Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 33 und 34

V

"He, bleib da! Was ist mit dem Ramsch hier?"
Kurzatmig und um mindestens zehn Jahre gealtert schob ich mich durch die Tür, hielt nach seinem Aufschrei inne und drehte mich bedächtig, um den Schmerz in meinen Gliedern nicht wachzurütteln, nach ihm um. Er stand vor dem Bett, sah mich mit verengten Augen an und hielt seinen Bummi wie einen Zeigestock auf den Sack gerichtet, in dem sich alles befand, was ich zwei Wochen zuvor mitgebracht und nun wieder im Bettbezug verstaut hatte.
"Na, sicher doch, erst zertrümmert ihr mir das Kreuz, so dass ich mich kaum fortbewegen kann, und dann soll ich auch noch Säcke schleppen? Vergiss es!"
Sonderliche Lust auf Umzug hatte ich sowieso keine.
"Und was wird dann damit?"
Sein Ton hangelte sich auf eine zunehmend aggressivere Ebene.
"Nehmen Sies als Dank für die schöne Zeit", sagte ich und fügte leise, während ich mich von ihm abwandte, hinzu: "Schlepp es selbst und mach dich zum Affen."
"Was? !"
"Was?"
"Was hast du geschwafelt?"
"Nichts weiter. Nur, dass Sie es auch den Iwans spenden können, wenn Ihnen danach ist."
"Verschwinde! Aber hurtig!"
Was leichter gesagt als getan war. Ohne den Schließer, der meinen Bettbezugsack übrigens durch den halben Knast buckelte und sich dabei anständig zum Affen machte, kam ich nicht weit - schon gar nicht zur Kammer, wo eine reinigende, eine heilende Dusche auf mich wartete.

Die Kalfs begrüßten mich wie einen alten Bekannten mit festem Handschlag und einem Lächeln, dass ihre Freude über unser Wiedersehen akzentuierte. Oder machten sie sich lustig über mich? Nein, nein, ihre Freude war ganz bestimmt echt.

Einer steckte mir in einem unbeobachteten Moment eine Bleistiftmine zu. Plötzlich hatte ich das Gefühl nicht mehr allein zu sein. Auf eine eigentümlich zufriedene Weise fühlte ich mich heimisch. Die Jungs aus der Nachbarschaft schlossen Freundschaft mit dem Zugezogenen.

Und als ich in meinem Bunkerloch Nummer eins eintraf, schallte es, kurz nachdem sich der Schließer verzogen hatte, aus der Nebenzelle: "Scheems, bist du’s? Komm ans Fenster!"

Seither unterhielt ich mich, oftmals stundenlang, mit meinen Nachbarn ohne sie je zu Gesicht zu bekommen. Und manchmal, wenn wir uns sicher glaubten, dass kein Schließer durchs Gebäude schlich, sangen wir mit dröhnenden Stimmen Knastlieder. Nur leider waren die anderen Zellen viel zu selten belegt.

Von Tag zu Tag ging es mir besser. Jeder Gedanke an Aufgabe wurde mir fremd. Ich fühlte mich und die Richtigkeit meines Handelns durch die Aufmerksamkeit der anderen bestätigt.

Vormittags bekam ich nun auch in der Einzelhaft die JUNGE WELT. Offenbar spekulierte Borrmann, mich durch deren Lektüre in meiner Einstellung beeinflussen zu können. Obwohl ich mir viel Zeit beim Lesen ließ, verkürzte sie die Tage nur unwesentlich. So begann ich das tägliche Kreuzworträtsel auszufüllen, gab nach dem Mittagessen Napf und Zeitung zurück und wartete geduldig auf meine Zerstreuung. Das Ergebnis ihrer Auswertung präsentierten sie mir stets nach meinem Mittagsschläfchen. Fixe Jungs! Sie stürmten herein, zerrten mich vor die Tür und filzten meine Wohnung. Komplett, versteht sich. Gefunden haben sie freilich nie, wonach sie suchten. Wie auch - ich trug die Mine im Mund unter der Zunge. Und da ich die Zeitung weiterhin erhielt, etablierte sich unser kleines Spielchen zu einem festen Bestandteil und lockerte so meine Tage auf. Ich möchte fast sagen, es ritualisierte sich und machte mich geradezu süchtig. Denn nach dem Essen wartete ich sehnsüchtig auf meinen Nachtisch - die Abwechslung. Und ich wurde nie enttäuscht.

Es dürfte etwa der zehnte Tag gewesen sein, als ich mich durch mein Mittagessen löffelte und plötzlich stutzend innehielt.

Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.