Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 29 und 30

Nachdem der Druck von meiner Blase gewichen war, bat ich ihn, meine Wäsche wechseln zu dürfen. Irgendwie musste ich seine Anweisung falsch interpretiert haben, denn er kam zur Tür hereingestürzt, traktierte mich mit seiner Phallusprothese und schrie hysterisch: "Die alte Drecksau! Pinkelt diese Sau doch Tatsache ins Bett! Diese Drecksau!"
Und es war so schrecklich, so verdammt schmerzvoll, doch ich lachte. Ich lachte laut und handelte mir zusätzliche Schläge ein. Na bitte: Programm auswendig gelernt. Nahm er vielleicht an, ich lache über ihn? Wie Recht er doch hatte.
"Hauptwachtmeister!"
"Die Drecksau hat ins Bett gepinkelt", verteidigte er kleinlaut sein Tun.
"Raus! Raus! Raus!"
Borrmann stand unmittelbar neben mir. Ich roch seine schweißgetränkte Unterwäsche. Oder war es Rasierwasser?
"Halt! Nehmen Sie ihm die Fessel ab."
"Ich bitte darum", murmelte ich und summte eine Melodie. Ich glaube, die eines Kinderliedes.
Murrend löste er die Eisen. Ich rollte mich auf die Seite und sah hinauf zu Borrmann. Und jetzt reichts mir. Endgültig! Morgen lasse ich mich kopieren. Dann kannst du auf den anderen eindreschen.
Zu den Schmerzen meines Rückens kamen nun noch die Druckstellen der Handschellen hinzu. Ich rieb die Gelenke meiner Hände und setzte an, die der Füße zu erreichen, doch war der Schmerz nicht auszuhalten. Mein Rücken strafte mich unbarmherzig ab, drehte oder bog ich ihn auch nur eine Winzigkeit.
"Für den Schaden, den Sie hier angerichtet haben, werden Sie aufkommen müssen. Packen Sie zusammen und gehen Sie auf Kammer duschen und umziehen. Eines verspreche ich Ihnen, so wie bisher machen Sie nicht mehr lange weiter. Ich werde Ihren dummen Stolz brechen."
"Ach, und gar nicht mein Rückgrat?"
"Dein elend großes Maul auch."

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Glaubte der denn, ich bereite ihm Ungemach? Recht hat er! Ich sah ihm ins Gesicht, gähnte mit weit aufgerissenem Mund bis sich meine Augen mit Tränen füllten, schlug die plombierten Zähne klirrend aufeinander, sog zischend Speichel durch sie und wackelte gewichtig mit dem Kopf.
"Wirklich zu dumm, dass ich nur noch etwas mehr als dreieinhalb Jahre hier sein darf", und mein Körper schmerzte mit jedem Atemzug mehr.

Stolz hatte ich ohne Zweifel. Doch mehr noch hatte ich Angst. Ohnmächtige Angst vor dem, was Klausi aus mir machen könnte. Seine Macht schien unbegrenzt. Ich war viel zu jung, um mir ein Leben in der Psychiatrie - ganz ohne Disco, Mädchen und Bier - vorstellen zu wollen. Weit weniger freilich, im Pflegebett eines muffigen Knastkrankenhauses, gefesselt an eine Beatmungsmaschine. Eben diese Angst war es, die alles mobilisierte und mir ungeahnte Kräfte des Widerstands verlieh. Vor allem dann, wenn ich mal wieder an der Richtigkeit meines Handelns zweifelte.

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Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.