Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 35 und 36

Ja, richtig, ich bekam nun ein üppiges Mittagessen. Und, jawohl, ein warmes. Wenn auch nur lau, so gab es mir doch Momente eines warmen, hellen Gefühls der Geborgenheit - bis ich die Schüssel geleert, aufsah und mich kalt das eisige Dunkel traf.

Rein akustisch barg das Wort Fruggeneintopf etwas positiv rätselhaftes in sich. Doch vermutlich gibt es nichts Schlimmeres als in einem dunklen Loch auf einem Holzbrett zu sitzen, einen Toilettenkübel im Rücken und übelriechende Futterrüben, angebaut für unsere vierbeinigen Fleischlieferanten (Was, verdammt noch mal, ist Fleisch?), in sich schaufeln zu müssen. Ich hasste dieses ekelhafte orangerote, gläsern, schlabberige Zeug, das zum Montag gehörte wie andernorts Fisch zum Freitag.

So saß ich nun leidend über dem Futtertrog gebeugt und stellte nicht ohne Verwunderung fest, ein Päckchen von der Größe einer Zündholzschachtel auf meinem Löffelchen vorzufinden. Mit wildem Herzklopfen löste ich sein schützendes Plastikkleid und warf es in den Kübel. Dem Geheimnis des Innern ging ich erst auf den Grund, nachdem Schüssel und Zeitung abgeholt waren.

Ich war überwältigt. Tränen der Freude standen mir in den Augen als ich las, was auf einem der zusammengefalteten Zigarettenpapierchen stand: "Kopf hoch! Halte durch!".
Zwischen den Fingern hielt ich Tabak, richtige Zigarettenpapierchen, eine große Bleistiftmine; eine halbe Rasierklinge, mit der sich weitaus besser und komfortabler als mit einer Glasscherbe Funken erzeugen ließen, und einen fast zwei Zentimeter langen Feuerstein - das alles schickten Unbekannte und opferten mir ein kleines Vermögen. Allein für einen Feuerstein dieser Größe musste ein gesamtes Monatseinkommen hingeblättert werden.

Ichtershausen, das, wie ich eingangs anriss, aus einem uralten Kloster hervorging, bestand zu einem erheblichen Teil aus hauchdünn verputzten Strohwänden und knarrenden Dielenböden. Zündhölzer und Feuerzeuge waren wie so vieles andere unter Androhung von Strafen strengstens verboten.
Natürlich galt das nicht für mich. Denn ich zeigte ihnen die Brust und rauchte wann immer mir danach war, während die armen Teufel da draußen auf das Wohlwollen der Erzieher angewiesen waren. Die hielten sich in jeder Gruppe einen Fackelträger, der seine Schwungradelli nur auf ihr ausdrückliches Kommando hin anwerfen durfte.

Etwa zur Freistunde auf dem Hof oder im Duschraum auf der Station, der Platz für fünf Duschköpfe, ebenso vielen Waschbecken und zwanzig bis dreißig Schulter an Schulter schmauchenden Jugendlichen bot.

Nie habe ich erfahren, wem ich dieses und alle weiteren Kopfhoch-Gaben, die ich in den folgenden Wochen immer montags aus meiner Fruggenschüssel angelte, verdankte.

Die Zeit schritt voran, legte ein atemberaubendes Tempo vor. Schon waren wieder zwei Wochen vorüber. Teilte ich anfangs die Tagesabschnitte in Frühstück, Zeitung, Freistunde, Mittag, Kübel, Schläfchen, Filzung, Abend, Sport und schlafen ein, freute mich über jede zurückgelegte Teilstrecke, strich mit dem löschen des Lichts den überstandenen Tag gedanklich ab und sehnte mich dem letzten Frühstück entgegen, so empfand ich den nahenden letzten Tag nunmehr als erschreckend und Borrmanns Einlage als lästig. Oder war es mit mir soweit? Verlor ich den Überblick? Sagte ich nicht noch am Morgen zu meinem Begleiter, er habe sieben lange Tage jede Gelegenheit zum verschwinden ungenutzt gelassen; und die nächsten sieben Tage könne ich gut ohne ihn auskommen?

Klaus war schon da, als ich einzog. Ich wusste nicht, woher er kam. Er war einfach da und breitete sich in meinem Vestibül aus. Klaus kannte sich gut aus, hielt Abstand, weil er wusste, dass mich mein Zaun hinderte, zu ihm oder auch nur in seine Nähe zu gelangen. Schamlos krabbelte er umher, kreuz und quer, strickte sich ein Zuhause und entzog sich immer wieder meinen Annäherungsversuchen. Bis zu diesem Tag, an welchem er zu seinem letzten Wettlauf gegen mich antrat, ihn führte und im Kübel endete, der Dummkopf. Selbst als dürres, langbeiniges Spinnentier hätte er wissen müssen, dass es hier für zwei Leben zu eng, die Luft für mehr als ein Lebewesen einfach viel zu dünn war.

"Wie geht’s?", fragte Klausi, vor meinem Zaun lauernd. Seine beiden Lakaien hatte er links und rechts der Tür abgestellt.
"Sie sehen mich leiden. Mit welchen Annehmlichkeiten wollen Sie mich denn diesmal beglücken?"

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.