Fechter

Psycho-Thriller nach wahren Begebenheiten

Über den Tatsachen-Roman

Auszüge aus dem Leben eines jungen Söldners.

Nach seiner Zeit bei der Fremdenlegion arbeitet er für jeden, der, wie er, sich gegen Terroristen wendet - und ihn dafür bezahlt. Ob z. B. im Libanon oder im Einsatz für Geheimdienste, Wolf Fechter, der Protagonist, ist Söldner aus tiefster Überzeugung.

Bis zu dem Tag, als man ihn zum Narren hält und sich weigert, ihn zu bezahlen.

Folgen Sie Wolf Fechter u. a. nach Spanien, in den Libanon, die Niederlande und durch Deutschland.

Der erfolgreiche Roman Fechter ist ein dynamischer Thriller, dessen Haupthandlungen sich in der Zeit von Anfang bis Ende der 1980er Jahre ereigneten.

Der Action-Thriller Fechter bietet Ihnen ein intensives Leseerlebnis.
Gebundene Ausgabe

Fechter

Psycho-Thriller von

Olaf W. Fichte

Fechter: Dreiunddreißigster Teil

Autor: Olaf W. Fichte (Kommentare: 0)

Ich stockte, mein Herz hämmerte hart. Keinesfalls durfte ich Astrid begegnen. Irgendwo öffnete irgendjemand eine Wohnungstür – und ich rannte davon. Alles, nur keine Abschiedszeremonie.
Das Poltern der zuschlagenden schweren Haustür holte mich ein, als ich in mein kleines rotes Auto stieg. Ich startete den Wagen und fuhr ein Stück, bevor mir die Lichter der Scheinwerfer einen Pfad in die Dunkelheit schnitten.

Ich fuhr und fuhr. Sah nicht das blutrot der Ampeln. Im Magen ein flaues Gefühl. In der Nase den betörend, süßlich erotisierenden Duft Astrids samtener Haut. Leere im Kopf. Wie weit ich fuhr, ich wusste es nicht.
Ich kurbelte das Fenster herunter und lindernder Fahrtwind spielte auf meinem kleinen roten Auto eine warme Melodie. Einzigartig – und nur für mich.
Ein gelber Wagen ratterte vorüber. Aus verschwommenen Augen sah ich ihm nach und las „Abschleppdienst“ und etwas kleiner daneben „Im Auftrag des ADAC“. Mit einem Mal bemerkte ich, dass ich lächelte. Erhoben Automobilklubs Mitgliedsbeiträge für Verklemmte mit Glied? Clever, clever – und gar nicht schüchtern. Welch ein Glück, das ich niemanden nötig hatte, der für mich abschleppte.

An einer Autobahnraststätte tankte ich, kaufte etwas Proviant und zehn Schachteln Zigaretten. Und nachdem ich mich bei einem Brummi-Fahrer vergewissert hatte, in die richtige Richtung gefahren zu sein, spülte ich meine innere Unruhe mit drei Bechern Automatenkaffee hinunter.

Mit dem Sonnenaufgang erreichte ich Dachau. Ich parkte neben einer Aral-Tankstelle, bat die Pächterin um ihr Münchner Telefonbuch, notierte mir eine Adresse daraus und erkundigte mich bei ihr nach dem Weg.
Doch welch schrecklichen, welch erbärmlichen Eindruck musste ich auf das gutherzige Mütterchen gemacht haben, dass sie einen Zehnmarkschein der Kasse entnahm, mir mit beiden fest zugreifenden warmen Händen in die kalte Hand drückte und den Weg zur U-Bahn erklärte.
Verwirrt, und auch ein bisschen verlegen, taumelte ich die Hauptverkehrsstraße hinab und stellte mich außerhalb des Blickwinkels der alten Dame an den Bordstein. In tiefen Zügen atmete ich die frische Luft des Morgens. Ich hob den rechten Daumen und genoss diesen Tagesanbruch mit einem strahlenden Lächeln. Überhaupt nicht zugig sagte ich mir und hielt meine Mütze mit der Linken am Kopf fest.

Gleich der erste Wagen bescherte mir altem Glückskind einen Lift. Ein rostbrauner, älterer, liebevoll gepflegter 7er BMW kam des Weges und stoppte unmittelbar vor meinen Füßen. Muttchen kurbelte kräftig am Fenster der Beifahrertür, schob ihren Kopf etwas nach vorn und fragte mich freundlich nach meinem Ziel.
Brav antwortete ich: „München. Lerchenauer See“, woraufhin sie mich einlud, es mir im Fond bequem zu machen. Ihr Gatte, ebenfalls im Pensionsalter, rutschte von der Kupplung, als er sich zu mir drehte, um mich zu begrüßen. Der schwere Wagen machte einen Satz nach vorn, holperte und beide lachten vergnügt.
Die beiden gefielen mir auf Anhieb. Wirklich wahr.
Wer behauptet, man solle das Leben genießen, solange man noch jung ist, der ist nicht von dieser Welt. Jugend heißt Stress, Alter Ruhe. Selbst Urlaub führt zu Gesundheitsschäden, weil der Jugend nichts anderes bleibt, als sie unter dem Zeitfaktor Stress zu planen, zu koordinieren und durchzuziehen.

Und gelegentlich läuft man auch noch seinem Geld hinterher. Wenn das nicht der Überüberstress ist. Kein Lebewesen, weder Mensch noch Tier noch Pflanze, bringt Voraussetzungen mit, Stress zu genießen. Und ich natürlich auch nicht. Wahre Ruhe, Kraft und Weisheit liegen allein im Alter. Hole das Beste aus deinem Stress und genieße das Alter in vollen Zügen! Und warum schreit das niemand heraus? Weil es eigentlich keine Alten gibt, nur Jugend und älter werdende. Ich bin saujung und werde sekündlich älter. Wie lange noch, wenn ich nicht alt werde?

Im Verlauf der Fahrt sprachen sie über das sich endlich bessernde Wetter und ihren Sohn. Der nämlich sei in meinem Alter, und trampte, als er noch studierte – er studierte Medizin, was aber schon länger zurückliege – regelmäßig nach München, um Fahrgeld zu sparen.
Und ich erzählte ohne jede Scheu von meiner Frau, die vor zwei Tagen mit einem anderen getürmt sei und mich mit unserer gemeinsamen erst dreijährigen Tochter allein zurückgelassen habe. Das völlig verstörte kleine Ding erhole sich nun bei Oma und Opa auf dem Land.
Beide drückten ihr Mitgefühl aus und verfluchten mein gefühlskaltes Eheweib. Die Jugend von heute habe keine Werte mehr, denke nur noch an sich selbst und ans ... Das sprach Muttchen dann doch nicht aus.

Angelika begrüßte mich mit einer ausgesprochen herzlichen Umarmung. In ihren Augen las ich Freude, Begeisterung und Neugier zugleich.
Bis spät in die Nacht hinein saßen wir bei Kerzenschein auf der Terrasse ihres Reiheneckhauses, aßen und tranken, was ihr Kühlschrank unangemeldeten Gästen bot, lachten, tauschten Erinnerungen und flirteten wild wie zwei Jungverliebte. Gegen ein Uhr wusch ich noch schnell das Geschirr ab und kroch dann zu ihr ins Bett. Sie schlief bereits und ich zog ernsthaft in Erwägung, in den ADAC einzutreten.

Als ich die Augen aufschlug und gedanklich die Zeiger des kleinen Reiseweckers vom Nachtkästchen ihrer Bettseite zurückdrehte, stellte ich beglückt fest, volle 16 Stunden durchgeschlafen zu haben. Und es ging mir gut. Verdammt gut.

Angelika stand in der Küche am Herd. Sie lächelte und wendete eines der beiden Schnitzel in der Pfanne, als ich zu ihr trat. Es duftete vorzüglich. Aber wo war der Kaffee? Ich setzte mich an den Tisch unterm Fenster, steckte mir eine Zigarette an, sah in den Garten, drehte mich wieder ihr zu und bat sie um eine Postkarte mit Marke. Mit einem heftigen Ruck warf sie ihren Kopf herum. Für einen Moment verdeckte das herumwirbelnde lange schwarze Haar ihr Gesicht. Ihr Lächeln wich einer Versteinerung. Forschend sah sie mir tief in die Augen, als habe ich ihr den Vorschlag gemacht, mit mir eine Nummer auf der heißen Herdplatte zu schieben, und sie war sich nun unsicher, ob sie lachen oder mir doch besser eine scheuern sollte.
„Nee! Aber ‘ne Mark“, grub in ihrer linken Hosentasche, warf mir eine Münze zu und verschwand.
Frauen. Wer versteht schon Frauen. Ich nahm den Silberling – man will ja nicht unhöflich sein –, drehte den Herd ab und ging duschen. Es war mittlerweile zu spät für einen Ausflug zum Kauf einer dämlichen Briefmarke, die Postämter schlossen bereits. Dann bekommt Ulli eben keine Post von mir.

Nach dem Duschen setzte ich mich auf den Holzhocker neben das kleine Tischchen im Flur, nahm den Hörer in die Hand und wählte die Nummer der Auskunft. Eine hinreißend wohlklingende Stimme gab mir die gewünschte Pullacher Nummer. Schon ging es wieder aufwärts mit mir. Erstaunlich, welche Veränderungen eine Frauenstimme in einem daniederliegenden Wolf hervorrufen konnten.
Ich legte sanft auf, hob wieder ab und drehte erneut die knatternde Wählscheide auf Angelikas weinrotem Telefon. Mit dem zweiten Klingelton meldete sich eine männliche Stimme. Für einen Moment bekam ich Zweifel, doch vergegenwärtigte ich mich meiner Erfahrungen und lauschte geduldig dem, dessen Worte ich keine Bedeutung zuordnen konnte. Dem Klang der Stimme nach zu urteilen, enthielt der Text weder Flüche noch Beleidigungen. Es hörte sich vielmehr so an, als spule er zum millionsten Mal irgendeinen Spruch seiner Behörde herunter, und zwar in einem ausgesucht, schön unverständlichem Dialekt.
„Verbinden Sie mich mit Bernhard!“, befahl ich und hoffte, er verstehe meine Sprache.
„Is nisch door“, parierte er gedehnt.
So soll es sein: der Pförtner, der bestinformierteste Mann im Hause.
„Und Seiler?“
„Ooch nisch.“
„Und der Chef de Cuisine?“
„Wer?“
„Richten Sie ihnen doch freundlicherweise aus, dass Ossi ...“
„Warum sachense das denn ni glei?“
„Hätte ich dann einen Joghurt mit besonders vielen Früchten gewonnen?“
„Nu werdn Se ma ni glei bambisch. Ihr Anruf würd erworded. Ga mor Se delefonisch erreischn?“
„Spaßmensch! Willst mich aushorchen?“
„Gänse dann fleisch zurückrufn? So in zwee Stundn?“
„Nu gloar!“, und legte auf.
Den Joghurt hat er dann wohl selbst gelöffelt.
Von Angelika war weder etwas zu sehen noch zu riechen oder zu hören – und es bereitete mir auch keinerlei Kopfzerbrechen. Ich zündete mir eine Zigarette an, ging in die Küche und nahm ein Schnitzel aus der Pfanne. Es war kalt und schmeckte einfach köstlich. So köstlich, dass ich es gleich vorm Herd stehend verschlang und mich bei dem Gedanken erwischte, auch noch nach dem Zweiten greifen zu wollen. Nachdem ich jeden einzelnen Finger gründlich abgeleckt hatte, bereitete ich Kaffee, setzte mich an den Küchentisch und blätterte in einer zwei Monate alten EMMA. Doch es war nicht von Dauer. Bald schon sprang ich auf und tigerte unruhig durch die Küche.

Zweieinhalb quälende Stunden durchmaß ich den Raum und qualmte dabei wie ein großer.
Mein Anruf sollte sie nicht erreichen, wenn sie es erwarteten, sondern dann, wenn sie mich abschrieben. Jaja, ich gestehe: Bei dem Gedanken, ihnen Zeit zu stehlen und dabei im Ungewissen zu lassen, geriet ich dann schon wieder in Verzückung.
Bevor ich abermals zum Hörer griff, wusch ich meine verschwitzten Hände, stellte ein Tässchen Kaffee neben den Apparat und rückte den Aschenbecher zurecht.
„Ossi hier!“, verkündete ich sofort im Befehlston, ohne dem anderen Ende auch nur die kleinste Chance zu lassen, seinen Meldetext – oder was immer das darstellte – abzuspulen.
„Mooomänd, ich vorbinde.“
„Wohl zum Notarzt befördert worden?“
„Bitte?“, fragte ein anderer.
Ich kannte die Stimme sofort. Es war dieselbe, die mich in Spanien mit der Nachricht überraschte, dass mich ein Herr Bernhard zu sprechen wünsche. Seither ging sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Der Mann, zu dem diese Stimme gehörte, musste das Charisma eines an den Hoden gekraulten freudig erregten Wüstenkamels haben.
„Nix Brigitte. Ossi hier. Wer dort?“
„Ach, wunderbar. Schön, dass du dich meldest. Wir kennen uns noch nicht. Jedenfalls nicht persönlich. Pieck, mein Name. Wo steckst du?“
Selten dämliche Frage. Man glaubt es kaum.
„In Ihrem schlüpfrigen Weib, wo sonst.“
„Drecksau!“
„Hö, hö, keine Unterstellungen. Ich habe eben erst geduscht.“
„Red nicht so an Scheiß daher. Weshalb rufst du an?“
„Und weshalb wird mein Anruf erwartet?“
„Wir dachten, du müsstest langsam in Holland angekommen sein.“
„Wie lustig. Ihr habt meinen Brief bekommen? Dann schiebt meine Kohle rüber!“
„Hör mal, wir sind doch nicht die Heilsarmee.“
„Ach, dann muss ich für den Anruf auch noch zahlen?“
„Ich habe den Brief gelesen. Er hat mir gefallen und ich habe nichts dagegenzusetzen, weil ich nicht über jeden kleinen Vorgang informiert bin. Unwichtiges interessiert mich nicht. Dafür gibt es andere. Ich lasse mir nicht meine Zeit stehlen.“
„Ihr wollt mich nicht vielleicht ein ganz kleines bisschen verarschen?“
„Aber keineswegs. Wo denkst du hin. Wir hätten auf andere zugehen müssen, befanden aber, dass es nicht gut sei, wenn zu viele über dich Bescheid wüssten.“
„Geht es auch etwas deutlicher?“
„Das würdest du nicht verstehen.“
„Ach nein? Vielleicht habe ich ja was an den Ohren, vielleicht Probleme beim Stuhlgang, vielleicht mit meinen Zähnen, vielleicht mit der Prostata, vielleicht auch einen Pickel auf dem Schwanz ... eines aber habe ich ganz bestimmt nicht: einen Dachschaden. Merke: Wölfe nehmen so was persönlich, Ossis nehmen so was persönlich – und ich auch.“
„Du bist ein verdammt sturer Hund, hörst du!“
„Und taub bin ich auch nicht. Außerdem bin ich nicht stur, ich bin standfest, keine Wankeltröte wie Sie.“
„Für so was wie dich ist der Knast der einzige Ort, an dem du keine Schäden anrichten kannst.“
„Ja, ich habe gehört, die nehmen tatsächlich jeden. Aber ich gehe nicht in den Knast. Niemals!“
In diesem geselligen Tonfall plauderten wir noch eine geschlagene Stunde, ohne dass hinten auch nur das Kleinste herausgekommen wäre.
„Du bist doch ein logisch denkender Mensch. Nach allem, was wir über dich wissen, dürfte es dir nicht schwerfallen, bald irgendwas anderes gefunden zu haben.“
„Wie wäre es, wenn ihr mich einen Scheck finden lasst?“
Pieck lachte hämisch.
„Tut mir aufrichtig leid, aber ich kann nichts für dich tun. Versuchs beim Sozialamt. Alles Gute und viel Glück!“
„Ich brauche nicht, was ich ohnehin schon habe. Scheiße noch mal, schiebt die verdammte Knete rüber!“, rief ich und öffnete meine Hand.

Copyright © 1993 - 2026 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Der Roman Fechter beruht auf tatsächlichen Ereignissen.


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