Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 5 und 6

"Darüber hätte ich gern mit ihm persönlich gesprochen."
"Dann tun Sie’s doch. Bin schon da."
"Bleiben Sie bitte dran, ich verbinde Sie."
Ein Knacken in der Leitung. Die Verglasung der Kühltheke zur Linken fing mein fragendes Minenspiel auf. Was, wenn ich es nicht bin?
"Hallo, spreche ich mit Herrn Fechter?", forschte eine andere männliche Stimme nach wenigen Sekunden Funkstille.
"Und ich?"
"Herr Bernhard möchte Sie sprechen."
Bernhard? Ich kannte niemanden, dessen Familienname andere Leute zum Rufnamen haben.
"Nur zu, Sie zahlen!"
"Er ruft Sie in zehn Minuten zurück."
Ich legte auf und spurtete ein weiteres Mal auf den Lokus.
Und wie ich da so saß, die Ellbogen auf den Knien und den Kopf zwischen den Handflächen, fragte ich mich, ob ich nicht etwas Vernünftigeres zu tun habe, als auf einen merkwürdigen Anruf zu warten. Hatte ich nicht. Und dann war da auch noch meine Neugier und das unerklärliche Gefühl, auf eben diesen Anruf gewartet zu haben und womöglich eine einmalige Gelegenheit zu verpassen, nahm ich ihn nicht wahr. Also beeilte ich mich.
Als der Apparat von Neuem klingelte, stand ich bereits neben ihm. Ich war allein. Mittwochs war ich immer allein im Laden, denn mittwochs war Ruhetag - da blieb die Konditorei geschlossen. Das Geschäft gehörte Freunden. Dienstagabends rollte ich meinen Schlafsack auf dem Kachelboden im Verkaufsraum neben der Eingangstür aus und donnerstags in der Früh gegen drei wieder zusammen. Dann kam Ulli, der Chef, weckte mich und machte sich nach einer gemeinsamen Tasse Kaffee ans Brot backen. Eigentlich schaute ich nur vorbei, um mich herumtreibenden Strolchen, die dem überhandnehmenden Freizeitsport frönten, nach Geschäftsschluss in fremder Leute Kasse zu greifen, in den Weg zu werfen und ihr ehrgeiziges Vorhaben ein Stück weit zu versüßen. Aber sie kamen nicht - und so langweilte ich mich die überwiegende Zeit.
Ich tat es nicht der Peseta, die mir Ulli heimlich zusteckte, sondern unserer Freundschaft wegen. Biggi, seine Frau, durfte von dem Geld nichts wissen. Knauserig war sie bestimmt nicht, nein, Biggi war krankhaft geizig. Insbesondere ihrem Mann und seinen Freunden gegenüber.

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Entspannt zündete ich mir eine Zigarette an, trank einen Schluck Kaffee, nahm den Hörer ab und sagte: "Beerdigungsinstitut Himmelsfreud."
"Grüß Gott, spreche ich ..."
"Nein, dem Herrn ist unpässlich."
"Spreche ich mit Wolf Fechter?"
"Das wiederum kann ich bejahen. Worum geht es?"
"Können Sie auch Ernst sein?", fragte er pikiert.
"Nein, aber Wolf. Und bei dem ist es eine Frage des Preises."
"Na schön. Sie haben Kontakt zu unseren Freunden, wie mir Herr Spehr berichtete. Richtig?"
"Und weiter?"
"Wir sind interessiert. Fahren Sie ins Baskenland und halten Sie uns von da auf dem Laufenden. Wenn auch nur die allerkleinste Hoffnung besteht, tiefer in diese Kreise eindringen zu können, sind wir dabei. Nächste Woche lassen wir Ihnen sechshundert Mark für Ihre Aufwendungen zukommen. Sind Sie einverstanden?"
Genüsslich strich meine Zunge über die Lippen. Warum zögern? Ich liebte das Geräusch knisternden Papiergeldes. Allein die bloße Vorstellung daran brachte mich nah an eine Erektion. Natürlich nahm ich das Angebot an.
"Wir schicken es Montag oder Dienstag ab. Zeitgleich wird sich mein Kollege bei Ihnen melden. Mit ihm können Sie dann alles Weitere besprechen."
"Aber nicht vor zweiundzwanzig Uhr dreißig."
Das war wichtig, um ungestört sprechen zu können. Kurz nach 22 Uhr schloss die Konditorei. Wenig später entnahm Biggi die Tageseinnahmen der Kasse, brachte sie zur Bank und fuhr anschließend heim. Ulli war um diese Zeit längst weg. Ich hatte einen eigenen Schlüssel, den Ulli anfertigen ließ, als ich zusagte, mittwochs seinen Laden zu hüten.
"Sie werden selbst rangehen, nehme ich an. Von uns spricht keiner die Sprache von da unten", und legte auf.

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Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.