Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 15 und 16

Doch sein Angebot kam derart schnell und unverhofft, dass ich mich erschrocken umwandte und mit aufgerissenen Augen zunächst das Gitter anstarrte, bevor mir gewahr wurde, dass er mich durch den Spion in der Tür beobachtete.
Mein Albtraum bestand aus vier Quadratmeter Finsternis hinter einem eigenen Zaun. So von der Art eines Hundezwingers - nur vielleicht nicht ganz so komfortabel. Dem eingehenden Trettest entnahm ich, dass die Einfriedung keinen Strom führte.
Der Tür gegenüber eine Fensteröffnung, bei der das Gitter nicht wie sonst bei klassischen Bauwerken diesen Typs üblich, auf der Außenseite, sondern innen angebracht war. Vielleicht um Unbeholfenen den Gang zu erleichtern. Nur einen spaltbreit ließ sich das maulwurfsgraue Milchglas kippen - nach außen. Was sich dahinter verbarg, es blieb mir verborgen. Ein außen um die Fensteröffnung angebrachter, geschlossener grüngelber Drahtglaskasten mit dunklem, möglicherweise lebendig, saftig grünem Moosteppich nahm mir die Kraft der Sonne, die Hoffnung des Regens und die Philosophie der Winde. Er saß wie der Deckel auf einem Einweckglas, das Großmutter weit hinten im feuchten Kellerregal vergaß.
Ich sah auf dieses Loch in der Wand und fragte mich, ob ich nicht viel zu viele Gedanken daran verschwendete, denn schließlich war ich hart, unbeugsam und überhaupt ein schlimmer Finger.
Im Rücken die stumme Traurigkeit des Zaunes, der wie ein Moskitonetz von der Decke zum Boden fiel und sich quer durch die Zelle von einer Wand zur anderen spannte. Womöglich ein Qualitätsprodukt des Stahlwerkes Riesa - Knackischweiß vom Anfang an. Und dahinter mein Vestibül, wenn ich mal so sagen darf. Ein schönes Vestibül. Brach lag es da, erstreckte sich vom Zaun bis zur einem Meter zwanzig entfernten Tür. Nein, keine Tür. Es musste etwas anderes sein. Türen haben Klinken, Sargdeckel haben niemals Klinken.
Wände, Decke und Fußboden in den ruhigen Farben nasser Friedhofserde. Eine schwachbrüstige Glühbirne oberhalb des Deckels, in einer Vertiefung hinter einem Schutzgitter. Das arme Dinge strengte sich an, gab ihr Bestes, und erhellte mein Daheim doch kaum mehr als es eine Kerze vermochte. Irgendwann erlosch es.
Zwei in der Höhe versetzt angebrachte dunkelbraune Bretter, über Betonstützen fest in der linken Wand verankert, dienten als Stuhl, Hocker... was auch immer, jedenfalls zum hinsetzen und als Tisch.
Unmittelbar neben dem Sitz, in der Ecke links unterhalb des Fensters, ein Kübel. Kübel - das Imagemobiliar harter Jungs. Skeptisch musterte ich meinen ersten Kübel, kniete schließlich vor ihm nieder, klappte die kreisrunde, schwarze Plastiksitzfläche hoch und öffnete den darunter liegenden Deckel. Mausgraue Farbsplitter bröselten vom Metall.
„Scheiße!“, brummte ich und warf in einem Schub von Atemnot angewidert den Kopf zurück. Abgestandene Vernehmerzimmerluft schlug mir entgegen, traf mich unvorbereitet und hart wie Dickerchens Bummi. Daher also das atemberaubende Bukett des Zellenhäuschens. Ich erholte mich schnell und wagte einen erneuten Vorstoß. Mein Blick fiel ins Innere. Der Eimereinsatz war leer. An seinen Wänden hafteten fingerdicke schwarzbraune Ablagerungen, die mehr Bakterien beherbergten als ein Kreiskrankenhaus.

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„Sollte mich nicht wundern, wenn hier schon während der Kreuzzüge reingeschissen wurde“, blabberte ich mit Blick auf die leckere Kruste, welche einem Hornissennest mit gleich vielen gedeckelten und leeren Zellen nicht ganz unähnlich war.
Ja, und dann hätte ich mich um Haaresbreite beinahe doch noch übergeben. Allein der Gedanke, mein jugendlich zartes Engelsgesicht über diesen Pott halten zu müssen, bewahrte mich vor unkontrolliertem Aktionismus und sehr wahrscheinlich auch vor beschleunigter Alterung, Haarausfall, Erblindung, Mundgeruch, Fußpilz und Impotenz.
Was mochten die beiden verstaubten Röhrchen wohl führen, die sich unterm Fenster schüchtern durch mein spartanisches Appartement schlängelten. Ich hatte da so einen heißen Verdacht, berührte sie mit den Fingerspitzen und zuckte sogleich zurück. Dann umschloss ich mit der Hand das obere Röhrchen. Lauwarm. Mein Ofen schlummerte, auch im Winter - und sogar tagsüber.
Ich setzte mich auf den kalten Betonboden, streckte die Beine lang aus, lehnte mich an meinen Ofen und begutachtete das letzte Möbel: Ein flach an der rechten Wand angebrachtes Holzbrett. Holzbrett ist vielleicht ein ganz klein wenig übertrieben für die paar grob zusammengenagelten Latten. Bis auf ein paar Zentimeter auf der Zaunseite und der Fensterwand, füllte es die gesamte Breite der Wand. Ein sehr schlichter, doch um so praktischerer Wandschmuck. Ich stand auf und versuchte das Brett zu befreien.

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Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.