Fechter
Ein Roman nach wahren Begebenheiten
Über den Tatsachenroman
Auszüge aus dem Leben eines jungen Söldners.
Nach seiner Zeit bei der Fremdenlegion arbeitet er für jeden, der, wie er, sich gegen Terroristen wendet - und ihn dafür bezahlt. Ob z. B. im Libanon oder im Einsatz für Geheimdienste, Wolf Fechter, der Protagonist, ist Söldner aus tiefster Überzeugung.
Bis zu dem Tag, als man ihn zum Narren hält und sich weigert, ihn zu bezahlen.
Folgen Sie Wolf Fechter u. a. nach Spanien, in den Libanon, die Niederlande und durch Deutschland.
Der erfolgreiche Roman Fechter ist ein dynamischer Thriller, dessen Haupthandlungen sich in der Zeit von Anfang bis Ende der 1980er Jahre ereigneten.
Fechter
Psycho-Thriller von
Olaf W. Fichte
Fechter: Der Anfang
Spanien - im Juni
Seit Malaga kam ich recht gut voran. Ich ließ die alte Hafenstadt am Mittelmeer, ihren dichten Dunstschleier, der sich schwer auf mein sonniges Gemüt legte und mich nötigte, die Fenster hochzukurbeln; ihre verwahrlosten Straßenkinder, die mir an jeder Ampel auflauerten und, nachdem sie mit einem mäßig feuchten Schwammstück einen Brei aus Insektenkadavern und Straßenstaub auf meiner Windschutzscheibe verteilten, der sich mit jeder Ampel zu einem immer undurchsichtiger werdenden feinen milchig weißen Film verdichtete, mir ungerührt mit ihrer widerlich aggressiven Bettelei auch noch den Rest zu geben versuchten; ihre bunt gekleideten Touristen, die sich ahnungslos gebend ihre Lungen voll gesunder Meeresluft pumpten, und auch den eleganten, jovialen Herrn, der rauchend an der Ecke stand, den Schnorrerkids Münzen zuwarf und sich köstlich amüsierte, wenn sie nicht herankamen, weil vor und hinter ihnen Fahrzeuge vorbeirauschten - all dies ließ ich hinter mir, schaltete kurz die Scheibenwischanlage ein, öffnete die Fenster, gab kräftig Gas und genoss den ersehnten Fahrtwind.
Endlich, endlich wieder frei.
Mein kleines rotes Auto gehorchte, ohne zu murren. Zügig trug es mich ins Bergland, durch Tunnel, vor denen ich trotz Hinweisschildern grundsätzlich vergaß, die Scheinwerfer einzuschalten, auf einen scheinbar endlosen Highway, der uns, mein surrendes Automobil und mich, geradewegs in den Norden führte.
Es war einer dieser ordentlich heißen Sommertage, die zu einem anständigen spanischen Sommer gehörten wie halb nackte Mädchen, schweißtriefende Millionäre und verdorrte braungelbe Gräser an die Costa del Sol.
Wer brauchte schon Grünzeug, wenn das Fleisch bereits im Sand schmort?
Trotz der unbarmherzig drückenden Hitze drosselte ich das Tempo und tuckerte mit 120 Stundenkilometern dahin.
Ich weiß, was Sie jetzt denken: Sie denken, ich sei ein klein wenig verrückt. Nein ... oder vielleicht doch. In diesen Augenblicken war ich vor allem verzückt. Vergessen waren Staub und Sonnenglut. Der vielfältige Reichtum dieser Landschaft hier oben zog mich in seinen Bann und versetzte mich in eine Art Lusttaumel. Er kam herab von den Bergen, schlängelte sich über saftig grüne Wiesen, Bäume und Sträucher, entlang in voller Reife stehender Felder; hin zum beruhigenden Flimmern der Straße und den winzigen Dörfern. Vereinzelt saßen alte Männer auf Obstkisten am Straßenrand, rauchten und schauten mir gleichmütig nach. Ich sah in ihre von harter Arbeit gezeichneten und der Witterung vieler Jahrzehnte zerfurchten, voller Weisheit offenen Gesichtern und hörte ihre Botschaft: Fahr weiter, Fremder. Halte nicht an. Hier findet kein Leben für Sechsundzwanzigjährige statt. Die Jungen fanden ihr Auskommen in der Stadt. Uns Alten bleibt die Arbeit auf dem Feld und das Land unserer Urväter, das uns eines Tages genommen wird, um Hotels wachsen zu lassen. Bleib nicht stehen, Fremder. Fahr weiter, immer weiter.
Ich war fasziniert, fühlte mich keineswegs als ungebetener Gast, gar als Eindringling oder teilnahmsloser Beobachter, sondern dazugehörig. Einmal erwischte ich mich mit einem bewundernden Lächeln auf den Lippen.
Es galt dem eisernen schwarzen Stier - hoch oben auf einer Anhöhe. Stolz und ausdrucksstark sah er zu mir herab, ohne bedrohlich zu wirken.
Er wünschte mir eine gute Fahrt und ich dankte es ihm mit einem hochachtungsvollen Kopfnicken, begleitet von einer leichten Verneigung. Glanz und Erhabenheit - das nenne ich Stil.
Was sich mir bot, nahm ich mit. Alles sog ich auf, schwieg und kostete jede einzelne Sekunde aus. Bei so viel unverschämter Schönheit blieb mir keine Chance zur Gegenwehr. Und das war gut so. Wer weiß schon, was morgen kommen wird. Vielleicht werde ich geblendet sein, wie ich es noch vor wenigen Stunden war.
*****
Alles fing mit einem Anruf an. Geheimnisvoll - natürlich. Es liegt ein paar Tage zurück. An einem Mittwochnachmittag vierzehn Uhr dreißig, um korrekt zu sein. Ich erinnere mich deshalb so genau daran, weil es meine Zeit ist, eine Zeitung zu nehmen und den Topf zu drücken. Nein, nicht nur mittwochs. Auch anderentags, wenn sich die Verdauung nach einer guten Mittagsmahlzeit beschleunigt.
Jedenfalls klingelte das Telefon nach erfolgreicher Geschäftsabwicklung. Zum Glück, möchte ich sagen, denn ein paar Minuten früher ... Erleichtert zog ich meine Hosen hoch, angelte nach der Reißleine des Spülbehälters und machte mich eiligst davon. Schweiß bedeckte mein blasses Gesicht.
Mit der BILD-Zeitung vom letzten Samstag unterm Arm balancierte ich gemächlich um die am Morgen angelieferten Mehlsäcke durch die Backstube in Richtung des unaufhörlich bimmelnden Telefons. Ein nervtötendes Ding. Und mein Hemd wollte nicht in die Hose.
Im Verkaufsraum angelangt, bettete ich meinen Oberkörper neben die Registrierkasse mit Sammlerwert auf den Ladentisch, nahm den schwarzen Hörer des nur unwesentlich jüngeren Telefons und klemmte ihn zwischen Ohr und Schulter. Bevor ich mich meldete, zündete ich mir erst noch eine Zigarette an.
"Si?" Mein Spanisch war nicht überragend, aber dieses Wort leierte ich gekonnt wie ein Einheimischer herunter.
Vom anderen Ende kam etwas, was ich nicht deuten konnte. Ich tippte auf einen Ausländer, der sich in einer Fremdsprache (vielleicht war es auch nur ein seltener Dialekt) übte, ohne dass er sich um Ausdruck und Betonung scherte. Ich ließ ihn sich quälen, inhalierte und blies den Rauch zur Decke.
"Kann ich Ihnen helfen?", fragte ich schließlich in allerfeinstem Hochdeutsch, und der Mann antwortete erleichtert: "Ja! Ist Herr Fechter über Sie zu erreichen?"
"Muss ich mal nachfragen", und legte den Hörer geräuschvoll auf die Theke, drückte meine Zigarette auf einer Untertasse aus und nahm den Hörer wieder auf. "Ja, ist er. Was wollen Sie von ihm?"
"Darüber hätte ich gern mit ihm persönlich gesprochen."
"Dann tun Sie’s doch. Bin schon da."
"Bleiben Sie bitte dran, ich verbinde Sie."
Ein Knacken in der Leitung. Die Verglasung der Kühltheke zur Linken fing mein fragendes Minenspiel auf. Was, wenn ich es nicht bin?
"Hallo, spreche ich mit Herrn Fechter?", forschte eine andere männliche Stimme nach wenigen Sekunden Funkstille.
"Und ich?"
"Herr Bernhard möchte Sie sprechen."
Bernhard? Ich kannte niemanden, dessen Familienname andere Leute zum Rufnamen haben.
"Nur zu, Sie zahlen!"
"Er ruft Sie in zehn Minuten zurück."
Ich legte auf und spurtete ein weiteres Mal auf den Lokus.
Und wie ich da so saß, die Ellbogen auf den Knien und den Kopf zwischen den Handflächen, fragte ich mich, ob ich nicht etwas Vernünftigeres zu tun habe, als auf einen merkwürdigen Anruf zu warten. Hatte ich nicht. Und dann war da auch noch meine Neugier und das unerklärliche Gefühl, auf eben diesen Anruf gewartet zu haben und womöglich eine einmalige Gelegenheit zu verpassen, nahm ich ihn nicht wahr. Also beeilte ich mich.
Als der Apparat von Neuem klingelte, stand ich bereits neben ihm. Ich war allein. Mittwochs war ich immer allein im Laden, denn mittwochs war Ruhetag - da blieb die Konditorei geschlossen. Das Geschäft gehörte Freunden. Dienstagabends rollte ich meinen Schlafsack auf dem Kachelboden im Verkaufsraum neben der Eingangstür aus und donnerstags in der Früh gegen drei wieder zusammen. Dann kam Ulli, der Chef, weckte mich und machte sich nach einer gemeinsamen Tasse Kaffee ans Brot backen. Eigentlich schaute ich nur vorbei, um mich herumtreibenden Strolchen, die dem überhandnehmenden Freizeitsport frönten, nach Geschäftsschluss in fremder Leute Kasse zu greifen, in den Weg zu werfen und ihr ehrgeiziges Vorhaben ein Stück weit zu versüßen. Aber sie kamen nicht - und so langweilte ich mich die überwiegende Zeit.
Ich tat es nicht der Peseta, die mir Ulli heimlich zusteckte, sondern unserer Freundschaft wegen. Biggi, seine Frau, durfte von dem Geld nichts wissen. Knauserig war sie bestimmt nicht, nein, Biggi war krankhaft geizig. Insbesondere ihrem Mann und seinen Freunden gegenüber.
Entspannt zündete ich mir eine Zigarette an, trank einen Schluck Kaffee, nahm den Hörer ab und sagte: "Beerdigungsinstitut Himmelsfreud."
"Grüß Gott, spreche ich ..."
"Nein, dem Herrn ist unpässlich."
"Spreche ich mit Wolf Fechter?"
"Das wiederum kann ich bejahen. Worum geht es?"
"Können Sie auch Ernst sein?", fragte er pikiert.
"Nein, aber Wolf. Und bei dem ist es eine Frage des Preises."
"Na schön. Sie haben Kontakt zu unseren Freunden, wie mir Herr Spehr berichtete. Richtig?"
"Und weiter?"
"Wir sind interessiert. Fahren Sie ins Baskenland und halten Sie uns von da auf dem Laufenden. Wenn auch nur die allerkleinste Hoffnung besteht, tiefer in diese Kreise eindringen zu können, sind wir dabei. Nächste Woche lassen wir Ihnen sechshundert Mark für Ihre Aufwendungen zukommen. Sind Sie einverstanden?"
Genüsslich strich meine Zunge über die Lippen. Warum zögern? Ich liebte das Geräusch knisternden Papiergeldes. Allein die bloße Vorstellung daran brachte mich nah an eine Erektion. Natürlich nahm ich das Angebot an.
"Wir schicken es Montag oder Dienstag ab. Zeitgleich wird sich mein Kollege bei Ihnen melden. Mit ihm können Sie dann alles Weitere besprechen."
"Aber nicht vor zweiundzwanzig Uhr dreißig."
Das war wichtig, um ungestört sprechen zu können. Kurz nach 22 Uhr schloss die Konditorei. Wenig später entnahm Biggi die Tageseinnahmen der Kasse, brachte sie zur Bank und fuhr anschließend heim. Ulli war um diese Zeit längst weg. Ich hatte einen eigenen Schlüssel, den Ulli anfertigen ließ, als ich zusagte, mittwochs seinen Laden zu hüten.
"Sie werden selbst rangehen, nehme ich an. Von uns spricht keiner die Sprache von da unten", und legte auf.
Die Sprache von da unten? Welche wird das wohl sein?
Auf die Rückseite eines herumliegenden, von einem Kunden verschmähten Kassenbon schrieb ich: "Bin im Büro! W.", und legte das Schnipsel ungefähr in die Mitte des Verkaufsraumes, auf die einzige schokoladenfarbene, inmitten fahlbraun glasierter Bodenfliesen aus gebranntem Ton.
Zur Feier des Tages genehmigte ich mir Kurzurlaub im MANICOMIO. Das Irrenhaus, wie es frei übersetzt hieß, lag keine fünfzig Meter von meinem Arbeitsplatz entfernt.
Pedro kam von der Toilette, rieb die Handflächen schnell und kräftig aneinander, als sei ihm ein ganz besonders guter Wurf gelungen und nickte mir beiläufig zu. Ich grüßte mit erhobenem Arm zurück, ging an drei älteren, Kaffee schlürfenden Männern vorbei seitlich um die Theke herum und nahm mir ein feuchtes Putztuch vom Spülbeckenrand.
Draußen befreite ich die Sitzfläche eines Stuhles vom Straßenstaub und setzte mich an einen der kreisrunden weißen Plastiktische, die Pedro jeden Morgen einladend vor dem Café am Straßenrand aufreihte. Nur geputzt hat er sie schon seit neun Jahren nicht mehr - aus Prinzip. Das Trinkgeld der Touristen sei zu mager, um auch noch die Putze zu spielen, sagte er mir einmal und verriet, unter der Bedingung, dass ich mich den Touristen gegenüber nicht verschwatze, wo ich ein ordentliches Putztuch fände. Sollte sich mal einer dieser Geizkragen bei ihm beschweren, was aber nur ganz, ganz selten vorkomme, dann entschuldigte sich Pedro für seine Angestellten, die er nicht hatte, weil er selbst der einzige Angestellte war, und gab ihm einen Lumpen, der bestimmt (dabei sah er verschmitzt lächelnd in die Ferne und tat so, als versuche er sich zu erinnern) seit einem Jahr oder länger kein sauberes Wasser abbekommen habe. Reinigungsmittel sowieso noch nie. Viel zu teuer.
Ich lehnte mich zurück und sah über die Hauptstraße durch die kleine Gasse, von deren Ende mir die grünbraune Eingangspforte der deutschen Konditorei, Ullis "Pasteleria Alemana", zublinzelte. Er, Ulli, war es, der dem MANICOMIO den Beinamen "Wolfs Büro" gab, weil ich mich nahezu täglich, gelegentlich auch mal vom Morgen bis zum Abend, darin oder davor aufhielt.
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