Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 39 und 40

Ja, ich lachte, wenn sie mich schlugen. Ich konnte nicht anders. Ich lachte vor Wut, Schmerz und Ohnmacht. Und ich lachte auch, weil ich zu feige war, dem Ganzen ein Ende zu setzen.

Irgendwann an einem Samstag oder Sonntag, ich lag auf der Seite mit zur Brust gezogenen Knien im Halbschlaf am Boden, bohrte sich Wohlklang in meine von monatelanger Einzelhaft sensibilisierten Gehörgänge. Ich hob den Kopf und lauschte. Von fern drangen weiche Gitarrenklänge an mein Ohr. Eine Sinnestäuschung? Eine bange Ahnung beklemmte mir das Herz und trieb Schweiß auf meine Stirn. Im Knast gab es keine Radios, mithin auch keine Musik. Logisch. Wenn ich den Zusammenhang erkannte, konnte es dann soweit sein? Konnte wohl, durfte aber nicht, weil blöd sterben einfach nur blöd ist. Mit einem Satz stand ich auf beiden Beinen, sah mit aufgerissenen Augen zum Deckel und trocknete meine Stirn am rechten Ärmel des Overalls. Die Musik hörte nicht auf. Ich umklammerte den Zaun, trat zwei oder drei Mal gegen ihn und hustete kräftig und laut die bösen Geister aus dem Leib. Dann war alles vorbei und ich wusste, eine ganz gemeine Form der schleichenden Verblödung hatte ihren Einstand gegeben. Ich atmete tief durch - und plötzlich war sie wieder da, die Hinterhältigkeit. Ausgelassen tanzte sie in meinen Ohren, lärmte durch meinen Körper, meißelte durchs Hirn, saugte an meinem Verstand, wollte mich nicht ruhen lassen und schrie mich an: "James?! Hörst du mich? !"
"Ja!", schrie ich und stürzte zum Fenster, "Ja, ich höre dich! Wer bist du?!"
"Sandro!"
"Bist du die Musik? !", fragte ich erregt und kämpfte mit den Tränen. Einer wie ich, der darf nicht weinen. Was sollten die anderen von einem denken, ist doch schließlich knüppelhart wer im Loch sitzt.
"Gefällt sie dir?!"
"Spiel weiter! Bitte, spiel weiter!"
"Warum bist du schon wieder im Bunker?!"
"Protektion!"
"Waaas?!"
"Mach Musik!"
"Roger! Halt die Ohren steif!"

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Viel mehr ist ohnehin nicht drin. Mach Musik - gib mir Licht, nur etwas Leben, lass mich hoffen, lass mich träumen; gib mir die Kraft, zu verstehen.
Sandro spielte. Er spielte Santana. Samba pa ti oder so ähnlich hieß der Song. Sanft, zärtlich kamen die Töne zu mir herüber, streichelten mich, gaben mir Ruhe, Wärme und die Gewissheit, das in meinem Oberstübchen doch noch nicht das Chaos das Ruder übernommen hatte. Ich war glücklich und erleichtert, dem ganz großen Rieseln noch einmal entkommen zu sein.

Doch wer war Sandro? Kannte ich ihn? Wahrscheinlich nicht. Sandro? Ich kenne keinen... Doch, ja, Sandro!
Ich lernte ihn auf Transport im Grotewohl-Express, einem für Gefangene hergerichteten Eisenbahnwaggon, kennen. Auch Geratewohl-Express genannt, weil kaum einer wusste, wo er am Ende landet, wie lange er unterwegs sein würde und wie viele Stunden oder Tage er in dem stickigen Waggon auf einem Abstellgleis unter der Sonnenglut zu leiden hatte, bis man ihn endlich an einen Anschlusszug koppelte. Zu fünft saßen wir im Abteil, das zwei, allerhöchstens zweieinhalb Quadratmeter maß. Sandro saß auf dem Klappsitz an der Tür, ich am vergitterten Milchglasfenster, auf der Holzbank links von ihm. Auf Zugang verbrachten wir noch ein paar Tage miteinander, dann sah und hörte ich nichts mehr von ihm.

Ja, ich erinnere mich: Sandro Schömann war sein Name. Der lange Blonde aus Hoyerswerda.

Fortan verwöhnte mich mein Freund Sandro jedes Wochenende, das ich im Bunker verbrachte, mit seinen Gitarrenkünsten. Bisweilen sogar wochentags, wenn er am Abend von der Arbeit kam. Unglaublich, wie mich die Magie seiner Klänge beglückte, stärkte und über die Zeit halfen.

Einer, der mal drei läppische Tage zwei Zellen neben mir verbrachte, so eine Art Gastarrestant, sagte mir, Sandro sitze an einem Fenster ganz rechts auf der zweiten Etage des gelben Hauses links schräg gegenüber. Nett von ihm. Jetzt wusste ich Bescheid. Woher, glaubte dieser Volltrottel, sollte ich wissen, was sich bei meinem eingeschränkten Blickfeld irgendwo schräg links gegenüber abspielte? Außerdem war es mir Brust, wo er saß, lag oder stand - Hauptsache er spielte.

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Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.