Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 53 und 54

Drei Monate nach unserem lauschigen Zellenplausch meldete ich mich telefonisch bei Kerker zurück. Er begrüßte mich als seien wir tags zuvor gemeinsam um die Häuser gezogen und verlangte im selben Plauderton einen detaillierten Bericht über die Ereignisse in den Niederlanden.
Ich sagte ihm, dass die Hauptnachrichten nicht unter fünfhundert Mark zu haben sind. Er schluckte hörbar. Als er es runtergewürgt hatte, schickte er ein schrilles, künstliches Lachen über den Draht an mein sensibles Ohr und sagte betont locker: "Gebongt!"
Noch am gleichen Abend bezog ich eine Nürnberger Pension und nahm meine Arbeit auf. Unbelastet, denn mir war noch immer schleierhaft, was es mit den Autonomen auf sich hatte.

Siebzehn Tage drückte ich mich von morgens früh bis abends spät an den denkbar ungemütlichsten Orten der Stadt herum und strandete doch immer wieder im KOMM. KOMM stand für Kommunikationszentrum. Es befand sich in der alten Stadtmauer gegenüber des Hauptbahnhofs und vertrat damals, was heute kaum noch geläufig ist: Eine Begegnungsstätte für Jugendliche - ein wahrhaftiger Jugendtreff. So sehr Jugendtreff, dass die öffentliche Meinung, sich standesgemäße Prügeleien zu liefern, noch nicht zu den hier verkehrenden Linken, Punks und Skins durchgedrungen war. Arglos gaben sie sich einträchtig die Klinke in die Hand.
Ich pendelte zwischen Teehaus, Café, Kneipe und Kino. Emsig besuchte ich Veranstaltungen, gab furchtbar wichtige Äußerungen, die mir einfach so in den Sinn kamen, deren Sinn mir aber verborgen blieb, von mir und machte die Bekanntschaft mit Jugendlichen im Trauerflor - den Autonomen, wie Kerker auf einem unserer wöchentlichen Treffen nicht ohne Zufriedenheit verlauten ließ.

Dann, nach siebzehn Tagen, meldete ich Vollzug und zog ins "Bunte Haus" nach Erlenstegen, einem Stadtviertel, in das sich jene zurückzogen, die sich selbst allzu gern auf der Sonnenseite unserer Gesellschaft sahen. Natürlich eiferte ich ihnen nicht nach. Ich begnügte mich mit einer ehemaligen Fleischerei, die während des 1981er Hausbesetzerkampfes kassiert und ein Jahr später - wenige Tage vor meinem Auftritt - mit einem städtischen Mietvertrag an die Besetzer freigegeben wurde.

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Ein kleines verträumtes, bäuerlich anmutendes Anwesen mit großem Hof, umgeben von einem verwilderten Gärtchen mit vier uralten Was-weiß-ich-Bäumen, einer Bundesstraße, der Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 4 samt Wendeschleife und einem meterhoch aufgeschütteten Bahndamm.

Sechs schmuddelige, zurückhaltend interessiert lächelnde Gymnasiasten hatten sich im vormaligen Verkaufsraum, der nun Wohnküche hieß, um den schweren massivhölzernen Küchentisch versammelt, und hielten VV. Sie gaben sich wirklich alle Mühe, das darzustellen, was sie eine Wohngemeinschaft nannten und nahmen sich und ihr Handeln furchtbar ernst. Ich stellte mich vor, unterzog mich einer dilettantischen Aushorche und ging wieder vor die Tür, während sie, über Pfefferminztee und Buttergebäck gebeugt, beratschlagten und nach nur drei Stunden eine fürwahr weise Entscheidung fällten.
Die Vollversammlung, weihte mich ein dürrer Langhaariger in (man stelle sich das Mal vor) pinkfarbenen Cordhosen ein, nachdem er mich zu einem Pot ihres widerlichen Gesöffs in die gesellige Runde seiner Artgenossen gebeten hatte, habe einstimmig über mein uneingeschränktes Bleiberecht entschieden.
Daraufhin bezog ich mein kleines Zimmer mit malerischem Bahndammblick im ersten Stock, mied fortan Friseur und Rasierklinge und legte mir eine spesenbegünstigte schwarze Motorradlederjacke, ebensolche Jeans, Springerstiefel und Hassmaske zu. Man will ja angemessen gekleidet und ordentlich vermummt sein.

Mein Lerneifer war ungebrochen. Ich politisierte mich, wie Kerker das Schwafeln von Utopien, über ungereimtes Zeug und hochgradigem Schwachsinn bezeichnete. Und nach fünf Wochen nahm mich Ulrike (sie hauste im früheren Kühlraum neben der Küche) zum wöchentlich stattfindenden Plenum, dem Allerheiligsten, dem geheimen Strategietreffen der Autonomen, mit.

Ende der Leseprobe

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Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.