Fechter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 9 und 10

Vier der Wichtigsten waren, dass es im MANICOMIO den besten Kaffee der Stadt, wohlschmeckende Paprikawürstchen und die leckersten Schweinsohren (Kunststück: die lieferte Ulli.) gab und mich niemand von oben herab wie einen unerwünschten Ausländer behandelte. Die Menschen waren zugänglich, freundlich, aufgeschlossen, ehrlich im Umgang mit Fremden und hielten ihre Versprechen. Nichts Aufgesetztes. Entsprechend höflich auch der Umgangston untereinander. Gründe genug, meinem Irrenhaus die Stange zu halten.

Da saß ich also in schönstem Sonnenschein am Straßenrand. Pedro eilte herbei und stellte ein Glas frisch gebrühten Kaffee mit Milch und Zucker vor mir auf den Tisch. Er brachte ihn, ohne gefragt zu haben. Und ich dankte ihm für seine Aufmerksamkeit - jedes Mal. Zeigte sie doch, dass ich zur Familie gehörte.
Bevor er wieder im Inneren verschwand, warf ich noch schnell einen Blick auf sein weißes Oberhemd. Auf beeindruckende Weise legte dessen Verschmutzungsgrad Zeugnis über die Intensität seines Tagesgeschäfts ab. Es war ein ruhiger Tag.
Seit nunmehr über vier Monaten, also seit dem Tag als ich in Estepona, einem Ort mit ländlichem Flair, in dem bodenständige Menschen leben, eintraf und im MANICOMIO meinen ersten Kaffee trank, begeisterte mich dieser Teil seiner Berufskleidung. Eigentlich ging es mich überhaupt nichts an, auch verbarg sich kein tieferer Sinn dahinter - es erheiterte mich einfach nur.
Ganz anders der Bulle auf der Kreuzung vor mir. Von früh bis spät stand er bei über dreißig Grad im Schatten auf seinem der Sonne ausgelieferten kleinen rot-weißen Podest und ruderte mit den Armen, um mobilisierte Kleinstadtbewohner in ihrem Drang zu bändigen. Welche fantastischen Wasserspiele verbarg er wohl unter seiner Schirmmütze und der dunkelblauen Uniform? Manchmal gönnte er sich, so um die Mittagszeit, wenn die Glut ihren Höhepunkt erreichte, einen Kaffee im MANICOMIO und tat, wozu ich mich nur ein Mal überwand - er ging zur Toilette. Ich bemitleidete ihn.

Doch nahm ich all das an diesem Tag nicht wirklich wahr. Ich sah es wohl, empfand jedoch weder Mitgefühl noch Freude an dem, was mich Ansprechendes umgab. Selbst den hinreißend schönen Frauenbeinen, für die es gewöhnlich unmöglich war, sich meinen ungalanten Blicken zu entziehen, vermochte ich nichts abzugewinnen. Und der Kaffee hatte einen bitteren Beigeschmack. Irgendwie war alles anders an diesem Tag. Dabei gedachte ich doch, meinen verheißungsvollen neuen Job zu begießen. Ich wollte feiern und glücklich sein. War ich noch ich selbst? Mir ging es doch gut. Ich fühlte mich ...
Es klingelte. Unablässig schrillten um mich herum Telefone. Aus unzähligen Hörern hörte ich die Stimme Bernhards. An jedem Apparat dasselbe. Bernhard, überall Bernhard. Ich verstand nicht, was er sprach. Was wollte er? Warum legte er nicht auf?
"Leg endlich auf, du nervst!", sagte ich und war wohl eine Spur zu laut. Pedro, der mir einen weiteren Kaffee brachte, sah argwöhnisch zu mir herab, schüttelte zweimal kurz den Kopf, ohne dass sein pomadisiertes schwarzes Haar der kleinsten Schwingung ausgesetzt wurde, nahm das leere Glas vom Tisch und ging mit einem feinen Lächeln auf den Lippen zu dem reiferen Touristenpaar am übernächsten Tisch. Er sagte kein Wort. Jedenfalls nicht zu mir. War auch besser so.
Ich warf meinen Zigarettenstummel auf die Straße und zündete mir eine neue Zigarette an. Meine Gedanken mussten von dieser wackeligen Ebene runter.

Wenige Stunden nach meiner Ankunft im Februar wurde ich in diesem 20.000 Einwohner zählendem Städtchen an der südspanischen Mittelmeerküste zur Zielscheibe des Dorfklatsches. Vor allem an meinem sorgfältig ausgewähltem Äußeren zogen sich die Schwätzer hoch. Mein kurz geschorenes Haar und den dichten, schwarzen, weich auf die Brust fallenden Vollbart ließen sie gerade noch durchgehen. Und meine schwarze Stoffmütze, von so manchem unzutreffend als Schlägerkappe abgewertet, meine schwarze Motorradlieblingslederjacke, die schwarze, hautenge Lederjeans und die, natürlich ebenfalls schwarzen, spiegelblank polierten, Springerstiefel erregten ohnedies nicht nur in Estepona und an der Costa del Sol Aufsehen. Ich drängte sie nicht, hinter mein einnehmendes Naturell zu steigen. Und doch beruhigten sich die Gemüter bald.

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.