Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 41 und 42

"Anfang September tagt im Hause ein Schnellgericht. Neben den beiden Subjekten, die vor wenigen Wochen versuchten, gewaltsam Hundezone und Mauer zu überwinden, und dabei einen Kollegen schwer verletzten, wird man auch Sie verurteilen. Sie werden Ihre fünf, die anderen, na ja, so zwischen sieben und zehn Jahre abfassen. Wie gefällt Ihnen das?", fragte Borrmann mit dem Schatten eines süffisanten Lächelns, als er Mitte Juli lockeren Fußes in mein unaufgeräumtes Absonderungsdomizil schwebte.
Klausi, du machst mir Angst. Ich saß auf der Bettkante und sah auf seine polierten Halbschuhe.
"Hm, schwer zu sagen. Ich ha... ha... ha... habe weder Vergleichswerte noch die entsprechenden Er... er... erfaahh... ruung... gen, um Ihre Fraaaa... ge erschöpfend bee... beantworten zu können. Tu... tu... tut mir wirklich leid."
Und da passierte es: ich verlor das letzte Quäntchen Stolz. Ich hielt die Luft an, spannte jeden Muskel, und doch fiel es wie ein fauler Apfel von mir ab und stürzte zu Boden, direkt vor seinen beschissenen braunen rechten Schuh. Borrmann brauchte seinen Fuß nur leicht anheben und... Gespannt beobachtete ich den Huf, er bewegte sich nicht, stand regungslos neben dem anderen. Am liebsten wäre ich im Boden versunken - ganz tief. Doch da stand Borrmann, und auch vom Bett konnte ich mich unmöglich erheben, wollte ich zurück, was ich verlor. Es war nämlich nur während der Nachtruhe erlaubt, sich im Bett aufzuhalten.

Wie konnte es geschehen, dass ich hilflos blöden Wörtern nachhing? Gott, wie erniedrigend! Borrmann musste sich seinem Ziel ganz nahe sehen. Irrtum, mei Gutster! Ich bin wieder da!
"Versuchen Sie es mit Vernunft", sagte er und trat einen halben Schritt zurück.
Das ist ja wohl das Allerletzte: braune Schuhe.
"Schickes Schuhwerk", sagte ich und lachte dabei.
"Kommen Sie auf Gruppe?"
"Wegen dem N... N... Nachschlag?", ich sah zum Fenster und legte eine kurze bedeutungsvolle Pause ein, "Den können Sie mir auch hie... hierherbringen."
Borrmann zeigte keine Regung. Äußerlich ruhig, die Hände auf dem durchgedrückten Rücken und den Blick über mich hinweg zum Fenster gerichtet, sagte er: "Ich habe getan, was ich für Sie tun konnte. Ihnen ist nicht mehr zu helfen." Wer sollte mir denn helfen? Und wobei überhaupt?

"Ich fang gleich an zu heu... heulen." Mir war wirklich danach.
Borrmann legte eine schneidige Kehrtwendung hin, nahm seine beiden Burschen ins Schlepptau und ging ohne ein weiteres Wort hinaus. Mir war, als hörte ich das Schmatzen ihrer Schleimspur.

Ich befand mich in einem Zustand der Niedergeschlagenheit, innerlich verwahrlost und ohne Orientierung. Noch immer saß ich auf der Bettkante und starrte auf die Stelle am Boden, an der ich abhanden gekommene Buchstaben vermutete. Mein Puls trommelte den Todesmarsch, ich war erregt und schwitzte wie ein ängstliches Mäuslein in den Fängen einer gefräßigen Raubkatze. Ich kam mir furchtbar klein, dünn und hilflos vor.

Fünf Jahre! Fünf plus fünf macht zehn. Zehn Jahre sitzt keiner auf einer Arschbacke ab. Schon den Sinn der ersten fünf verstand ich nicht; wofür, verflucht, jetzt noch mal fünf? Gibt es Scheiße nur noch im Fünferpack? Besser ich gebe auf. Was aufgeben? Was tat ich denn, dass ich hier landete? Was, was, was, was?! Und, sag, was will ich, dass ich das auf mich nehme? Völlig egal. Ganz ohne Reiz ist es ja nun auch wieder nicht. Sollte ich aufgeben? Und dann? Was erwartet mich da draußen? Der spinnt wohl. Nix mit aufgeben. Aufgeben ist wie braune Schuhe tragen. Und das, mein lieber Klausi, überlasse ich dir. Alles andere kannst du dir abschminken. Dann schon lieber die Sprache verlieren. Nur blöd werden muss nicht unbedingt sein.

Zur Feier des Tages ein kräftiges Zigarettchen. Dem Tatterich meiner Hände würde es ein Ende bereiten, und auf dem Topf war ich auch noch nicht. Beschwingt erhob ich mich und setzte mich sogleich wieder. Dummerweise war mir der Tabak ausgegangen.

Also federte ich hoch, öffnete beide Flügel des Fensters und horchte. Sehen konnte ich nichts, weil neben einem robusten Gitter zusätzlich ein Metallkasten mit gelblichgrünem, drahtdurchflochtenem Glas wie ein Fensterkorb aus der Wandflucht hervortrat. Da hatte wohl jemand Bedenken, ich könne hinausfallen, gar entfliegen. Nur in den oberen Teil des etwa zwanzig Zentimeter tiefen Vorbaus hatte man einige Löcher gebohrt, so dass sich zuweilen eine Brise Frischluft in meine Zelle verirrte.

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.