Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 43 und 44

Deutschland - im Februar

(vier Jahre vor Spanien)

"Gehen Sie bitte als Letzter von Bord", hauchte mir eines dieser kosmetischen Wunderwerke ins Ohr als die DC-10 auf dem Rollfeld des Flughafens Frankfurter/Main zum Stillstand kam.
"Du verwechselst da was: Ich bin nicht der Kapitän."
Ihre berufsbedingt übergezogene Lächelmaske fiel in sich zusammen. "Tun Sie’s dennoch. Bitte!"
Stewardessen sind was Wunderbares: Nett, unverschämt attraktiv, verständnisvoll und rätselhaft.
Verwegen, wie ich war, stellte ich mir diese, im Gang zu meiner Linken, unter dem schönsten Sternenzelt im klarsten Mondenschein ohne Deckmasse vor und fragte mich irritiert, was mich mehr deprimierte. Es war wohl ihre Aufforderung, derer ich nun ohne Widerwort folgte, obgleich ich nicht begriff. Ich war müde und wehrte mich, über den Sinn oder Unsinn ihrer Worte nachzudenken. Zumal ich ohnehin nicht unter den Ersten sein konnte, da Raucher grundsätzlich die hinteren Plätze zugewiesen bekamen. Warum das so war, dahinter bin ich nie gestiegen. Möglicherweise, weil unkoordinierte Tabakwölkchen den internationalen Luftverkehr gefährdeten. Nicht rauchende Alkoholiker, Drogenabhängige, Tablettensüchtige, Psychopathen und dergleichen Kundschaft mehr, durften sich ohne Ansehen der Person und ihren Neigungen vorn, in der Nähe des Cockpits, niederlassen. Für meinen Horizont nicht greifbar.

Als einer unter vielen unbescholtenen Passagieren kam ich aus Israel. Eigentlich aber aus dem Libanon. Oder doch aus Israel?
Der Reihe nach: Vor neun Monaten landete ich auf dem Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv. Die überwiegende Zeit verbrachte ich allerdings im Libanon. Verzwickte Sache, wenn man mal besonders genau sein will.

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Ich kam also aus Nahost, hatte mehr als acht Stunden Flug hinter mir und wurde am Ausgang der Maschine von sechs Beamten des Bundesgrenzschutzes und zwei hungrigen, auf den kleinsten Fehler von mir lauernde, Deutsche Schäferhunde erwartet. Freundlich grüßend - man will ja nicht provozieren - trat ich reinen Gewissens in die Fluggastbrücke hinaus und bedauerte sogleich mein unbekümmertes Wesen. Ohne Vorwarnung stürzten sich drei der Herren auf mich, stießen fremdartige Tonfolgen aus, warfen mich zu Boden und fummelten an meiner Figur herum. Hunde kläfften, zerrten ungeduldig an den kurzen Leinen ihrer lustig uniformierten Herrschaft. Einer fuchtelte nervös mit dem Lauf seiner Maschinenpistole zwanzig Zentimeter über meinem Kopf herum. Wahrscheinlich ein neues Teil, das er mir unbedingt vorführen musste. Handschellen klickten. Ein ekelhaftes Geräusch.
"Wie heißt der Film?"
"Schnauze!"
Sie hoben mich auf die Beine, und ich sah den Schweiß in ihren geröteten Gesichtern. Ordentlich verschnürt geleitete mich die Eskorte durchs Abfertigungsgebäude. Hunderte Menschen gafften mich an - und uns nach. Von einer Minute auf die andere war ich berühmt.
Glauben Sie mir, ich war heilfroh, als wir in der Amtsstube der Grenzschützer ankamen. Reisende können einem ja so was von blöd anglotzen.
Samt Fessel schlossen sie mich hinter ein Gitter. Keine Zelle, oder jedenfalls nicht so richtig, im klassischen Sinn, meine ich. Hinten links zog sich diagonal über die Zimmerecke ein mausgraues Gitter durch die Amtsstube. Vom Boden bis zur Decke. Vier Quadratmeter schräg gegenüber dem einzigen Fenster. Möbliert mit einem in der Wand verankerten Holzbrett und einer Pferdedecke. Ich verfügte über ausreichend Fantasie und Humor, um in dem Brett einen Bettersatz zu erkennen. Blöd genug, mich auf das wurmstichige Ding zu legen war ich freilich nicht. Ich setzte mich auf den Boden, lehnte mich an die Wand, streckte die Beine aus und beobachtete das Treiben im Büro.
"Wie sieht Ihr Gepäck aus?", fragte einer irgendwo aus dem Raum.
Als ob ich keine anderen Sorgen hätte. Ich beschrieb es und eine halbe Stunde später brachte man den Seesack. Sie entleerten ihn vor meinem Laufstall, indem sie ihn öffneten, um 180° drehten und einige Male kräftig, am Boden weit hochhaltend, schüttelten. Was heraus fiel, dem gaben sie einen Namen und trugen es in ein Formular.
"Ich will ja nicht neugierig erscheinen, aber weshalb bin ich hier?"

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Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.