Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 7 und 8

Die Sprache von da unten? Welche wird das wohl sein?
Auf die Rückseite eines herumliegenden, von einem Kunden verschmähten Kassenbon schrieb ich: "Bin im Büro! W.", und legte das Schnipsel ungefähr in die Mitte des Verkaufsraumes, auf die einzige schokoladenfarbene, inmitten fahlbraun glasierter Bodenfliesen aus gebranntem Ton.
Zur Feier des Tages genehmigte ich mir Kurzurlaub im MANICOMIO. Das Irrenhaus, wie es frei übersetzt hieß, lag keine fünfzig Meter von meinem Arbeitsplatz entfernt.
Pedro kam von der Toilette, rieb die Handflächen schnell und kräftig aneinander, als sei ihm ein ganz besonders guter Wurf gelungen und nickte mir beiläufig zu. Ich grüßte mit erhobenem Arm zurück, ging an drei älteren, Kaffee schlürfenden Männern vorbei seitlich um die Theke herum und nahm mir ein feuchtes Putztuch vom Spülbeckenrand.
Draußen befreite ich die Sitzfläche eines Stuhles vom Straßenstaub und setzte mich an einen der kreisrunden weißen Plastiktische, die Pedro jeden Morgen einladend vor dem Café am Straßenrand aufreihte. Nur geputzt hat er sie schon seit neun Jahren nicht mehr - aus Prinzip. Das Trinkgeld der Touristen sei zu mager, um auch noch die Putze zu spielen, sagte er mir einmal und verriet, unter der Bedingung, dass ich mich den Touristen gegenüber nicht verschwatze, wo ich ein ordentliches Putztuch fände. Sollte sich mal einer dieser Geizkragen bei ihm beschweren, was aber nur ganz, ganz selten vorkomme, dann entschuldigte sich Pedro für seine Angestellten, die er nicht hatte, weil er selbst der einzige Angestellte war, und gab ihm einen Lumpen, der bestimmt (dabei sah er verschmitzt lächelnd in die Ferne und tat so, als versuche er sich zu erinnern) seit einem Jahr oder länger kein sauberes Wasser abbekommen habe. Reinigungsmittel sowieso noch nie. Viel zu teuer.
Ich lehnte mich zurück und sah über die Hauptstraße durch die kleine Gasse, von deren Ende mir die grünbraune Eingangspforte der deutschen Konditorei, Ullis "Pasteleria Alemana", zublinzelte. Er, Ulli, war es, der dem MANICOMIO den Beinamen "Wolfs Büro" gab, weil ich mich nahezu täglich, gelegentlich auch mal vom Morgen bis zum Abend, darin oder davor aufhielt.

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Mein Büro war ein typisches spanisches Café. Ein Original - und urgemütlich. Seine Lage ideal. Unmittelbar an der Hauptverkehrskreuzung des Ortes gelegen, wurde es hauptsächlich von Einheimischen frequentiert. Zur Zufriedenheit Pedros, kehrten nur selten Touristen ein. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, Touristen mieden mein Büro, weil es ihnen zu schmutzig sei. Mumpitz!
Vielleicht wegen der paar grünweißen Papiertütchen am Boden? Für mich ein Ausdruck andalusischer Lebensqualität. Ein MANICOMIO ohne die unzähligen leeren Zuckerportionstütchen auf dem Boden, wäre es nicht mein MANICOMIO, sondern eine dieser öden Eckkneipen. Außerdem schob Pedros Frau zwei Mal täglich einen breiten, weichen Besen um die Tische. Abgesehen davon blieb es jedem unbenommen, sich die Taschen voller Müll zu stopfen.
Na gut, ich gestehe ein, die Toilette war tatsächlich ein wenig daneben. Ich probierte sie aus. Nur ein Mal. Und dass lag auch schon einige Monate zurück. Gut, sie war eng. Dafür aber ohne beißenden, die Magenschleimhäute bis zum Würgreiz kitzelnden Desinfektionsgestank. Es roch mehr nach einer Abdeckerei, bei der seit Tagen Kühlsystem und Klimaanlage ausgefallen sind.
Und dreckig war sie auch nicht. Ich meine, es lag nichts herum, was eigentlich in den Topf gehörte. Und doch war mir als bekäme ich eine schlimme Infektion, einhergehend mit offenen Entzündungen, eiterigen Abszessen und unerträglichen Qualen, streckte ich die Hand nur nach dem Papier. Hinter die eigenartigen Lichteffekte bin ich nie gekommen. Fenster oder Lampe gab es nicht. Das heißt, ein fünfzig Zentimeter breiter und zehn Zentimeter hoher Schlitz über der Tür sorgte für mäßige, aber ausreichende Helligkeit. Nicht zu vergessen, dass an Orten wie diesem ohnehin mehr der Tastsinn gefordert ist.
Und dann waren da noch ein paar Fliegen, die rastlos umherschwirrten, sich an den Wänden niederließen und sie schwarz färbten. Vielleicht Hundert, vielleicht einige Tausende - was macht das schon, wenn eine Schmeißfliege genügt, einem zum Mörder werden zu lassen.
Beim Vorüberschlendern jedenfalls war von alldem absolut nichts wahrnehmbar.
Ich liebte dieses Café! Und es gab viele gute Gründe, weshalb ich mich ausgerechnet hier so ausgesprochen wohl und behaglich fühlte.

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Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.