Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 7 und 8

Hilfe suchend umklammerten meine eiskalten Hände die Gitterstäbe, wurden feucht und glitten an ihnen hinab. Tränen tauchten meine Perspektive unter einen dichten Schleier. Und irgendwo - weit, sehr weit weg - sah ich ein sanftes weißes schimmern um ein verschwommenes dunkles Nichts.
„Wie spät?“, fragte ich leise den Geologen.
„Nach sechs“, beschied er mürrisch, schlug das Eisengitter und kurz darauf die schwere Zellentür ins Schloss.

III

Verstört warf ich den Kopf herum. Angst trocknete meine Augen. Scheppernd verhakte sich sein hässliches mausgraues Maul, rastete ein, verband sich mit der umlaufenden Mauer zu einem Ganzen. Kein Entrinnen. Ich fühlte mich beengt und bedroht. Auf puddingweichen Knien wankte ich durch den Schlund der Hoffnungslosigkeit als folge ich einem gespannten Gummiband. Was mich antrieb, ich kann es nicht sagen. Oder doch: Eigentlich trieb mich nichts, ich wurde getrieben.

Wieder dieses Zucken. Kalte Blitze durchfuhren alle Glieder. Mein Körper bebte, doch sah ich mich nicht um, als das zweite stählerne Schleusentor sein meterhohes gefräßiges Maul schloss, mich gefangen nahm, würgte und verschlang. Ich sah nach vorn und mir wurde kotzübel.
Die Sonne schien, prasselte unbarmherzig auf mich hernieder. Ein wunderschöner Tag für ein Picknick im Grünen. Und höllisch heiß für einen Tag Anfang Februar. Ich schwitzte nicht. Warum wurde es nicht dunkel? Kommt wohl noch. Bitte etwas Regen, nur einen kühlenden Schauer. Wer friert, lebt. Ich fror nicht.

***

Erst neun Monate lag das zurück. Fast auf den Tag genau. Bevor ich an diesem freundlichen Februartag durch das Haupttor der Jugendstrafanstalt in Ichtershausen, einem ehemaligen Kloster, das irgendwann korrigiert wurde, schlenderte, drückte ich mich fünfzehn Monate in verschiedenen volkseigenen Gefängnissen herum.

Ichtershausen war nicht irgendein Jugendknast. Wen die Justiz des Arbeiter- und Bauernstaates hierher karrte, der war entweder Gewaltverbrecher oder Wiederholungstäter. Schon mit fünf Jahren war man dabei und durfte sich unter Mörder, Bankräuber und auch Republikflüchtlinge mischen; sie sogar als Freunde gewinnen, wenn man was anständiges vorzuweisen hatte.

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.