Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 19 und 20

Nach zwei Tagen, oder besser Nächten, hatte ich herausgefunden, was sie mit ihren stündlichen Störmanövern bezweckten. Von da ab war Schluss mit Löffel. Ich hob nur noch einen Arm oder wackelte mit einem unter der Decke hervorgestreckten Fuß, um meinem besorgten Nachtwächter zu zeigen, dass ich zu Hause sei und mich bester Gesundheit erfreue. Dann schlief ich friedlich weiter - bis zur nächsten Runde.
Wecken war um sechs. Locker aus dem Handgelenk, ersetzten ein paar kräftige Schläge mit dem Schlüsselbund gegen die Tür das Hupsignal. Nach dem Aufschluss brachte ich Matratzen und Pferdedecke zurück auf den Flur, klappte meinen Wandschmuck hoch, nahm den Kübeleinsatz und schlenderte zum anderen Ende des Bunkers als befände ich mich auf dem Weg zum Bäcker.
In Zelle Nummer sechs leerte ich den Kübelinhalt in eine richtige Toilettenschüssel und drückte eine richtige Wasserspülung. Die hatten wirklich jeden Schnickschnack. Dann wusch ich mich am einzigen Waschbecken mit eisig kaltem Wasser. Übrigens einem winzigen Ding, das zudem meinem Kübel frappant ähnelte.
Immer fand sich irgendwo auf dem Beckenrand eine Ecke Kernseife. Und auch an Zahnbürsten herrschte kein Mangel. Ich wählte eine unter den fünf auf der Ablage in Brusthöhe über dem Waschbecken liegenden aus und schrubbte meine Zähne. Es war ein schönes Gefühl, sich etwas aussuchen, selbst bestimmen zu können. Mein Gesicht ließ ich an der Luft trocknen, und meine Hände wischte ich an das Handtuch, welches Freitags gewechselt wurde.

Eines Morgens, ich vermute, es war der siebente Tag, entdeckte ich auf der Ablage eine Tube Chlorodont 69. Es war ein Morgen wie jeder andere: Kein Mond, der mich führte; kein Sonnenstrahl, der mich wärmte - und doch sandte er einen Lichtblick.
Ein Schließer musste die Zahnpasta vergessen haben. Sofort war ich hellwach. Ich lauschte, ob sich ein Schlüssel näherte und hörte ein dumpf hämmerndes Geräusch - mein wild klopfendes Herz. Blitzschnell schnappte ich die Tube, drückte deren Inhalt einen fingerbreit nach oben, faltete den Tubenfalz zwei Mal um und bog sie solange hin und her, bis sie abbrach. Geschwind ließ ich es im Overall verschwinden, knickte das Ende der Aluminiumtube weitere zwei Mal und legte sie zurück auf die Ablage.

Arrestanten unterlagen einem strikten Sprechverbot. Obwohl mir nicht ganz klar war, welche Strafe mir drohte, umging ich dieses Verbot, da sie mir bereits alles gaben, was sie anzubieten hatten, hielt ich es dennoch ein. Aber nur, weil einem überzeugten Morgenmuffel wie mir nichts besseres hatte passieren können.
In Gegenwart eines Schließers begrüßten wir uns mit einem Lächeln und einer kurzen Kopfbewegung. Was selten genug geschah, denn die meiste Zeit verbrachte ich allein im Dunkel der frühen Morgenstunden.
Nach der erfrischenden Morgentoilette und dem sichern des Holzbrettes mittels Vorhängeschloss, erhielt ich mein Frühstück - zwei Schwarzbrotscheiben mit hauchdünn aufgekratzter dunkelroter Marmelade und ein halb volles Plastiktässchen geschmacksneutralen Tees zum runterspülen.
Abends klebte irgendwo zwischen den beiden Brotscheiben Wurst, manchmal auch Käse. Mittags servierte man etwas warmes in einer Plastikschüssel mit Plastiklöffel. Insgesamt nicht üppig, aber ausreichend.

Beim täglichen Hofgang entrann ich der Abgeschiedenheit und Einsamkeit meiner Tage, wenn auch nur für kurze Zeit. Sechzig Minuten lief ich vor dem Zellenhäuschen im Kreis. Jeden einzelnen Augenblick unter freiem Himmel genießend. Ich kannte weder gutes noch schlechtes Wetter, nur die Gier auf ein paar Schritte in Freiheit. Ja, in Freiheit - auch wenn es merkwürdig klingen mag. Schneller und schneller, so als verlängere sich die Zeit, liefe ich so weit wie irgend möglich. Ich drehte meine Runden, trampelte lächelnd durch Pfützen und nickte vergnügt, tippte sich einer der beiden zur Überwachung abgestellten Schließer an die Stirn.
Zu anderen Gefangenen, drehten sie nun mit mir ihre Runden oder gingen sie nur vorüber, musste ich zwei Meter Abstand halten. Stehen bleiben, miteinander sprechen oder sich gar auf den Boden setzen führte zum sofortigen Abbruch des Luftschnappens.
Ihren Verboten zeigte ich die Brust, denn ich liebte diese Vorschriften. Ich wollte laufen, laufen, laufen, niemals wieder stehen bleiben.

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.