Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 51 und 52

Spehr wünschte mir zum Abschied alles Gute und Kerker ein dienstliches "Bis Montag dann."
Pflichtbewusst sagte ich zu und machte mich galoppierenden Schrittes zum Bahnhof.
Weg von hier, nichts wie weg von hier, dachte ich mir. Weit weg vom Knast, raus aus diesem Land.
Wenn die Heimlichtuer erst einmal auf dich aufmerksam geworden sind, ist es höchste Zeit, sich zu verkrümeln. Die nehmen ihre verdammten Pfoten nicht mehr von dir. Deine freiberufliche Karriere hat sich geerdet. Geier wie diese grapschen nach allem, krallen sich daran fest, verbeißen sich, gönnen keinem was.

Ich hatte kein Zuhause. Auch in Deutschland nicht. Nach vielen Jahren kehrte ich in dieses Land zurück, um etwas aufzubauen, was mir gehörte, wohin ich mich flüchten konnte.
Im Bahnhofsrestaurant verdrückte ich sechs lederne Wurstbrötchen und drei Becher ... äh ... Kaffee. So stand es auf dem Kassenbon.
Sicher, ihr Angebot hatte was. Doch war ich noch nicht so weit. Ich telefonierte mit einem guten Freund und nahm den nächsten Zug nach Amsterdam.

Spehr sagte, es könnten zwei oder sogar noch mehr Jahre vergehen, bis ich das Vertrauen dieser Leute gewonnen habe. Und selbst dann sei es nicht sicher, ob ich jemals bis an die Basis vordringen und in ihre Planungen einbezogen würde.

Mein Einsatzgebiet beschränke sich zunächst auf Nürnberg. Hier stünde die Front, gab sich Kerker kriegerisch. Meine Aufgabe sollte es sein, mich in die linksradikale Szene einzubringen. Auf Hilfestellungen seitens des kleinen Bruders bräuchte ich nicht zu setzen, da sie nach einem Außenstehenden, der sich eigenständig in die Szene hineinlebe und nach oben arbeite, Ausschau hielten. Als vorrangige Zielobjekte nannten sie die Autonomen und die Antiimperialisten, die sich Antiimps nannten.
Nach Spehrs Worten, Anarchistengesindel und verlauste Handlanger der RAF - der Roten Armee Fraktion.
Je mehr die beiden auf mich einredeten, desto weniger verstand ich. Sie kannten sich aus. Für mich hingegen war diese Szene etwas Fremdartiges.

Wie übrigens auch tiefschürfende Politik, mit der ich mich zu befassen hätte. Ich verstand von alldem nichts, kannte nur das Synonym: Brandstiftung.
Aber ich war neugierig. Neugierig, zu erfahren, wer diese Menschen sein mögen, die mein Land in die Besitzlosigkeit drängen wollten. Spehr sagte, es seien verlauste Spinner. Weshalb machten sie dann so viel Aufhebens darum? War es ein kammerjägernder Wolf, wonach sie suchten? Oder das Schaf?
Über eines war ich mir allerdings von vornherein im Klaren: Potenzielle Mitarbeiter aus der Szene würde ich ihnen nicht liefern. Ich hänge mir wohl Rendite schmälernde Konkurrenten ans Bein. Die mussten mich für ganz schön blöd halten. Auf die 200 Mark Kopfgeld verzichtete ich gern.
Überhaupt bestand ihr Kampfstoff vornehmlich aus klingender Münze. Ach, wie ich meine beiden Kloakengärtner doch liebte. Nein, lumpen ließen sie sich wirklich nicht. Gleich sechs zarte Blaue würden sie rüberwachsen lassen, rutschten mir beispielsweise auf einer Demonstration ein paar Steinchen aus der Hand. In Richtung Polizeiaufgebot, versteht sich. Zugleich machten sie aber zur Bedingung, dass es in der Folge zu einer handfesten Auseinandersetzung zwischen den Sicherheitskräften und dem linken Pack kommen müsse. Erst dann öffne sich die Kriegsschatulle. Absolut kein Problem, beruhigte ich sie. Kerker meinte noch, dass sie sich nicht auf Pflastersteine festlegten. Auch Leuchtspurgeschosse, Rauchbomben oder anderer Firlefanz sei geeignet. Hauptsache effektiv.
Das war doch mal ein Wort. Ja, und überhaupt sei eine szenetypische Grundausstattung an Leuchtspurmunition, Schleudern und Stahlkugeln unerlässlich. Was ich damit im Einzelnen anfinge, überlasse er meiner Intelligenz. Neben Auslagen bei Kneipenbesuchen, Teilnahme an Veranstaltungen, Fahrtkosten, Literatur und allerlei anderem Schnickschnack würde selbstverständlich auch dies über Spesen abgerechnet. Konsequenzen bräuchte ich keine fürchten. Solange ich in ihren Diensten stünde, entständen mir keinerlei Nachteile. Man werde sich um alles kümmern und nötigenfalls umgehend bereinigen. Bedenken seien nicht angebracht. Ich könne völlig unbesorgt ans Werk gehen.
Endlich mal jemand, der meine Arbeit zu schätzen wusste.

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.