Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 45 und 46

Einige Tage nach der forschen Entgegnung auf mein ausuferndes Suchtverhalten wechselte ich in mein kleines Verlies des einsamen Dunkels. Sie hatten die Verlegung aufgeschoben bis nicht mehr der Schmerz die Koffer packte.
"Wer ist in der Eins?", fragte jemand aus dem Fenster.
"Frag nicht so blöd!"
"Hört, hört, James ist nach Hause gekommen!", blödelte ein anderer und lachte über seinen gelungenen Scherz.

Im Vorübergehen hatte ich den kleinen Schildchen an der Wand neben den Zellentüren entnehmen können, dass der Bunker diesmal ausgebucht war. Denn nur wo ein Schildchen dran, war auch ein Arrestant drin. Umso besser, dachte ich mir, und weihte sie sogleich über mein Vorhaben ein. Bis auf einen, der noch im Laufe des Tages auf Gruppe entlassen werden sollte, würden sich die verbleibenden drei am Hungerstreik beteiligen.

Ohne einen Bissen des gewohnt köstlichen Frühstücks angerührt zu haben, gaben wir vier es am darauffolgenden Morgen mit dem Hinweis, wir befänden uns schließlich im Hungerstreik und könnten nicht einfach mir nichts, dir nichts drauflos schlemmen, alles zurück. Als hätte einer von uns die Liebste des diensthabenden Schließers beleidigt, polterte dieser sich anbrüllend, dass es verboten und noch nie da gewesen sei, den Flur entlang. Und im Übrigen seien wir allesamt Meuterer und kämen umgehend vor ein Schnellgericht.

Die Unverschämtheit unsere Forderung bestand darin, tagsüber eine und nachts zwei Decken zu bekommen. Jedenfalls für so lange, bis die Heizungen funktionierten. Obwohl kalendarischer Hochsommer, fröstelte uns. Borrmann hatte meine diesbezügliche Bitte mit der Begründung, es verstoße gegen die Sicherheit und Ordnung, vor einigen Wochen abgelehnt.

Schon am zweiten Tag schrumpften wir um einen Hartgesottenen. Beim Hofgang legte er sich flach. Fiel einfach so um. Knickte ab, der Pfeifenkopf.

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Angeblich brachte man ihn sofort auf die Krankenstation, wie uns einer der anwesenden Schließer weiß machen wollte. Der Umfaller habe nämlich einen Magendurchbruch erlitten, was auf das trinken von Wasser bei der Zahnpflege zurückzuführen sei.
Soso, also Wasser bei der Zahnpflege. Warum nicht einfach Mundhygiene? So ein ausgemachter Quatsch! Auch ich trank, wenn auch kein Wasser, so doch Tee und das andere braune Zeug, das sie mit Kaffee ansprachen. Ich hielt es eher für wahrscheinlich, dass er sich zu dieser künstlerisch durchaus überzeugenden Akrobatenrolle hatte überreden, meinetwegen auch zwingen lassen.
Insgesamt ein exzellenter Schachzug. Denn zur Abendessenausgabe verweigerte man uns das Getränk. Erst nach Abbruch des Hungerstreiks, so ihr verlockendes Angebot, bekämen wir wieder etwas von dem guten Gebräu. Schließlich wolle man weiteren Magendurchbrüchen vorbeugen. Wer kann bei so viel Fürsorge schon nein sagen? Na, wir drei!

Am nächsten Tag: Schreck im Ensemble. Ja, mit dem verzetteln ist das auch so eine Sache. Beim Hofgang war ich allein. Keine Spur von meinen Kollegen, mit denen ich noch am Morgen angeregt plauderte. Auch aus ihren Zellen verlautete kein Mucks. Das hatte was von grassierendem Bunker-Kannibalismus. Richtig unheimlich.
Oder stänkerte nur Borrmann mal wieder? Wäre nicht das erste Mal, dass Klausi mit mir seinen Schabernack trieb. Hin und wieder setzte mir der Schlingel einen schrägen Vogel in die Nachbarschaft. Unaufhörlich laberte der mich voll, wie toll es auf Gruppe sei. Das letzte Mal dauerten diese hirnerweichenden Attacken satte drei Tage.
Natürlich sagte keiner, dass ihn Klausi schickt, doch ich war mir sicher. Nur Klausi, der alte Schlawiner, konnte ein Interesse daran haben, dass ich das Handtuch warf. Womöglich vertraute er darauf, ich bekäme nicht mehr spitz, was lief. Aber vergackeiern gilt nicht. Und mein Freund Sandro würde schon dafür sorgen, dass ich nicht vor ihm verblöde.

Von da ab blieb alles an mir hängen. Meine Körperpflege beschränkte sich auf einen feuchten Waschlappen, den ich morgens und abends gereicht bekam. Zugleich auch die einzig verbliebene Möglichkeit, meinen jungen Körper mit Feuchtigkeit zu versorgen. Saugend entlockte ich ihm Tropfen des immer wichtiger werdenden Nass, rubbelte über Zähne, Gesicht, Brust und Arme und warf ihn durch den Zaun vor die Tür. Lange, dessen war ich mir durchaus bewusst, würde ich nicht mehr die Kraft dazu haben.

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Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.