Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 13 und 14

Quatsch nicht rum, mach die Tür auf.
„Ich bin müde“, sagte ich schnippisch, langte nach der übel riechenden, braunen Pferdedecke auf dem Tresen; klemmte das kratzige Ding unter den rechten Arm, steckte beide Hände in die Taschen des Overall, drückte mich am fusselsuchenden Borrmann vorbei und folgte den beiden Obermeisterdienstgraden die Holztreppe hinunter und über den Hof in ein kleines, frei stehendes, einstöckiges gelbes Gebäude.
Ich meine natürlich ein Gartenhäuschen. Hängepetunien bepflanzte Blumenkästen suchte ich zwar vergebens, doch fiel mir im entzückend kleinen Vorraum gleich die Schreibblockgroße Glasscheibe im Mauerwerk zu meiner Rechten auf. Eine wirklich durchdachte Lösung. Öffnen ließ sie sich nicht, dafür aber hatten durchblickende Aufseher eine nur anderthalb Meter entfernte, ocker Farbe abstoßende Wand vor sich. Und beugten sie sich dann nach vorn und drehten den Kopf mal nach links, mal nach rechts, kamen sogar noch die Eingangstür und bestimmt zwei Zellentüren hinzu.
Locker schlenderte ich durch den Vorraum auf einen quer verlaufenden fensterlosen Flur. Er lag im Halbdunkel. Das lustlose Glühlämpchen aus dem Vorraum brachte keine Erleuchtung. Es tat sich schwer, vielleicht wollte es auch keinen Schritt um die Ecken wagen. Ich atmete flach in kleinen Häppchen. Zunächst glaubte ich, einer der Schließer habe einen mächtigen Koffer abgestellt, doch hier hinten wurde aus dem Koffer die Gepäckabfertigung eines internationalen Flughafens. Ich dachte nicht weiter nach und atmete mehrere Male tief ein. Mein Brustkorb blies sich auf wie ein Ballon, der, ließe man ihn gewähren, im nächsten Augenblick die ihm eingepresste Luft mit hohem Druck angewidert ausstieß.

Als Kinder spielten wir oft in der Kanalisation unserer Stadt. Manchmal Verstecken, meistens aber erschlugen wir Ratten. Übler Fäkaliengestank war mir nicht fremd, es befremdete mich nur, ihn nun auch in der Wohnung zu haben.
Sechs pedantisch ausgerichtete dunkelbraune Zellentüren verteilten sich wie Pferdeboxen über die gesamte Breite des Gebäudes.
„Links! Leg die Decke hintn aufn Haufn drauf!“, befahl mir ein übergewichtiger Schließer.
Gehorsam trabte ich die sechs Meter bis zum Ende des Gangs. Unmittelbar neben der Zelle mit der schwarzen Nummer eins auf der Tür türmten sich zwei Stapel Seegrasmatratzen auf. Der eine mit neun, der andere mit sechs dieser, selbst in mattem Licht gut erkennbaren, versifften Teile. Auf dem kleineren Haufen machte ich etwas aus, das ich für zwei ordentlich zusammengelegte Pferdedecken hielt. Ich nahm die Hände aus den Hosentaschen und warf meinen Lappen achtlos dazu.
„Mach das anständig, du Sackgesicht!“
Ich tat einfach so, als hätte ich ihn nicht gehört. Überlegte es mir aber anders, als mich sein Bummi mit voller Wucht auf dem Rücken traf und mich ein furchtbar lästiger Schmerz zusammenfahren ließ.
„Los, anständig die Decke da drauf, sonst setzt's noch was!“
Danke für den freundlichen Hinweis. Schon überredet. Lächelnd nahm ich sie auf, legte sie ordentlich zusammen und zurück auf die beiden anderen.
„Geht doch. Man muss bei euch Gesindel nur etwas nachhelfen. Komm, hier geht’s rein, du Schwein!“
Gib mir für eine Minute deinen Bummi; nur eine Minute - und ich zertrümmere dir deine aufgeschwemmte Visage. Mit funkelnden Augen drehte ich mich eine halbe Drehung nach rechts, musterte das Grinsen im feisten Gesicht des Schließers, der abwartend neben der geöffneten Tür lauerte, und sagte: „Nach Ihnen, Herr... äh?“
„Rein ins Loch!!!“, schrie das Ferkel mit hochrotem Kopf.

Ich ging hinein als suche ich nach Beginn der Vorstellung einen Platz im Kino und zuckte zusammen, als er das Gitter hinter mir zuwarf und abschloss. Ich drehte mich nicht um, spannte jeden Muskel meines Körpers und zuckte doch wieder zusammen, als er die beiden Riegel vor die Tür schob und den Schlüssel zwei Mal im Schloss drehte.
Zelle eins war keine Zelle. Es war der wahrgewordene Albtraum, den zu träumen ich vermied. In meiner Verzweiflung trat ich wie ein ausschlagender Gaul mehrfach gegen das Gitter. Mein Rücken schmerzte, und ich kämpfte mit den Tränen.
„Gib Ruhe, sonst setzt’s noch mehr!“ Zum dritten Mal zuckte ich zusammen und hasste mich dafür.
Du bist ein Knacki in Einzelhaft. Halte dich daran! Sei gefälligst hart und lass diese verdammt weibische Schreckhaftigkeit.

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.