Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 25 und 26

Nach dem Abendessen baute ich mein Bett, legte meine erste eigene Zahnbürste akkurat auf die Kante des Waschbeckens und machte ein wenig Ordnung in der Zelle. Dabei zielte ein Ohr so lange in Richtung Tür, bis mir das markante Scheppern der Stahltür zurief, nunmehr ungestört zu sein. Jedenfalls für eine Stunde.
Aufgeregt fummelte ich in meiner Unterhose bis ich endlich das kleine Röllchen - Nein, das andere! - zu fassen bekam. Umständlich entblätterte ich auf dem Tisch das Papier und entnahm ihm alles außer den Tabak. Dann rollte ich mit leicht zittrigen Fingern das Zeitungspapier zu einem kleinen Tütchen, stopfte mit dem Griff des Rasierapparats, den ich auf der Kammer erhielt, den bröseligen Tabak fest hinein und drehte mit Daumen und Zeigefinger das vorn überstehende Papier fest zusammen. Die beim aufräumen eingesammelten feinen Staubflocken, von denen es besonders unter dem Bett reichlich abzustauben gab, legte ich aufgehäuft auf dem Boden bereit. Anstatt einer Klinge, die mir nur unter Aufsicht eines Schließers überlassen werden durfte, spannte ich den Feuerstein an der Außenkante des Rasierapparats so ein, dass er ein klein wenig überstand. Dann ging es dem ultimativen Höhepunkt entgegen. Den Rasierapparat in der Linken, das Tütchen im Munde und die Glasscherbe in der rechten Hand - so kniete ich auf dem abgewetzten, knastkaffee-braunen, linoleumähnlichen Bodenbelag über der fetten Wollmaus gebeugt. Einige Augenblicke hielt ich die Luft an und horchte zum Gang hinaus, zog dann die Scherbe kratzend am Feuerstein entlang, horchte wieder und kratzte mit der Scherbe erneut über den Feuerstein. Ich zitterte am ganzen Leib vor Aufregung. Funke um Funke besprang die Wollmaus bis sie schließlich Feuer fing. Hurtig hielt ich mein Tütchen in die für zwei oder drei Sekunden hoch-schlagende Stichflamme.
Geschafft!
Um keine verräterischen Brandspuren zu hinterlassen, schlug ich mit der flachen Hand auf mein Feuerzeug ein und fegte mit der rechten Handfläche die noch glimmenden Flusen dahin zurück, von wo ich sie aufgelesen hatte.
Damit ich die wenigen Züge in ihrer Gänze genießen konnte, setzte ich mich auf den Stuhl und lehnte mich entspannt zurück. Aufgrund der mir zwangsverordneten Abstinenz der letzten Wochen, war dies auch dringend geboten. Ich streckte die Beine lang aus, legte den Kopf in den Nacken, sah zur Decke und lächelte zufrieden. Das Zeug verursachte mir Schwindelgefühle. Eine überaus angenehme Begleiterscheinung.
Ah, so lässt es sich aushalten.
Der Service stimmte, war kaum noch zu übertreffen. Jeden Morgen wurde mir mit dem Frühstück eine JUNGE WELT gereicht. Tatsache! Nun ja, mittags hatte ich sie wieder abzugeben. Doch las ich bis dahin alles, einfach alles - jede noch so unsinnige Zeile. Und davon gab es reichlich. Tausende, möchte ich meinen. Chinesen bekriegten sich mit Vietnamesen. Soso. Natürlich erfuhr ich nichts wirklich interessantes. Und so blieb mir gar nichts anderes übrig, als zu der erfreulichen Erkenntnis zu gelangen, dass es für einen Knacki, abgesehen von einer noch erfolgreicheren Getreideernte, unmöglich war, etwas zu verpassen.
Die Nachmittage verbrachte ich über irgendeinem Buch gebeugt und trieb zwischen den Kapiteln Gymnastik. In der übrigen Zeit schlummerte ich so vor mich hin.

Die Tage vergingen.
Nach zwei Wochen meldete sich Borrmann mit seinen beiden Lakaien zurück. Er begehrte zu wissen, ob ich meine Meinung geändert habe. Natürlich hatte ich diese nicht geändert. Warum auch? Zur Güte, und um ihm zu zeigen, dass ich durchaus willens war, bot ich ihm an, mir einige Tage Gesellschaft zu leisten.
Natürlich war das völliger Humbug. Natürlich suchte ich ihn zu provozieren. Ich wollte ihn aus der Reserve locken, seinen Feindseligkeiten und Bedrohungen, die mich auch ohne Worte und Gestiken erschreckten, etwas entgegensetzen. Bloß keine Schwäche zeigen; am Ende springen die einem ohne Vorwarnung an die Kehle. Natürlich war mir nicht klar, was ich tat. Und natürlich wusste ich nicht, worum es eigentlich ging.
Borrmann, der sich zwei Schritte vor mir aufgebaut hatte, kam auf mich zu. Ohne mit der Wimper zu zucken bettete er seine rechte Faust in mein schutzloses Gesicht. Sie traf mich mit voller Wucht. Na, ich war ja vielleicht baff. Mit so manchem hatte ich gerechnet, nur nicht damit. Seine Antwort hatte mich derart übertölpelt, dass ich das Gleichgewicht verlor und rücklings aufs Bett fiel.
Ein gefundenes Fressen für den Stänkerer. Auf sein Kommando hin packten mich alle drei, drehten mich auf den Bauch, zerrten Arme und Beine in die Länge und fesselten sie mit Handschellen an die Ecken des Bettgestells. Abscheulich, wie sie meine Hilflosigkeit ausnutzten.

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.