Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 37 und 38

"Auf Gruppe?"
"Wie darf ich das verstehen?"
"Sich in die Gemeinschaft einordnen."
"Dann kommen Sie nächstes Mal, und ich bin weg? Gar nicht mehr hier? Nö! Ich kann unmöglich auf Ihre aufbauenden Besuche verzichten."
"Arbeiten?"
"Sehr gern. Aber nicht für fünf Mark im Monat."
"Wissen Sie, was Arbeitsverweigerung ist. Im günstigsten Fall fassen Sie fünf Jahre Nachschlag ab. Was halten Sie davon?"
Und was hältst du davon, mir mal zu flüstern - muss ja nicht gleich jeder mitbekommen -, was hier läuft, was du willst, was ihr von mir wollt?
Ohne seinen höchst gelangweilt dahergesagten Worten eine unmittelbare Bedrohung zu entnehmen, wurde mir doch einigermaßen mulmig in der Magengegend. Ich glaubte ihm kein Wort. Doch beschleunigte sich der rhythmische Schlag meines Herzens als ich an das Eiltempo meiner wenige Monate zurückliegenden Verurteilung vor dem Bezirksgericht dachte. Der Richter verdonnerte mich aufgrund an Haaren herbeigezogener Beweise. Er nannte es Beweise. Ich nannte es Scheiße.

Auch wenn Borrmann wie zu einem Fünfjährigen sprach, entging mir doch sein drohender Unterton nicht. Er wusste, was er sagte. Und ich wusste, dass ich weder in diesem noch einem anderen Loch fünf weitere Jahre unbeschadet überstehen würde.
Den Nachdenklichen mimend legte ich meinen gestreckten rechten Zeigefinger an die Unterlippe, sah Borrmann bohrend in die Augen und sagte: "Raten Sie mal, wie alt ich dann sein werde."
Juhu! Borrmann explodierte aus dem Nichts. Speichel, cremig wie aufgeschlagenes Eiweiß, quoll aus der Datschenbräune seines Gesichts, als er schrie: "Ich werde dich hier drinnen verrecken lassen! Schafft ihn mir aus den Augen! Raus! In Absonderung den... das... mit dem asozialen Müll!", und stürzte hinaus.

Während der folgenden Monate besuchte mich Klausi nur noch jede vierte Woche. Immer am letzten Tag der Einzelhaft. Er war wohl böse mit mir.

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Und ich mit ihm. Ich pfiff auf ihre dämlichen Vorschriften und zeigte ihnen bei jeder Gelegenheit die Brust. Strafe muss sein.

Nahezu täglich brachen sie meine Minuten unter freiem Himmel ab, weil ich nicht gehorchte und, gleich einem trotteligen Esel, stur im abgesteckten Kreis trottete, sondern gazellenhaft kreuz und quer über den Hof hopste und - o, ganz schlimm - Zellennachbarn oder vorbeiziehende Mithäftlinge ansprach.

Es war mir völlig gleich, ob Schließer vor meiner Tür lungerten, mich beobachteten und belauschten. Munter unterhielt ich mich am Fenster weiter und rauchte gemütlich ein Zigarettchen. Und ich lachte laut und irre, wenn sie zur Tür hereinstürzten, mich ans Gitter fesselten und mit ihren Bummis traktierten, begann ich doch ihren Zorn zu verstehen. Ekel verhinderte das Erfolgserlebnis. Dabei gaben sie sich wirklich Mühe, wurden von Mal zu Mal schneller und trickreicher. Irgendwie schafften sie es, den Deckel geräuschlos zu öffnen. Ich staunte nicht schlecht, als sie das erste Mal plötzlich mitten in meiner Wohnung standen, ohne dass ich sie klopfen und hereinkommen hörte. Sie filzten gründlich, tasteten sich jede Ritze entlang, öffneten den Kübel, um sich sogleich angewidert abzuwenden und hoben ihn nach einer Atempause in der Erwartung in die Höhe, ich sei so blöd, etwas darunter zu verstecken.
Verflixt, wo bunkerte der illegale Qualmer Tabak, Feuerstein und Rasierklinge? Immer der Nase nach - unter dem Einsatz, meine Herrn. Nichts für Feinschmecker, so ein Kübeleinsatz, ich weiß, dafür aber sehr effizient.

Gelegentlich klappte es doch. Dann nämlich, wenn ich mit mir würfelte. Erwischten sie mich, rissen sie mir die drei kleinen Dinger aus den willenlosen Händen und trampelten wild auf ihnen herum, als hätte einer dem anderen einen Skorpion von der Nasenspitze gepflückt und todesverachtend zu Boden geschleudert. Ich wünschte ihnen noch viele weitere durchschlagende Erfolge und sie bedankten sich mit ein paar kräftigen Bummihieben.

Am Abend bastelte ich neue. Ich knetete den Brotteig meines Abendessens, mischte Zigarettenasche darunter, modellierte aus der Kugel drei gleich große Quadrate und markierte mit dem Feuerstein die Augen. Über Nacht härteten sie aus, und schon am nächsten Morgen forderte ich mich erneut heraus.

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Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.