Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 51 und 52

Mein Reaktionsvermögen musste während der letzten Tage, Wochen, Monate fürchterlich gelitten haben. Denn was ablief, schnallte ich erst, als sich das Ungetüm mit schwindelerregendem Zahn wie ein Geier vom Himmel stürzte und sich knapp unterhalb des Halses in meine Brust bohrte und mich dank meiner dämlichen Sitzhaltung samt Stuhl nach hinten zu Boden riss. Ich hätte auf meinen Physiklehrer hören sollen, dann wäre mir zumindest diese Peinlichkeit erspart geblieben.
Unsanft schlug ich mit dem Kopf auf. Ein gefundenes Fressen für das bösartige Monstrum, dass sich absichtlich drehte, um beim abrollen auch ja noch seine Tasten über meine linke Gesichtshälfte schleifen zu können. Autsch! Scheppernd schlug es schnaufend auf die Dielen. Es war wohl selbst etwas überrascht.
Ja, so was aber auch. Was sind denn das für unorthodoxe Sitten? Kennt man ja gar nicht. Schlägt ein wenig über die Stränge, das ungezogene Blondie.
"Tschuldigung, ist mir so aus der Hand gerutscht."
Selbstzufrieden grinsend kam er auf mich zu, schnappte sich den Geier und brachte ihn an seinen ursprünglichen Platz zurück.
Ich lag noch außer Atem am Boden, hüstelte wie ein Asthmatiker bei der Flucht nach einem Banküberfall und tastete Brust und Gesicht nach Beschädigungen ab.
Als er die Trophäe abgestellt und sich im Sessel zurechtgerückt hatte, sagte ich keuchend: "Irre komisch, finden Sie nicht auch? Sie sollten noch etwas am Effet arbeiten", stellte mich auf die unsicheren Beine, hob den Stuhl auf, setzte mich und zündete eine Zigarette an.
"Ich habe dir kleinem Faschisten... "
Na, nun geht’s wohl los. Jetzt wurde es selbst mir zu viel. Ich stand auf, steckte die Karos ein und ging zur Tür.
"Bringen Sie mich zurück."
Die Luft hier ist auch nicht besser als in meiner Wohnung. Keine Minute länger würde ich in dieser kargen Stasiabsteige bleiben. Und da kann es noch so kuschelig warm sein.
"Halt, halt! Wir sind noch nicht fertig."
"Wir vielleicht nicht, aber ich."
"Möchten Sie noch Wasser?"
"Ja."
"Zigaretten?"

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"Ja."
Scheiß Spiel. Ich setzte mich, nahm Wasser, diesmal ein größeres, ein Limo-Glas und eine weitere Schachtel Karo entgegen. Die Karos ließ ich sofort in der anderen Tasche meines Overalls verschwinden.
"Heißt Faschismus nicht Antidemokratie?" Ich sah ihn an und trank ganz schnell mein Glas leer. "Von einem gestrauchelten Geheimen lasse ich mir doch nicht weiß machen, wir lebten hier in einer Demokratie. Bring mich zurück!"
"Oberleutnant Borrmann hatte Recht, du bist wirklich nur ein Haufen kümmerliche Scheiße", sagte er sichtlich gezügelt. "Also gut, ich bringe dich zurück. Zuvor aber sprechen wir über meinen Vorschlag. Setz dich jetzt wieder."
"Krümelig heißt das."
"Bitte?"
"Krümelige Scheiße. Es heißt, du bist ein Haufen krüüüümelige Scheiße."
Godzilla verdrehte die Augen zur Decke, dann wieder zu mir, lächelte mitleidig und schüttelte den massigen Kopf als klebe daran ein gedankliches Experiment von der Art, mir so mal nebenbei das Genick zu brechen, hartnäckig wie Kaugummi am Schuh. Ich glaube, jetzt tat ich ihm irgendwie leid. Der Mann wäre am Theater wirklich besser aufgehoben - als Platzanweiser.
"In Ordnung. Setz dich!"
Ich bewegte mich nicht.
"Bitte!"
Meine Brust schmerzte. Längst waren die vom Geier vererbten feinen Blutspritzer auf meiner heißen Wange getrocknet. Unentschlossen stand ich neben dem Stuhl und beobachtete den Vau-Nuller. Er saß ruhig in seinem roten Sessel, die Hände übereinanderliegend auf dem Schreibtisch. Es sah nicht danach aus als lange er gleich nach etwas, was meine Gesundheit schädigen könnte. Also setzte ich mich.
"Sehr vernünftig. Kommen wir nun zum Wesentlichen. Wenn Sie die Verweigerung der Nahrungsaufnahme beenden, kann ich Ihnen folgendes vorschlagen: Während der nächsten zwei Wochen wird darüber entschieden, was mit Ihnen geschieht.

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Copyright © 2018 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.