Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 17 und 18

Fehlanzeige. Wie gemein: Es hielt sich an einem Vorhängeschloss fest. Einem sehr billigen. Aber ohne Werkzeug spielte auch das nur eine eher untergeordnete Rolle.

So, da wären wir also. Ich habe mich umgesehen, alles angeschaut. Wirklich alles. Ehrlich wahr. Und, was soll ich sagen, ich bin kein bisschen beeindruckt. Tabak habe ich nicht gefunden, und auch keinen Feuerstein. Ihr könnt mich jetzt wieder abholen. Hallo, hallo, holt mich hier rauaus! Ihr wollt mich nicht rauslassen, richtig? Richtig! Wie ihr wollt, dann bleibe ich eben hier. Macht mir gaaaaar nichts aus.
Scheiße, macht mir doch was aus! Verdammte Scheiße, ich habe keine Lust auf dieses Dreckloch. Ich werde blöd hier drinnen. Macht den Deckel auf! Bitte! Ich ersticke doch. So wird das nichts... Dann zieht doch wenigstens gleich den Vorhang zu.

Spät am Abend, längst hatte sich mein Appartement ihr kleines schwarzes übergestreift, öffnete sich, so gegen 22 Uhr, weil sich die Zeitabläufe in allen Knästen gleichen, die Tür und ein Schwall gedämpften Lichts ergoss sich über mich.
„Nimm dir drei Matratzenteile und eine Decke“, sagte ein kleiner, uralter Schließer in überraschender, angenehm höflicher Tonlage und schloss dabei mit ruhiger, geübter Hand meine Zauntürchen auf.
Kraftlos und müde ging ich an ihm vorbei, trat auf den Flur hinaus und tat, was mir aufgetragen wurde. Zwischenzeitlich entfernte Opa das Vorhängeschloss von meinem Wandschmuck, kam mir nach und knipste von außen das Licht in meiner Wohnung an.
Wieder in der Zelle, legte ich die Matratzen auf den Tischersatz, ließ das Brett herunter, breitete die drei Teile darauf aus und wartete, was als nächstes auf mich zukäme.
Der zutrauliche Alte verschloss das Gitter, sah mich an und sagte in väterlichem Ton: „Junge, überlege dir genau, was du tust. Es ist noch keinem gelungen. Nach einigen Wochen hat noch jeder aufgegeben. Du kannst mir glauben, ich bin schon sehr lange hier und habe schon einiges gesehen und erlebt. Gute Nacht... und denk über meine Worte nach.“
„Nacht“, erwiderte ich leise und hoffte, der Schwätzer möge endlich den Deckel verriegeln, um mich aufs Bett werfen zu können.

Die Tür knallte ins Schloss, ein Schlüssel drehte sich mehrmals in ihm, dann ging das Licht aus. Dunkelheit - von einer Sekunde auf die andere. Und mit einem Satz lag ich auf dem Brett unter der Decke.
Wovon sprach dieser versponnene Zwerg? Was ist noch keinem gelungen? Worüber soll ich nachdenken? Ja, und was tue ich denn? Was wollte mir der Alte sagen? Hält sich wohl für besonders intelligent und glaubt, deshalb in Rätseln sprechen zu dürfen. Ich weiß nicht, was abgeht, und das Stück Trockenobst belegt mich. Ob er weiß, dass er eine volle Knastmacke hat? Wohl kaum.
Und werde ich in ein paar Tagen ebenso delirieren? Schon möglich, aber mir total Brust. Wenn es soweit ist, merke ich es ohnehin nicht. Und wenn doch, dann ist es eben noch nicht weit genug. Geduld, mein Freund, was Bessres kann dir fast nicht passieren.

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Kaum hatte ich die Augen geschlossen und mich einem anregend schlüpfrigen Traum genähert, klirrte irgendein Nachtwächter sein schweres Schlüsselbund gegen die Zellentür, knipste das Licht an und sah durch den Spion. Instinktiv sprang ich jedes Mal von der Pritsche, bezog vor dem Fenster Stellung und machte mich voll zum Löffel. Im Halbschlaf nahm ich Ausbrüche höchster Belustigung wahr.
Irgendwie fand ich das gar nicht lustig. Doch steckte mir die Reaktion seit der Untersuchungshaft noch im Blut. Dort tönte allmorgendlich eine ohrenzerreißende Hupe durchs Haus. Wer das Wecksignal überhörte, konnte unmöglich noch unter den Lebenden weilen. Kurz darauf flog die Zellentür auf. Alle Insassen hatten stramm vor dem Fenster Aufstellung genommen und einer, in aller Regel der, der Mund und Augen aufbekam, erstattete lautstark Meldung: „Guten Morgen, Herr Hauptwachtmeister! Zelle Vierhundertzwölf mit drei Inhaftierten! Keine besonderen Vorkommnisse!“
Der Angebrüllte nickte selbstzufrieden, trat einen Schritt zurück und ein Kalf reichte eilig das herein, was sie gerne auch als Frühstück bezeichneten.

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Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.