Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 1 und 2

I

Die Luft war trocken, es roch nach altem Papier und Körperausdünstungen, aber auch nach einer Spur Tod, die mehr und mehr nahte, sich verdichtete, aus dem Nebel trat und mich für den Bruchteil eines Augenblicks meine Blähungen vergessen und auf das Entfalten dieser zaghaften Knospe hoffen ließ. Doch sie lebte nicht - und ich hörte wieder das Lachen. Ein bitteres, ein böses Lachen. Und sie lachten und lachten. Es nahm kein Ende. Meine Ohren dröhnten, Wut verfärbte sie purpurn.

In einer lächerlich wirkenden Pose hing ich wie ein dahingeworfenes, kunstvoll gefaltetes Gästehandtuch auf einem unbequemen, harten Holzstuhl und sah mit seitlich verdrehtem Kopf zu ihnen auf. Mein Hals signalisierte Schmerz, aber sonst empfand ich nichts. Speichel mit dem Geschmack erdbeersüßer Mordgier sammelte sich auf meiner Zunge und seilte sich über den rechten Mundwinkel zwischen meinen Oberschenkeln zum Boden ab. Ohne mit der Wimper zu zucken hätte ich aufspringen und beide gleichzeitig erwürgen können. Den einen mit der Linken, den anderen mit der Rechten - und schnapp! Würgend ihr abstoßendes Hohn lachen zerquetschen. Ein für alle Mal die längst fällige abgestandene Luft aus ihnen lassen.

Jesus, hatten die ein verdammtes Glück, dass ich mich zurückhielt. Na ja, genau genommen war ich zwangsgehemmt und tat mich deshalb bei der Umsetzung meines Vorhabens etwas schwer. Kräftig genug war ich wohl, allein die Beherrschung zu verlieren, gelang mir nicht.

In weiser Voraussicht legten mir die beiden Rohlinge Handschellen an, führten sie um ein Tischbein herum und zerrten meinen Stuhl einen halben Meter nach hinten weg, so dass mein Kopf auf die Knie nickte und sich mein Hintern in Windeseile auf der abgerundeten Kante des Stuhls Halt suchend ausbalancierte. Es drückte ein wenig quer, möchte ich mal sagen. Vorbei mit aufrecht sitzen. Gepflegter Rundrücken war angesagt. Ganz klar, dass sie so ungestraft ihre Späße mit mir treiben konnten.

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Die Situation war mir nicht ganz neu, die Haltung dagegen schon. Äußerlich regte sich kein Muskel an mir, weil diese Begebenheit eben nichts grundlegend Neues offenbarte und meine gewöhnungsbedürftige Pose kein schmerzloses Muskelspiel zuließ.
„Wollte er oder wollte er nicht?“
„Der Butler wollte!“
„Nein, nein, James wollte nicht!“
„Doch! Er wollte, konnte aber nicht!“
Wie spaßig! So ging es in einem fort. Ich bin beileibe kein Kostverächter, leihe einem anständig schmutzigen Witz gern beide Ohren, aber mein Verständnis für solcherart Humorausbrüche hat Grenzen. Wenn ich etwas wirklich nicht ausstehen kann, dann sind es zusammengeschusterte, völlig deplatzierte Witze ohne Pointe. Wie nennt man eigentlich den Witz eines Witzes? Staats-Diener?

Ja, ich heiße James Wollter - na und?
Und damit auch das gleich geklärt ist: Ich bin weder Butler noch Komiker - und war es auch nie.

Geboren wurde ich als kleines rotes, vom Ast gepurzeltes Käfigkind; war hässlich wie ein Teller Hafergrütze und zu allem entschlossen.
Heute ist das alles anders.

Aber der Reihe nach.

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Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.