Man and Words

Klartext Weblog von Olaf W. Fichte

Ein Vorstellungsgespräch, welches man niemandem wünscht

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Eine kleine (bezeichnende) Geschichte über die Stasiunterlagenbehörde

This Is Not a Love Song

Hat es tatsächlich einen Vorteil, wenn Behörden die Zusendung von Bewerbungen auf Papier fordern? Bewerbungen per E-Mail würden nicht berücksichtigt, heißt es da. Und immer muss der Datenschutz herhalten.
Das ist Unfug.
Der Vorteil einer Bewerbung auf Papier liegt darin, dass man Teile der Bewerbung oder auch die kompletten Bewerbungsunterlagen quasi spurlos verschwinden lassen kann. Sie ist dann eben nie angekommen.
Absender haben keinen Nachweis über den Eingang ihrer Bewerbung. Es sei denn, sie wurde per Einschreiben versandt. Aber, wer verschickt seine Bewerbung schon per Einschreiben.

So kann man eine Bewerbung auf Papier nicht nur komplett oder teilweise (zum Beispiel einzelne Anlagen) spurlos verschwinden lassen, sondern zum Beispiel auch Teile davon recht einfach manipulieren oder verfälschen, ohne dass es jemand nachweisen kann, denn die Bewerber erhalten die zugesandten Unterlagen nie wieder zu Gesicht. Sie werden ihnen nicht zurückgesandt.
All dies ist auch bei per E-Mail übersandten Unterlagen möglich, allerdings viel schwieriger, denn eine E-Mail hinterlässt zahlreiche Spuren und Kopien. Richtig kompliziert wird es, wenn die E-Mail samt Anlagen vor Manipulation geschützt wurde.

Die per E-Mail zugesandte Bewerbung erhält in der Regel die zuständige Person oder Abteilung, wohingegen per Post zugesandte Unterlagen meist zunächst in der Poststelle der Behörde landen, wo sie meist auch geöffnet werden. Mithin erhalten weit mehr Personen Zugriff auf persönliche Daten, als bei elektronisch zugesandten Unterlagen.

Nicht von der Hand weisen lässt sich auch eine gewisse Sammelwut. Eine Garantie nämlich, dass diese sensiblen Unterlagen nach einer Absage sachgerecht entsorgt werden, erhält man freilich nicht.

Datenschutz spielt in diesem Zusammenhang gar keine Rolle.

Ein gutes Beispiel, was viele Behörden unter Datenschutz verstehen, ist die Website des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen.

Davon abgesehen, dass diese Seite löchrig und fehlerhaft ist, macht sie den Eindruck, als sei es das Schulprojekt einer dritten Klasse gewesen. Mit eben dieser kindlichen Unkenntnis und Verspieltheit. Man kann nur hoffen, dass dafür nicht auch noch Steuergelder geflossen sind. Was bei einer Bundesbehörde höchst unwahrscheinlich ist. Datenschutzbeauftragte dieser Behörde sind offenbar anderen Aufgaben zugeteilt. Insgesamt ein gutes Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte.

Welches berechtigte Interesse könnte eine Bundesbehörde haben, Tracking-Tools einzusetzen? Davon abgesehen, dass Tools dieser Gattung naturgemäß nur von Vollpfosten eingesetzt werden, keines. Alle für einen Webauftritt, wie diesem, relevanten Daten befinden sich in den Server-Logs. Nur, diese muss man richtig lesen und interpretieren können.

Weder auf den einzelnen Seiten noch in der Datenschutzerklärung findet sich ein Hinweis auf Google Maps, obwohl diese auf jeder Seite eingebunden sind und Besucher einer Webseite vor dem Laden von Fremdanbietern wie Google Maps ausdrücklich darüber informiert werden müssen, dass ihre personenbezogenen Daten (zum Beispiel die IP-Adresse [inklusive Datum, Uhrzeit, Gerät, Browser etc.]) an Dritte weitergeleitet werden. Ebenso ist das Setzen eines NID-Cookies auf dem Gerät des Besuchers ohne Aufklärung und Einwilligung nicht erlaubt. Jedes NID-Cookie enthält eine eindeutige ID. Google nutzt diese, um zum Beispiel Werbung in Google-Produkten individuell anzupassen.

Nicht Datenschutz, sondern Überwachung steht hier im Vordergrund.

Ein Entschuldigungsgrund könnte Inkompetenz sein, die bei dieser Behörde Methode hat.

Eine kleine Geschichte, die sich tatsächlich so zugetragen hat, über ein Bewerbungsgespräch beim Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen.
Diese kleine Begebenheit ereignete sich in Erfurt. Ähnliche Erfahrungen wurden in Berlin und anderen Orten gemacht.

Geschehen im Jahr 2019 - knapp 30 Jahre nach dem Fall der Mauer.

Es regnete an diesem kalten Februarmorgen. Eine junge Frau, vielleicht Anfang zwanzig, durchforstete den Papierkorb vor dem Gebäude nach Pfandflaschen.

Ein trauriger Morgen.

Er betrat das Gebäude, trat an das Pförtnerhäuschen heran und nannte seinen Namen und sein Anliegen. Der Pförtner trat hervor, legte eine Liste links von ihm ab und bat um Wiederholung seines Namens. Er widerholte ihn und sah dabei auf den rechten Zeigefinger des Pförtners, wie er die Liste Namen für Namen nach unten rutschte, bis er innehielt und auf den ersten Namen zeigte. Sein Name stand als erster auf der Liste. Nach ihm folgten vier weitere Bewerber. Er konnte ihre Vor- und Nachnamen sowie die Uhrzeiten, zu denen sie bestellt wurden, lesen.

Sein erster Eindruck: Datenschutz in dieser Behörde - ein Fremdwort.

Er müsse sich noch etwas gedulden, der Verantwortliche sei noch nicht im Haus, sagte der Pförtner.
Natürlich nicht, dachte er sich, wer fängt schon vor zehn Uhr an zu arbeiten. Und ein Bewerbungsgespräch ist nicht wichtig genug, um pünktlich auf Arbeit zu erscheinen.

Vier Wochen zuvor hatte er sich auf eine Stelle in dieser Behörde beworben und bereits wenige Tage später eine Einladung zu diesem Vorstellungsgespräch erhalten.

Beworben hatte er sich nicht online, da, aus Gründen des Datenschutzes (natürlich), die Behörde auf einer Bewerbung per Briefpost bestand.
Er bewarb sich auf diese Stelle, weil keine besonderen Qualifikationen erwartet wurden und er schnellstmöglich einen neuen Job benötigte. Wohl auch auf Grund der niedrigen Anforderungen war er sich sicher, dass er mit seinen Erfahrungen und erstklassigen Arbeitszeugnissen sehr gute Chancen haben würde.

Kurz nach zehn Uhr wurde er nach oben in einen Raum gebracht, in dem das Vorstellungsgespräch stattfinden sollte.

Drei Frauen und zwei Nichtfrauen saßen an einer langen Tafel vor der Fensterfront. Er begrüßte jede anwesende Person per Handschlag. Sie nickten wortlos. Der Zuspätkommer zeigt auf einen Stuhl.
Er nahm Platz und sah gegenüber am Zuspätkommer vorbei aus dem Fenster. Er fühlte sich unwohl und wartete auf eine erste menschliche Reaktion. Vielleicht ein Wort oder einen vollständigen Satz.

Wortlos sahen sie ihn an. Nein, sie starrten ihn an.

Nicht nur, dass er sich seit Betreten des, trotz mehrerer Fenster, schummrig unpersönlich kühlen Raumes schlagartig niedergeschlagen fühlte, starrten sie ihn auch noch an wie einen Alien. Ein überaus unangenehmes Starren.

Er dachte, hätte ich mir doch bloß ein Schild umgehängt: "Ich bin ein Bewerber. Erschießt mich zuerst." Die gesamte Situation schrie förmlich danach.

Jetzt glotzten sie nur noch. Sie glotzten mit derselben Gleichgültigkeit, mit der auf Labortiere herabgeblickt wird.

Bei seriösen Gesprächen versucht man das Eis zu brechen, indem ein Getränkt gereicht wird. Zumindest aber angeboten wird. Hier nicht, denn hier hagelte es schockgefrorene zweibeinige Eiswürfel.

Desinteresse kann man auf vielfältige Weise ausdrücken. Aber diese Form gehört zu den übelsten. Auch deshalb, weil man absolut keine Chance hat, ihr zu begegnen.
Setzen Sie sich doch mal irgendwo auf eine Bank. Im Park oder sonst wo. Sie sitzen einfach nur so da. Plötzlich kommen fünf Personen, bauen sich vor Ihnen auf und glotzen Sie an. Sie glotzen einfach nur. Minutenlang. Wie fühlen Sie sich jetzt? Verunsichert? Oder gar schuldig, obwohl Sie gar nichts getan haben? Oder etwas anderes. Was es auch ist, in jedem Fall ist es höchst unangenehm, vor allem auch dann, wenn Sie sich ohnehin in einem angespannten Zustand befinden. Eben, wie in einem Bewerbungsgespräch.

Ihr Verhalten zeigte Wirkung.

Überall anders wäre ihm diese Art und Weise kein Problem gewesen, aber in diesem Gebäude, bei diesem Background und mit seiner Vergangenheit war das etwas völlig anderes. Sind die so dämlich? Oder einfach nur unsensibel? Wie dem auch sei, in jedem Fall befinden sich die falschen Leute in den verantwortlichen Positionen.

Zwei Wochen Vorbereitung - alles weg. Sein Kopf leerte sich. Schweiß bedeckte Hände und Körper. In einem Gebäude, in dem sich alles um die ehemalige Stasi dreht, wird ein Bewerbungsgespräch aufgezogen wie ein Stasiverhör.

Bilder längst vergangener Zeiten im Kopf. Der Proband wurde mürbe.

Man hat Puls, ist aufgeregt, nervös, will nichts falsch machen, weil man diesen Job unbedingt haben möchte. Und dann das.

Nach drei bis vier Minuten, einer gefühlten Ewigkeit für einen zertrümmerten Bewerber, durchdrangen Worte die Stille. Der Zuspätkommer sprach. Er musste real sein, dachte er sich, denn er machte lebensechte Bewegungen, was er von den anderen nicht behaupten konnte.

Der Zuspätkommer begann Fragen zu stellen. Hauptsächlich zur Geschichte der Behörde. Jede Frage, die er stellte, las er Wort für Wort vom Papier ab. Und auf eben jenem Papier notierte er auch die Antworten des Bewerbers (Stichwort: Sammelwut). Es folgten einige wenige allgemeine Fragen, die seine sozialen Kompetenzen ausloten sollten, und noch weniger fachliche Fragen. Wobei die fachlichen Fragen von dem Herrn, der neben dem Zuspätkommer saß, gestellt wurden. Auch er las jedes einzelne Wort vom Papier ab und notierte alle Antworten auf diesem (Stichwort: Sammelwut).

Nach etwa zwanzig Minuten legten beide Herren, nahezu synchron, ihren Stift, mit dem sie die Antworten unter die Fragen aufs Papier geschrieben hatten, aus der Hand, lehnten sich zurück und verschränkten die Arme vor der Brust. So, als wollten sie sagen: Wir sind fertig, las uns nun in Ruhe und geh einfach hinaus. Wir sind erschöpft.

Keine weiteren Fragen. Keine Rückfragen. Keine einzige Frage zur Person des Bewerbers. Einfach nur Desinteresse.

Aus seriösen Vorstellungsgesprächen kennt man, dass während des Gesprächs in den Unterlagen des Bewerbers oder der Bewerberin geblättert wird. Und immer resultieren daraus Fragen an den Bewerber bzw. die Bewerberin. Doch hier stellte niemand Fragen. Und hier hatte auch niemand seine Bewerbung vor sich liegen. Die totale Ignoranz. Keine einzige Frage zur Person wurde gestellt. Wie deutlich kann man einem Menschen denn noch zeigen, was man von ihm hält?

Um die peinliche Stille zu durchbrechen, fragte er schließlich, für wie lange das Arbeitsverhältnis ausgelegt sei, da in der Ausschreibung nur stand, dass es sich um eine befristete Stelle handle. Der Zuspätkommer antwortete ihm lustlos: "Einige Monate. Vielleicht ein Jahr. Vielleicht bis Jahresende".
Erschreckend, diese exakten Auskünfte. Verschafft einem doch gleich mehr Planungssicherheit.

Und dann. Dann. Dann kam der Hammer.
Wir müssen Sie natürlich noch auf Ihre Stasivergangenheit hin überprüfen, sagt der Zuspätkommer unvermittelt.
Öha! So also sieht bei euch der besondere Schutz der Betroffenen aus: Man beleidigt sie!
Der Zuspätkommer sagte dies, und erhielt weder Widerspruch noch Protest der anwesenden Personen. Genauso gelangweilt wie sie die letzte halbe Stunde verbracht hatten, warfen sie wohl auch seine Bewerbung in den Müll, ohne ihr auch nur eines Blickes zu würdigen.

Emotionslos, kalt, unangenehm abstoßend. Fischstäbchen im Kühlfach strahlen mehr Behaglichkeit aus.

Hätten sie seine Bewerbung gelesen oder auch nur überflogen, wüssten sie, dass vor ihnen ein anerkannter verfolgter Schüler und ein anerkannter ehemaliger politischer Häftling, der darüber hinaus auch noch ausgebürgert wurde, saß.

Es erinnerte ihn an das Prinzip, wonach TV-Shows funktionieren: wer gewinnen will, muss erniedrigen. Wenn dann noch etwas Angst beigemischt wird, hat man seine eigene kleine Diktatur.

Bis zu diesem Tag kannte er herablassende Äußerungen und Beleidigungen gegenüber ehemaligen politischen Gefangenen nur seitens der Bundesagentur für Arbeit, wo Datenschutz absolut keine Rolle spielt und Gesprächsprotokolle angefertigt werden, ohne dass Betroffene (jeder Besucher, jede Besucherin) informiert werden, weshalb sie diese naturgemäß auch nicht einsehen oder korrigieren können. Wen wunderts, auch das ist eine Bundesoberbehörde.

Er sah ihn an. Sekundenlang. Fror plötzlich. Stand auf, drehte sich um und ging - ohne ein Wort zu sagen.

Ein Vorstellungsgespräch, so unpersönlich, herablassend, wie bei einem Verhör der Stasi. Da gab es auch immer eine oder mehrere Personen, die einfach nur schwiegen und glotzten, um ihr gegenüber zu verunsichern, während eine Person Fragen stellte. Ekelhaft.

Sensibilität, eine Kompetenz, die an diesem Ort keinen Platz hat, wohl aber von der Öffentlichkeit erwartet, gar eingefordert wird.

Acht Tage später wurde ihm die Ablehnung per Briefpost zugestellt.

Letztlich war ihm natürlich bewusst, dass zu besetzende Stellen des öffentlichen Dienstes öffentlich ausgeschrieben werden müssen. Für die Besetzung der jeweiligen Stelle sind oftmals aber nicht die Qualifikationen, Kompetenzen oder gar die Eignung ausschlaggebend, sondern allein die Tatsache, wer wen kennt.

Die Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) ist eine Bundesoberbehörde.

Was aber könnte der Grund für dieses Gedöns gewesen sein? Eine Übung war es jedenfalls nicht.

In der Wirtschaft unvorstellbar, bei Bundesbehörden fast schon die Regel: unqualifiziertes Management.

Bisher gab es drei Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen-Behörde. Und alle haben eines gemeinsam: Absolut nichts, was sie qualifiziert, befähigt oder auch nur für die Aufgabe eines Behördenleiters bzw. einer Behördenleiterin dieser Größenordnung empfiehlt.

Nicht Können ist die Qualifikation, sondern Kennen.

Der letzte Innenminister der DDR, im Kabinett von de Maizière, sagte über Gauck, er sei ein "Begünstigter des DDR-Regimes" gewesen. Und DDR-Oppositionelle kritisieren die Betitelung Gaucks als "Bürgerrechtler", denn Gauck sei in der Oppositionsbewegung nicht aufgefallen. Vielmehr sei er nach der Wende erst dazu aufgebaut worden. Als sich vor der Wende die Opposition landesweit vernetzte, was illegal und mit hohen Risiken verbunden war, sei Gauck nicht dabei gewesen. Auch in der Friedensbewegung sei er nicht verwurzelt gewesen.

Nicht vorhandene Qualifikationen mit einhergehenden mangelnden Kompetenzen führen zwangsläufig dazu, dass der jeweiligen Person übertragene Verantwortlichkeiten nicht vollumfänglich bewusst werden.

Und dies wiederum führt zu folgenden Reaktionen, die jeder Eignung widersprechen: Gauck, der erste Behördenleiter, verteidigt vehement, dass er Stasi-Leute eingestellt hat. Seine Nachfolgerin streitet ab, dass es Stasi-Leute in der Behörde gebe. Und ihr Nachfolger, der derzeitige Bundesbeauftragte, wolle die Stasi-Leute umsetzen. Kein Wort von Entlassung.

Wofür werden von dieser Behörde Menschen auf ihre Stasi-Vergangenheit hin überprüft, wenn ein positiver Bescheid ohne Konsequenzen bleibt?

Andererseits, schon im Namen der Behörde finden sich Täter, jedoch keine Opfer wieder.

Fazit

Was für eine jämmerliche Behörde. #fubar

Bis neulich!

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