Wollter von Olaf W. Fichte
Ein Roman

Seiten 9 und 10

Während sich die Mehrheit mitten im Vollrausch der Pubertät befand, glitt ich zufällig - oder vielleicht auch nicht - genau an diesem Tag charmant und leichtfüßig über die viel gepriesene Schwelle zur Volljährigkeit. Doch irgendwie wollte es mir nicht so richtig feierlich ums Herz werden. Mag sein, es lag daran, dass noch fünfundvierzig Monate vor mir lagen. Kein Pappenstiel, aber mir machte das alles überhaupt nichts aus. Natürlich nicht!

Festgenommen wurde ich übrigens auf der Herrentoilette des Dresdner Hauptbahnhofs. Drei Monate später verurteilte mich ein Jugendschöffengericht des Bezirksgericht Dresden Nord wegen versuchter Republikflucht zu sechzig Monaten Jugendhaft. Den Qualm verdankte ich den Aussagen zweier Klassenkameraden. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es keine x-beliebigen, sondern wirklich dicke Schulfreunde waren.

***

Acht Tage verbrachte ich mit Nichtstun auf der Zugangsabteilung während deren die Leitung knobelte, auf welche Gruppen sie uns neun Neuzugänge am zweckmäßigsten verteile.

Als ehrlicher und unaufdringlicher Junge, der ich nun einmal war, sagte ich ihnen, um Missverständnissen vorzubeugen, gleich am ersten Tag, was ich von ihnen hielte und sie mich höflicherweise könnten, wenn ihnen mal danach sei. Da mussten sich die Herrn aber erschrocken haben, denn sie knobelten und knobelten, knobelten und knobelten - oder taten jedenfalls so. Reine Zeitverschwendung, denn ich wiederholte nur, was ich drei Wochen zuvor auch schon meinen Verurteilern anbot.
Ihr Ergebnis blieb ohne Alternative und nannte sich verschärfte Einzelhaft. Eine ebenso umständliche wie blöde Bezeichnung für ein simples Fingerschnippen.

Zum Davonlaufen! Irgendwas oder irgendwer moderte vor sich hin. Die Luft stand - und ich mittendrin, nackt vor dem Tresen der Effektenkammer auf dem schummerigen Dachboden des zweistöckigen Häuschen, nur wenige Schritte von der Zugangsabteilung über den Hof. Und plötzlich fror ich. Mir wurde kalt, richtig furchtbar kalt. So kalt, dass ich... dass mir... Oh, nein! Ich hob den Kopf, schlug die Backenzähne fest aufeinander und verzog mein Gesicht zu einer Miene, die ausdrücken sollte, „Wer jetzt Witze macht...“ Den Rest schenkte ich mir. Keiner interessierte sich für meine Gedanken. Also änderte ich die Zielrichtung und dachte ungeniert weiter. Ich schrie, oder besser, ich flehte in mich hinein: „Komm schon, komm schon.“ Er hatte sich verkrochen, so klein gemacht, dass eine halbe Walnussschale genügte, ihn unsichtbar werden zu lassen. „Jetzt wird nicht Verstecken gespielt. Hör auf damit! Mach mir keinen Ärger. Bitte, bitte!“ Wie beiläufig sah ich auf die verstreut am Boden liegenden Kleidungsstücke, die ich auf Zugang habe tragen müssen, streifte ebenso beiläufig über die Stelle, an der ich ihn vermutete, doch schien es, als habe ich ihn nun erst recht eingeschüchtert. Von Begeisterung jedenfalls keine Spur. „Tu mir das nicht an. Komm her, Mann!“ Nichts. Er regte sich nicht. „Willst du wohl!“ Nichts. „Wie du willst. Fortan sollst du fahnenflüchtiger Karottenstumpf Hermann heißen“, knurrte ich und griff geschwind nach der Unterhose. Mit unruhigen Fingern riss ich sie vom Tresen und schlüpfte hinein. Schon wärmer. Sehr viel wärmer. Weniger hastig streifte ich den dünnen, ausgewaschen blauen Overall, den mir einer der drei Kammerkalfaktoren reichte, über, schnürte die ausgetretenen, absatzlosen schwarzen Halbschuhe an mir fest und schob das dunkelblaue Schiffchen entsprechend der Anstaltsordnung vorschriftsmäßig auf den Kopf. Nur natürlich viel lässiger.

Kaum eine Armlänge entfernt stand Oberleutnant Borrmann zu meiner Linken und betrachtete mit wissenschaftlichem Forschungsdrang seit einer viertel Stunde stumm seine Fingernägel.
Er und zwei Schlüsselschwinger brachten mich vom Zugang hierher. Beim überqueren des Hofes stellte sich mir Borrmann als Erzieher jener Gruppe vor, derer ich zugeteilt wurde, weil nun einmal jeder Jugendliche einer Gruppe zugeteilt werden müsse.

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Dieser Roman beruht auf wahren Ereignissen. Die Namen einiger Orte und fast aller Personen wurden geändert.