Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 3 und 4

II

Eifrige Geschäftigkeit deutete am Nachmittag dieses 26. Oktober im Nürnberger Polizeipräsidium Feierabendstimmung an. Türen knallten, irgendwelche Menschen stürzten durch schmucklose Gänge; rempelten uns an, grummelten ohne aufzusehen und hasteten weiter durchs grelle Neonlicht in die Nächsten hinein.
Merochs und sein Partner zerrten mich an einer Handschelle hinter sich her zur erkennungsdienstlichen Behandlung, wie sie die Schweinereien mit einer Farbe, die zu lösen mir erst beim siebenden Waschgang glückte, verhüllend umschrieben. Mit geübter Hand rollte Merochs die angeschwärzten Fingerkuppen meiner Hände über weißes Papier.
„Warum haben Sie sich freiwillig gestellt?“
Fasziniert sah ich auf die Hinterlassenschaften meiner Finger und Handflächen in den schwarz geränderten Feldern.
Ob man das verkaufen kann? Bestimmt. Musst nur einen finden, der sich freut und dafür löhnt, dann ist es Kunst und teuer.
So viele kleine Kringel zählt also ein Verbrecher. Doch eigentlich war ich ja gar kein Verbrecher, nur eine Nummer. Zwölf Kästchen mit den Kringeln einer Nummer. Nummern begehen keine Verbrechen.
„Sie müssen nicht antworten. Ihre Vernehmung wird erst in München stattfinden. Wir sind nur neugierig. Es ist nun mal nicht alltäglich, dass sich einer wie Sie stellt.“
Einer wie ich? Hohoho! Wohl Autogrammjäger? Ich unterließ es, vor den beiden meine Gründe auszubreiten. Wie sollten ausgerechnet zwei trieblose K 21-Bullen meine Beweggründe verstehen, war ich mir doch selbst nicht mehr sicher, warum ich es tat und weshalb mich mein Weg der letzten Wochen bis zu diesem Tisch führte. Einerseits hegte ich Zweifel, andrerseits war ich recht froh und auf eine eigenartig traurige Weise erleichtert.
Bei der sich anschließenden Fotosession bewerkstelligte es Merochs Juniorpartner nicht, den Film manuell zu transportieren. Technik zum Schmunzeln. Ich war sehr gespannt, zu sehen, wie ein Profi einen echten Harakiri hinlegt. Früher mal sah ich das in einem Film. War nicht sehr appetitlich. Aber hochinteressant. Eigentlich könnte er mir die kleine Freude machen.

Unablässig stieß mein Seppukuanwärter unflätige Flüche aus und zitterte mit fiebrig langen, spindeldürren Fingern um das zarte, schutzlose schwarzsilbrige Gerät, bis er beschloss, dem Japaner mit deutscher Geduldsamkeit zu begegnen. Und, siehe da, schon nach zwanzig Minuten hatte er meine drei Fotos im Kasten und befahl mir entnervt, zu jenem Tischchen zu gehen, an welchem ich zuvor - wie wir in Fachkreisen zu sagen pflegen - Klavier spielte.

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Lustlos tapste ich die fünf Schritte am Kameraständer vorbei zum Tisch und sah mich fragend nach ihm um.
„Setzn!“
Wenn du meinst.
Junior kniete neben mir nieder, löste routiniert wie ein alter Bulle die Handfessel von meinem linken Handgelenk, forderte mit einem kräftigen Ruck meinen rechten Arm zum nachgeben auf, führte den blitzenden Stahl um das angeknabberte linke Tischbein herum und ließ ihn wieder an meinem Handgelenk einrasten.

Huch, mächtig verkeimt hier unten, war das Erste, was mir nach dem unvermittelten Hechter durch den Kopf ging. Und das Zweite: Sieht so der Dank für meine Reserviertheit aus? Keinen Mucks gab ich von mir, als du mit dem Japaner kämpftest. Gelangweilt sah ich zur Decke, tapfer hielt ich geistreiche Bemerkungen nieder und tötete den aufsteigenden, quälend drängenden Lachkrampf ab.

Alles weitere ist bereits bekannt.

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.