Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 47 und 48

Meines lag bei zwanzig und der Zuversicht, einer der beiden Ignoranten möge sein Gehalt aus diesen Steuern beziehen.
Kerker habe noch nie geraucht und wisse auch nicht, was andere daran fänden. Ich wusste auch nicht, was andere daran fanden.
"Für die Polizei sind wir vom hessischen Landeskriminalamt. Für Sie vom Verfassungsschutz", eröffnete Kerker.
"Und wer seid ihr wirklich?"
"Wir kommen vom bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz."
"Nette Gegend. Kann ich jetzt gehen?"
Ich fühlte mich auf den Arm genommen. Und mich interessierte nicht im Entferntesten, was die von mir wollten. Erst die Festnahme, die ich mangels Nahrung nicht verdauen konnte, dann diese beiden Obergeheimen. Woher sollte ich wissen, welchem Verein sie tatsächlich angehörten? Ein Durcheinander war das mal wieder. Ich stand auf.
"Noch nicht!", blockierte Spehr meinen Freiheitsdrang, "Wir haben Ihre Festnahme veranlasst."
Frechheit! Ich setzte mich wieder und entzündete eine neue Zigarette an der Glut der vorherigen. Beide verfolgten jede meiner Bewegungen.
"Wir fanden, es sei die unauffälligste Lösung, um mit Ihnen ungestört ins Gespräch zu kommen."
"Was sonst. Auch ich bin ein Freak intellektueller Konversation hinter Kerkermauern."
"Sie mögen uns nicht", las Spehr meine Gedanken.
"Ich habe Hunger."
Weshalb sollte ich sie nicht mögen? Nehmen mich grundlos fest, werfen mich in den Knast und sehen seelenruhig zu, wie ich verhungere.
"Anschließend. Wir gehen anschließend in ein Restaurant.
Sag ich doch: Nette Jungs!
"Entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten." Kerker hob seinen rotbraunen Pilotenkoffer auf den Tisch, öffnete ihn und barg einen schwarz eingeschlagenen Terminkalender, einen handtellergroßen Notizblock und einen silberfarbenen Kugelschreiber.

Während er sein Handwerkszeug vor sich aufreihte und den Koffer zurück zwischen seinem und Spehrs Stuhl platzierte, sagte er: "Wir haben diesen ungewöhnlichen Weg beschritten, um Sie zu fragen, ob Sie sich vorstellen könnten, für uns tätig zu werden. Wenn Sie interessiert sind, werden Sie gleich verstehen, dass wir mit unserer Vorgehensweise nur Ihre Sicherheit im Sinn hatten. Welche Pläne haben Sie für die kommenden, sagen wir mal, drei Jahre?"
Spehr, die Hände im Schoß gefaltet, nickte bekräftigend.
"Ein warmes Bad, ein paar Monate El Salvador, dann wieder ein warmes Bad und dann - mal sehn."

Warum lügen. Ich kannte mich und wusste, dass es mich nach spätestens zwei Monaten Zivilisation wieder hinausziehen würde. So war das eben mit mir: Irgendwo schlagen sich zwei edle Motive und eines verlässt das Schlachtfeld als Sieger. Mir war völlig wurscht, welches. Denn mir waren beide zuwider. Insbesondere diejenigen, die sich in die in den Köpfen einiger weniger gereiften Lehren verfingen, sich in blinden Fanatismus steigerten, um im Terrorismus auszuarten.
Meinetwegen kann jeder konsumieren, was ihm behagt. Da bin ich ausgesprochen tolerant. Es ist mir ganz gleich, woran der eine oder andere erstickt. Ich irrte nicht umher, den Globus zu erkunden, gar herrschende Verhältnisse umzustoßen. Es zog mich hinaus, dieses Irrenhaus begreifen zu lernen, und wusste nie, wie einzudringen mir gelang.

"Sie sind verrückt."
"Wäre ich das nicht, hätten Sie mich dann auch entführt?"
"Kommen wir zum Ausgangspunkt zurück." Spehr rieb sich die Nase als habe ihm meine Wortwahl eins drübergezogen. "Unser Angebot ist nicht gänzlich ungefährlich. Dafür zahlen wir Ihnen einen Lohn von fünfhundert Mark plus fünfzig Mark Spesenpauschale die Woche. Alles darüber Hinausgehende rechnen Sie separat ab. Hinzu kommen Prämien, die von Fall zu Fall variieren, bei vierhundert Mark ansetzen und nach oben hin offen sind. Alles steuerfrei! Was sagen Sie dazu?"
Ich sagte nichts, fragte mich nur, wie der Steuerhinweis zu verstehen sei. Das Finanzamt hat noch nie einen Pfennig von mir gesehen. Eigentlich dürften die gar nicht wissen, dass es mich gibt. Und dabei sollte es auch bleiben.

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.