchas Gracias!" in Richtung Tür, fand meine Hose auf der anderen Seite des Bettes unterm Fenster, klaubte sie vom Boden auf, schlüpfte geschwind hinein und hoppelte zur Tür.
Ich riss das Brett auf und Enttäuschung legte sich über das hoffnungsvollste Lächeln, das ich besaß. Der Flur war leer. Kein Pumuckl, keine Staubflöckchen, noch nicht mal ein verdammter Sonnenstrahl.

Die Hose mit beiden Händen vor dem Bauch am Bund festhaltend, stand ich auf dem Korridor und fragte mich, ob mir der Restalkohol einen geschmacklosen Streich spiele. Ich sah auf die Uhr an meinem rechten Handgelenk: Es war acht nach sechs. Aller Wahrscheinlichkeit nach war ich in einem Zustand der Unzurechnungsfähigkeit, als ich am Vortag bei meiner Anmeldung der aufgedonnerten Person den Weckauftrag gab. Zähneknirschend trat ich den Rückzug an.

Wenn ich etwas wirklich abgrundtief hasse, dann sind das schöne Frauen, die mich mitten in der Nacht aus dem Bett scheuchen, sich verkrümeln und mich halb nackt, frierend und verkatert schutzlos einem muffigen Hotelflur ausliefern.

Meine Stimmung sackte auf den seelischen Tiefpunkt. Dort blieb sie auch während des erbärmlichen Frühstücks an einem der aufdringlich dekorierten Tische im Speiseraum. Und dabei hatte ich zur Aufhellung meines Tiefs einen Fensterplatz gewählt und die kitschigen Plastikblumen auf den Nachbartisch geworfen.
Ich schüttelte mir die Weißbrotkrümel aus dem Bart, ging zum Empfang und bat Pumuckels Mama, ihr hübsches Telefon benutzen zu dürfen. Sie grinste maskenhaft und nickte bejahend, wobei sich zwar ihr Kopf, nicht aber das Gewusel auf ihm bewegte. Es kostete mich einige Anstrengung, einen kräftigen Brüller zu unterdrücken.
"Ja?", fragte eine männliche Stimme gedehnt.
Hatte wohl Angst, ihm könne jemand ins Ohr spucken.
"Gib mir Sorbete!"
"Warum?"
Das geht dich einen Dreck an. "Wolf hier. Sorbete erwartet meinen Anruf."
"Ah ja! Wo kann er dich erreichen?"
"Hostal Alameda in Zarautz. Aber nur noch heute." Na, dann muss ich eben noch etwas bleiben. Warum auch die Eile?
"Er wird sich bei dir melden."
Klack! Für einige Augenblicke hielt ich den klobigen, tutenden Hörer ans rechte Ohr gepresst, bis es schmerzte und er mir unsanft aus der Hand zurück auf die Gabel glitt.

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.