Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 35 und 36

Es war, als führe ich durch ein Meisterwerk des Tunnelbaus - vom Atlantik bis zum Mittelmeer nicht die kleinste trivialste Ablenkung des Kraftfahrers.

Als ich am Morgen in meinem Hotelbett erwachte und ansetzte, mich über die aufsteigende Übelkeit und den stechenden Schmerz im Unterleib zu befragen, spurtete ich auch schon zur Toilette. Bewundernd nahm ich zur Kenntnis, wie viel Energie mein revoltierender Körper nach sechzehn Stunden Fahrt und vier Stunden Schlaf aufbringen konnte. Doch die Bewunderung hielt nicht lange vor. Mehr als eine Stunde klebte ich am Porzellan, bevor ich mich ganz vorsichtig löste und wie ein tatteriger Greis zum Telefon tastete. Ich schilderte Ulli mein Nasszellenproblem und bat ihn, Tomas zu schicken. Schweiß bedeckte meinen Körper. Minütlich fühlte ich mich schwächer und miserabler.

Es war die Hölle - bestimmt aber der direkte Weg dahin. Hatten sie mich also doch erwischt. Ich sah den schwarzen Mann. Hämisch grinsend lauerte er vor der Tür. Lümmelte an der Zarge und sah mitleidlos zu mir herüber. Berief er mich ab? Diese Ungeduld aber auch. Lass es mich aussitzen, nur dieses eine Mal noch, bat ich ihn in Gedanken. Wer oder was auch immer darüber entschied, es gestand mir eine weitere Stunde zu. Und als diese ausgestanden war, rappelte ich mich auf und öffnete die Tür.

Ullis Ansatz einer lockeren Begrüßung geriet ins Stocken. Ich sah wohl ungewöhnlich deformiert aus. Seine Gesichtszüge spiegelten Entsetzen. Auch gut, so verkniff er sich wenigstens einen unpassenden Spruch. Andernfalls wäre es wirklich fies gewesen und ich hätte mir sehr genau überlegt, von ihm noch einmal ein Stückchen Kuchen anzunehmen. Denn auch ohne überflüssige erheiternde Momente fühlte ich mich erbärmlich genug. Hinter seinem breiten Rücken, ein beruhigendes Doktorlächeln auf den Lippen, peilte Tomas hervor. Hatten sie geklopft? Ich musste es überhört haben.
Tomas fasste mich bei der Schulter und schob mich mit sanftem Druck zum Bett.
"Lebensmittelvergiftung", diagnostizierte er etwas später in einer wohltuend unverschlüsselten Sprache und schüttelte verwundert den Kopf.
"Was hast du zuletzt gegessen?"
"Ham-bur-ger."

"Fleischvergiftung. Gut. Das kriegen wir schon wieder hin. In einer Woche ist alles überstanden." Sprach es und verschwand, um allerlei Wundermittel aus der Apotheke zu besorgen.

Drei lange, grauenvolle Tage stand ich unter Kloarrest. Kaum eine Stunde verging, ohne dass es mich nicht drängte, das kleine weiße Ding zu umarmen. Dann erst war ich so weit genesen, dass ich mein Hotelzimmer verlassen und in der Pasteleria nach dem Rechten sehen konnte. Es lag weder von Seiler noch von Sorbete eine Nachricht vor.
Und nach fünf weiteren Tagen war es nur noch eine Episode mit - für mich - zweifelhaftem Unterhaltungswert.

Tagelang tingelte ich zwischen meinem Büro und der Pasteleria hin und her. Beinahe zwei Wochen waren seit meinem letzten Anruf vergangen, als ich am Mittwoch die Konditorei betrat und mit meinem Erscheinen das Telefon aufschrillte. Ullis flippige Verkäuferin hob ab, lauschte und reichte mir aufgeregt den Hörer.
"Deutschland! Für dich!"
Kundschaft wartete auf sie.
"Na, wenn das keine Überraschung ist!"
Ich wusste nicht, wer sich am anderen Ende überraschte. Aber kommt ein Anruf nicht immer irgendwie überraschend?
"Wir konnten uns nicht früher melden." Bernhards monotone Stimme brach ab.
Ich nutzte die entstandene Pause und schilderte ihm mit wenigen Worten, was sich im Baskenland ereignete. Oder genauer: was sich nicht ereignete.
"Es tut mir leid, mehr war einfach nicht drin."
"Du musst dich nicht entschuldigen. So was kann immer mal wieder passieren. Ich werde prüfen lassen, was an der Grenze vorgefallen ist. Seiler wird dich in den nächsten Tagen anrufen und alles Weitere mit dir besprechen. Kopf hoch! Bleib am Ball!"

Bei Bernhards sportlichem Abschiedsgruß wurde mir gewahr, wie weit sich meine Augen im Abseits befanden. Unwillig nahm ich sie vom Hintern des süßen neunzehnjährigen Mädchens, das sich eben über die Kühltheke beugte, um eine Kundin auf frischen Käsekuchen hinzuweisen.

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.