Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 49 und 50

Über den Rand des Wasserglases sah ich ihm in die Augen und sagte: "Ohne Dampf, kein Kampf."
Er verzog die Mundwinkel; doch können kalte, tote Augen niemals lächeln. So hörte ich nur Töne aus seinem Mund, vergleichbar mit Pferdefürzen.
"Darauf habe ich schon gewartet. Da, greif zu!", und schleuderte mir eine angebrochene Schachtel Karo entgegen.
Dieser ungehobelte Klotz verstand es nicht, seine herkulischen Kräfte zu kontrollieren.
"Hier sind Streichhölzer und Aschenbecher", ergänzte er und zeigte dabei auf die Schreibtischkante vor mir.
Andächtig zündete ich mir eine Karo an, schloss den Mund und inhalierte tief. Ah, da war es, jenes berauschende Gefühl als hätte ich mich längere Zeit in nur eine Richtung gedreht. Eine schwarze Filterlose, und du bist gleich ein ganz anderer Mensch.
"Können wir jetzt reden?"
"Sprechen Sie nur. Könnte ich noch etwas Wasser haben?", und hielt ihm am ausgestreckten Arm das leere Glas entgegen.
Der Ausdruck väterlichen Hochmuts verschwand aus seinem Gesicht. "Hm."
Er nahm das Glas und ich lehnte mich entspannt zurück und saugte genüsslich an meiner Zigarette. Da war ich wieder. Es ging aufwärts.
"Da! Na, greif schon zu!", sagte er ungehalten und hielt mir das Glas vor die Nase.
"Verbindlichsten Dank."
"Jetzt kommen wir aber zur Sache", stützte sich mit beiden Händen auf die Armlehnen des abgewetzten Sessels hinterm Schreibtisch und sank langsam nieder.
"Wie lange willst du noch die Nahrungsaufnahme verweigern?"
Der will mich aushorchen. "Ich verweigere nicht die Nahrungsaufnahme, ich kann nur einfach nichts zu mir nehmen, weil ich mich doch im Hungerstreik befinde. Hungernde nehmen nun mal keine Nahrung auf."
"Und weshalb tust du das?"
"Weil mir kalt ist. Und dann wäre auch noch ganz interessant, weshalb ich seit Monaten im Zwinger gehalten werde."
"Kalt?", fragte er verblüfft und keineswegs gespielt.

"Richtig gehört. Ich möchte am Tag eine und in der Nacht zwei Decken."
"Was, nur wegen einer Decke setzt du deine Gesundheit aufs Spiel? Was steckt wirklich dahinter?"
Ach, weißt du, ich habe sonst nichts, was ich noch verlieren könnte. Von mir bekommt ihr sogar das Letzte. Da kenne ich nichts.
"Etwas Wärme vielleicht?"
"Hören Sie auf damit. Ihr Verhalten findet bereits Nachahmer. Auch wenn sie nach kurzer Zeit das Handtuch geworfen haben, verbreitet es doch Unruhe unter den Jugendlichen."
"Teufel auch! Schande über mich."
"Geh mir nicht auf die Eier!", drohte er.
Was ist denn das für ein Ton hier? So kann er meinetwegen zu Hause mit seinem Mann umspringen, aber doch nicht hier. Ich stellte mein Glas ab, zündete mir eine Zigarette an und lehnte mich wieder ausgestreckt zurück.
"Ich heiße James - und Sie können mir ohne Umschweife sagen, was Sie bedrückt. Ich verspreche, darüber nachzudenken."
"Dir... ", er holte tief Luft, sein Brustkorb nahm ein beängstigendes Ausmaß an, "dir werde ich die Flügel stutzen - und dann gibt’s kräftig Nachschlag!"
Nun krieg dich mal wieder ein und schrei hier nicht so rum. Siehst doch, ich bin müde. Bring mich nach Hause. Ich ließ die Zigarette neben meinem linken Bein auf den Dielenboden fallen, trat drauf und legte mich wieder lang hin. In seinen blauen Augen türmten sich Eisberge auf.
Leise, so leise, dass ich mich selbst kaum verstand, sagte ich: "Kein halber Hahn wird mich je zu irgendetwas zwingen", und erschrak sogleich. War ich es, dem diese Worte entglitten? Seit wann bin ich selbstmordgefährdet?
Ruhe. Einige Sekunden herrschten völlige Stille. Er fixierte mich mit aufgerissenen Augen und schnaufte mit halb offenem Mund wie nach einem 100-m-Lauf. Plötzlich sprang er auf, sein Sessel kippte zur Seite, packte mit beiden Pranken nach der kleinen mechanischen Schreibmaschine auf dem Tischchen zu seiner Rechten, zog sie an seine aufgeblähte Angeberbrust und... tatsächlich, schleuderte die wehrlose Schreibhilfe als handle es sich um ein Päckchen Zigaretten in meine Richtung.

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.