Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 53 und 54

Es ist so gut wie sicher, dass Sie in eine Erwachsenenanstalt verlegt werden. Sagt Ihnen das zu?"
"Mir Brust. Ich brauche eine Decke", und zündete mir eine neue Karo an. "Mal angenommen, ich breche meinen Hungerstreik ab, was ich natürlich nie tun würde, aber mal angenommen - dann will ich auf Krankenstation. Sehen Sie mich an: Mein Körper ist ein einziger Pickel. Das sieht verdammt nach ärztlicher Fürsorge aus. Für die Reparatur wünsche ich zarte Frauenhände. Blond und nicht zu mager soll sie sein, lange Beine und griffig große..."
"Das reicht! Kann ich sonst noch was für Sie tun?"
"Einen strammen Arsch, riesige Titten, leckere...", sagte ich mit wachsender Leidenschaft.
"Schluss jetzt!", und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
Ich schwöre, nur aus Angst vor einem Erdbeben steckte ich zurück.
"Ich komme Ihnen entgegen und verzichte auf die Frau. Aber die Decke brauche ich!" Auf Blond stehe ich sowieso nicht.
"Vorschlag: Du setzt die Verweigerung der Nahrungsaufnahme für drei Tage aus und wirst, ich gebe dir mein Wort, in den nächsten drei Tagen von uns hören, wie wir weiter verfahren werden."
"Meine Decke?"
"Genehmigt!"

An den folgenden Tagen verwöhnten sie mich morgens und abends mit Weißbrot. Und mittags servierten sie mir sogar eine Schüssel randvoll mit Vanillesoße. Alles andere, hieß es, hätte mein Körper nach den Strapazen der letzten Tage nicht verkraftet.

Meine Decke hatte ich erhalten, doch vom Vau-Nuller hörte ich nichts mehr. Am Vormittag des dritten Tages nagten, sich zunehmend intensivierende, Selbstzweifel an mir. Fiebrig schlurfte ich durch meine Wohnung und schoss mich auf den Vau-Nuller, Borrmann und überhaupt alle ein.
"Schweine! Dreckschweine! Sauschweine! Misstschweine! Was gibt’s noch?"
"Hundeschweine!", kam es ungefragt mit lautem, blödem Lachen. Mein am Morgen eingezogener Nachbar amüsierte sich ohne Scheu.

"Hundeschweine! Nee, das ist albern. Die Hundeschweine nehme ich zurück! Säue! Elende Säue! Verdammte Säue!"
Und so weiter, und so weiter - bis das antiquierte Väterchen, jenes vom Abend des ersten Tages, Deckel und Zauntür öffnete. Wie jeden der letzten Tage folgte dem Schließer ein Kalf mit meiner Schüssel leckerer Vanillesoße und wartete, dass ich sie ihm abnahm. Ihr Duft bändigte mich, machte mir Appetit.

Das Fleisch ist schwach. Red nicht so einen Unsinn. Das hier ist Vanillesoße, kein Weib. Eben. Ich liebe Vanillesoße, und ich brauche das Päckchen! Aber du bist hart, dein Fleisch jung, gut abgeklopft und mit Streuseln verziert. Es fiel mir schwer, verdammt schwer, doch es musste sein.
"Ich setze meinen Hungerstreik fort!"
"Du bist ja nicht mehr ganz bei Trost", sagte Großvater. Und zum Kalfaktor: "Komm! Der wird langsam plemplem."
"Tröste, wen du willst! Mach aber das scheiß Brett dicht!"
Nahm das denn nie ein Ende? Den Tränen nahe - nur nahe, schließlich wohnte wer nebenan - sank ich zu Boden und rollte mich ein.

Was tust du? Ich weiß, was ich tue. Und was? Leck mich! Was willst du? Wer will das schon wissen. Ich. Lass mich in Ruhe. Ja, was nun? Darüber denke ich nach, wenn ich darüber nachdenke.

Ich ruhte nur kurz, spürte die Kälte noch nicht an meinem Körper nagen, als mich Klausi und zwei seiner Getreuen aufscheuchten. Die Grobiane klammerten sich an meinen Armen fest und lenkten mich wie einen aufmüpfigen Alten, der prinzipiell bei Rot die Straße quert, über den Hof. Und meine Hose war voll, quoll über. Nicht wirklich, aber viel fehlte nicht.

Erst nachdem ich ausgiebig mit warmem Wasser geduscht und statt des stinkenden Overalls in ein frisches, nicht mehr ganz weißes, bretthartes Nachthemd schlüpfte, war ich mir sicher, auf der Krankenstation angekommen zu sein. Es war ausgestanden. Vorbei. Doch reichte es nicht zu einem Freudentanz. Möglicherweise lag die Zeit der Einzelhaft hinter mir, wie aber entkam ich dem Nachschlag?

Ende der Leseprobe

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.