Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 49 und 50

So gemein, willenlose Wesen aufzuschrecken, kann doch niemand sein. Oder sah die Wahrheit ganz anders aus? Noch dunkler? Befand ich mich bereits in den Klauen der Steuerfahndung? Woran erkennt man Steuerfahnder? Haftet ihnen der Geruch pilzzerfressenen Papieres an? Läuft ihnen von all der beschwerlichen Schnüffelei wie einem Kokser permanent die Nase? Spehr bearbeitete noch immer seinen Zinken. Blöde Angewohnheit. War diese affige Rubbelei ein verdeckter Hinweis? Kerker hatte recht, mir fehlten tatsächlich ein paar Schnitten im Beutel.
Trotz allem fühlte ich mich fabelhaft. Im Erfolgsfall puscht die Rendite - und Erfolg war mein Geschäft. Salopper formuliert: ein geiles Investment. Aber hungrig war ich auch.
"Ihre Aufgabe wird es sein,", fuhr er fort, "uns über die Autonome Szene und ihre Aktivitäten zu informieren."
Ich griff nach der Zigarettenschachtel unter Kerkers Fingern. Seine Hand schreckte zurück. Gelassen nahm ich die Packung an mich, fingerte ruhig - zwei Augenpaare auf mir ruhend wissend - eine heraus, zündete sie an, sah dem aufsteigenden Rauch zur Decke nach und fragte: "Ein Scherz?"
Auf alles war ich vorbereitet, selbst ein Kanzlerattentat schloss ich nicht aus. Nur auf das Dealen mit Nachrichten kam ich nicht. Wie auch? Es war mir gänzlich neu, dass selbst so was stupides Geld einbringt.
"Kein Scherz", antwortete Kerker.
"Na, da muss ich jetzt wohl beeindruckt sein", holte meinen prüfenden Blick von der Decke, schweifte über Spehr hinweg und heftete ihn auf Kerker. "Und aufgeregt dem spannenden Job entgegenfiebern sowieso. Ich bebe vor Aufregung. Werde heute Nacht nicht schlafen können. Was ist übrigens ein Autodingsbums?"
"Autonome Szene. Miese kleine Terroristenfreunde", übersetzte dieser.
Und Spehr dozierte: "Abschaum! Verlaustes Pack, das Häuser besetzt, Polizisten mit Gehwegplatten, Molotowcocktails, Stahlkugeln und Leuchtspurgeschossen attackiert, um Deutschland in die Anarchie zu stürzen."
"Es ist die Hölle da draußen, nicht wahr."

Aus den feinen Häppchen bei Kerzenschein wurde dann doch nichts. Spehr meinte, man dürfe das Risiko, gemeinsam gesehen zu werden, nicht eingehen. Natürlich protestierte ich auf das Entschiedenste. Allein es half nichts.
Ohne Gnade - oder wenigstens Kaffee - instruierten mich die beiden bis drei Uhr in der Früh in dieser menschenfeindlichen Einöde. Dann fragte mich Kerker, ob ich eine Idee hätte, wie mein konspirativer Name lauten könnte. Den bräuchte ich nämlich, um Belege zu unterschreiben und, um mich am Telefon zu identifizieren. Das wiederum war nötig, weil ich immer montags Vormittag bis zehn Uhr zum Zweck der Terminvereinbarung für unsere wöchentlichen Treffs die 55 51 88 in München anrufen müsse.
Trotz Müdigkeit und knurrendem Magen strengte ich mich an - man macht ja nicht alle Tage so schwer auf geheim - und schlug Fürst von Bayern vor. Kerker schüttelte den Kopf. Ich versuchte es mit Bäckerei Kunerth. Aber Kerkers Haupt war nicht zu bändigen. Fortan würde ich Reiter heißen, ordnete Spehr an und ich fragte ihn, was es denn für eine Rolle spiele, wenn der Name ohnehin geheim bliebe. Jetzt schüttelten beide ihre Köpfe, als drückten sie ihr Unverständnis gegenüber einem Kleinkind aus.
An dieser Stelle kapitulierte ich und hob zur wirkungsvolleren Gestaltung beide Arme. Geschlagen fand ich mich mit dem schön unanständigen Kampfnamen ab, unterschrieb meinen Vertrag mit Reiter und steckte die Zweitschrift ein. Urplötzlich wirbelte Kerker hoch und bedrängte mich, ihm das Blatt zurückzugeben. Spehr sah zu ihm auf und die bewundernd anerkennende Mimik verriet seine Gedanken: "Wow, so habe ich dich noch nie erlebt, alter Haudegen!" Mit einem Satz war Kerker bei mir, baute sich zu meiner Rechten auf, beugte sich herab und stützte sich mit der einen Hand auf die Lehne meines Stuhls und der anderen vor meiner Brust auf die Kante des Tisches. Eine ungebändigte Haarsträhne baumelte zu allem entschlossen vor seinem linken Auge. Ich lehnte mich zurück und fragte mich, warum Nichtraucher Mundgeruch haben müssen? Aus Sicherheitsgründen erhalte ich keinen Durchschlag, sagte er mit bebender Stimme. Na, darauf hätte ich hungriger Trottelkopf auch selbst kommen können. Sicherheit! Na klar! Im Übrigen hätte ich mich mit meiner Unterschrift unter die Schweigeverpflichtung damit einverstanden erklärt. Wenn ich immer alles las, was ich unterschriebe, käme ich nie zu einer Unterschrift. Ich holte das Papier aus der linken Innentasche meiner Jacke und reichte es ihm. Kerker dankte es mit leuchtenden Kulleraugen.
Welch grandioser Auftakt.

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.