Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 45 und 46

"Wissen wir nicht", antwortete der Schriftführer, ohne aufzusehen. "Wir hatten Sie nur festzunehmen."
"Ach, nur. Und der Aufwand? Sicher angemessen."
"Sie seien Söldner und gefährlich, steht im Telex."
"Und liebe rohes Menschenfleisch."
Jetzt umriss ich auch, wonach sie mein Gepäck durchstöberten: Ganz bestimmt folgten sie dem, was die Legende lehrt und suchten abgeschnittene Ohren und Schrumpfköpfe.
Nach drei langweiligen Stunden holte mich ein VW-Kleintransporter ab. Ich durfte den Seiteneingang benutzen und gleich hinter dem Gepäckgitter Platz nehmen.
Man brachte mich in Polizeihaft. Irgendwo in der Innenstadt. Und nach weiteren siebzig Minuten forderte man mich auf, meine Habe entgegen und ihre Gastfreundschaft nicht länger in Anspruch zu nehmen. Nichts lieber als das. Ich folgte auf die Kammer, nahm meine Habseligkeiten aus einem Karton, stopfte sie in den Seesack und reklamierte den Verlust meines Schweizer Offiziersmesser.
Der hagere Bulle hinterm Tresen sah mich müde an und knurrte etwas, das den Klang von "Leck mich" hatte.
"Unterschreib hier!", legte die flache Hand auf das Protokoll und schob es zu mir herüber.
"Abfahrn! Wo ist das Messer abgeblieben?"
Sein rechter Zeigefinger sträubte sich zunächst, schob sich dann aber doch Zeile um Zeile über das Protokoll des Bundesgrenzschutzes und stoppte bei Nummer neunundvierzig. "Hier steht’s. Also musst du es haben."
"Hab ich aber nicht. Was jetzt?"
"Woher soll ich das wissen. Unterschreib, dass du deinen Kram erhalten hast und basta!"
Ich übersah seinen ausgestreckten Arm mit dem Faserschreiber in der gichtigen Klaue, warf meinen Seesack auf die Schulter und machte zwei, drei große Schritte auf die Tür zu.
"He, bleib da! Drüben warten zwei vom LKA auf dich!"
Gott, wie primitiv! Fiel ihm auf die Schnelle wirklich nichts Dümmeres ein?

"Kommst hier sowieso nicht raus! Mach dich den Gang runter! Letzte Tür vorm Gitter links. Nummer null, null, sieben."
"Aber nur, weil ich so neugierig bin."
Ich drehte mich ihm noch einmal zu, sah in sein Gesicht und wusste, er sprach die Wahrheit. Ein Mensch, der mit einem derart langen, unnatürlich spitz und dürren, leuchtend rotem Rüssel gestraft ist, kann unmöglich auch noch lügen.

Und wahrhaftig - in der acht Quadratmeter großen, in unschuldigem Notaufnahmeweiß gehaltenen Besenkammer, Pardon, Besucherzelle geduldeten sich zwei Herren. Ein kleiner, väterlich lächelnder, schlohweißer Mittfünfziger und ein dunkelblonder, scharf rechts gescheitelter, misstrauisch blickender Anfang der dreißig, dessen Statur der Meinigen ähnelte.
Ich ging hinein, gab mit der Hacke der Tür hinter mir einen Stoß, stellte meinen Seesack an die Wand und sah unschuldig fragend von einem zum anderen.
Für einige Augenblicke hielt ich den Atem an. Mag ja sein, dass jeder Knast seinen Eigengeruch hatte, doch der hier übertraf alle. Gleich einem unvermittelt heftigen Fausthieb schlugen mir die gesammelten Werke aus Moder, Entkeimungschemie, Schweißfüßen und ungewaschener Genitalien auf den leeren Magen. Oder anders ausgedrückt: Mir war kotzübel.
Beide kamen auf mich zu, reichten mir ihre weichen, warmen Hände und stellten sich als Herr Spehr und Herr Kerker vor. Spehr, der ältere, deutete einladend auf die drei abgeschabten Holzstühle um den grob gezimmerten Tisch. Ich ging um den Tisch herum und setzte mich mit dem Rücken zum vergitterten Fenster und dem Blick auf die angelehnte Tür. Spehr wählte den Stuhl links von mir.
Kerker köderte mich mit Zigaretten und Cola. Kaffee und Steak wären mir lieber gewesen. Aber man soll ja nicht gleich nach den Sternen greifen. Selbst dann nicht, wenn man seit der Festnahme nichts Festes hatte zu sich nehmen können. So bediente ich mich seiner Zigaretten und drückte tapfer runter, was sich nach oben arbeitete.
Die beiden Herren schlossen sich übrigens nicht an. Spehr habe es sich auf Anraten seines Arztes abgewöhnt. Dreißig Jahre qualmte er täglich zwischen sechzig und achtzig Zigaretten. Ein beachtliches Pensum.

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.