Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 43 und 44

Nach einer Stunde, oder etwas mehr, hörte ich ganz in der Nähe Stimmengemurmel. Sicher, ob es Gefangene beim Hofgang waren, war ich mir nicht, denn jedem war der Aufenthalt in der Nähe der Absonderungszellen verboten.
"He! Komm mal her!"
"Was ist?", flüsterte jemand, der vermutlich unschuldig blinzelnd gen Himmel blickte.
"Sch... schieb mir eine brennende Ziiiigarette rein. Hier, zwischen Bleeeende und Wand." Um die Stelle zu kennzeichnen, schob ich ein Stückchen Papier durch den schmalen Schlitz zwischen Hausmauer und Metallkasten.
"Bist du Tscheems?"
"Ja! Und jetzt mach!"
Unendliche Sekunden vergingen, bis ich, den Kopf zwischen die Stäbe geklemmt, mit ausgestrecktem Arm nach dem glimmenden Stängel fingern konnte. Gierig zog ich an ihm. Genüsslich inhalierte ich den Rauch.
"Brauchst du Tabak?"
"Der war gut! Geh ein paar Schritte zur Seite, m... m... mach ein Päckchen und wirf herein, was du übrig ha... hast. Pass auf, ich ma... ch jetzt den Weg frei."
Mit beiden Händen umklammerte ich die Gitterstäbe, zog mich an ihnen hoch und kauerte auf dem abschüssigen Fensterbrett nieder. Dann ließ ich mich etwas nach hinten fallen, schob das rechte Bein durchs Gitter, winkelte es an, atmete tief durch und trat kraftvoll gegen die Drahtglasblende. Knirschen - weiter nichts. Abermals trat ich zu. Heftigeres knirschen. "Sau, du! Willst du wohl", knurrte ich. Beim dritten Mal splitterte sie und nach dem vierten Anlauf flog das widerspenstige Teil aus seiner Halterung. Der Krach des im Hof aufschlagenden und berstenden Glases war noch nicht verhallt, da schwirrte etwas an meinem linken Ohr vorbei ins Zelleninnere. Draußen auf dem fußballfeldgroßen Innenhof jubelten, schrien und klatschten weit über einhundert Knackis. Hinter dem Maschendraht der Sicherheitszone an der Mauer zerrten streitsüchtige Deutsche Schäferhunde kläffend an ihren Ketten und kampflustige Alarmpfeifen mischen ihre schrillen Töne unter das Toben im Hof und forderten mich zu unverzüglichem Handeln auf.

Geschwind hüpfte ich vom Fensterbrett und suchte mein Päckchen, dass sich inzwischen gepaart haben musste. Gleich vier verschiedenster Größe sammelte ich auf.

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Just in dem Augenblick als ich sie im Hohlraum unter dem Klosettbecken gebunkert hatte, öffnete sich die Zellentür. Fünf Schlüsselschwinger stürmten mit gezückten Bummis herein und packten mich.
"Ist’s mal wieder soweit?", fragte ich unschuldig.
Doch was echte Pfeifen sind, die gehen mit lustig grimmigem Mienenspiel über so was hinweg, werfen ihr Menschenopfer kopfüber aufs Bett, fesseln es mit routinierter Hand ans Gestell, werfen eine Decke über das da, um sich den Anblick des Leids zu ersparen - und toben sich mal tüchtig aus. Ist ja sonst nichts los in der Gegend.

Bummis prasselten danieder. Ich schwieg, um sie durch das Stolpern über meine gepflegte Wortwahl nicht noch mehr anzuspornen. Sie beschimpften mich, rissen Witze, und sie lachten. Doch bald schon drangen undeutliche Fetzen zu mir unter die Pferdedecke. Draußen wurde es still. Und plötzlich spürte ich keine Schmerzen mehr. Ein schönes Gefühl.
Als ich die Augen aufschlug war Stille um mich herum. Etwas verklebte meine Lippen. Ich strich mit der Zunge darüber und hob den Kopf dabei um einige Zentimeter an. Ein Blut-Speichel-Gemisch rann aus meinem Mund und sammelte sich zu kleinen Pfützen auf dem blauweiß-karierten Kopfkissenbezug unter mir. Erschöpft, mit Tränen unbändiger Wut in den Augen, fiel mein Gesicht in eine der Lachen.

Spät am Abend, die Nacht brach bereits herein, setzten drei Hausarbeiter eine neue Blende ein. Der jüngere von ihnen, ein kleiner blonder mit ernstem Gesicht, er mochte vierzehn oder fünfzehn gewesen sein, fragte mich mit fester Stimme: "Die haben dich verhauen?"
Wahrscheinlich einer von den Langstrafern, der seine Familie ausgerottet hat, dachte ich mir, lächelte, auch wenn es schmerzte und er darin vermutlich nur eine blutverschmierte Fratze sah, und antwortete: "Schön gesagt."
Sein verschlossenes Kindergesicht hellte sich auf. Er lächelte zufrieden, beinahe glücklich, zog ein Päckchen Tabak aus der Hosentasche, sah kurz zur Tür und schob es dann schnell unter mein Kopfkissen.
"Du schaffst das, Tscheems", sagte er leise.

Erlösung von den Handfesseln erfuhr ich nachdem die Handwerker meine Zelle verlassen hatten. Ich blieb liegen auf dem Bauch, bewegte mich nicht; konnte mich nicht bewegen, weil mich jede noch so kleine Bewegung an den Misstönen der die Saiten ihrer Harfe zupfenden Engel im Himmel teilhaben ließ.

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Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.