Wollter

Thriller-Drama nach wahren Begebenheiten

Über den Tatsachen-Roman

Die Erlebnisse eines 16jährigen Schülers in der DDR, der aus politischen Gründen zu mehreren Jahren Haft verurteilt, inhaftiert und viele Monate in verschärfter Einzelhaft verbringen musste, sind Grundlage dieser spannenden wie auch ereignisreichen und dramatischen Geschichte des Romanhelden Wollter, der nach der Haft mit 18 Jahren gegen seinen Willen aus der DDR ausgebürgert und in die BRD abgeschoben wird. Wollter, der mit den Verhältnissen in der BRD nicht vertraut ist, der dort keine Verwandten oder Bekannte hat und dem weder Behörden noch Organisationen helfend unter die Arme greifen, findet nur Anschluss zum kriminellen Milieu. Er wird verhaftet und kann - sarkastisch gesagt - nun Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen DDR-Knast und BRD-Strafvollzug am eigenen Leibe erleben.

Der erfolgreiche Roman Wollter ist ein rasanter Thriller, dessen Haupthandlungen sich in der Zeit von Mitte der 1970er Jahre bis Ende der 1980er Jahre ereigneten.

Ein überaus intensives Leseerlebnis bietet Ihnen das Thriller-Drama Wollter.
Gebundene Ausgabe

Wollter

Thriller-Drama von

Olaf W. Fichte

Wollter: Neunzehnter Teil

Autor: Olaf W. Fichte (Kommentare: 0)

Wir rauchten Kette und besprachen unser weiteres Vorgehen.
„Und wenn er nicht auf unseren Vorschlag eingeht?“, fragte Luis.
„Dann gibt’s nur eins ...“
„Abmurksen!“, warf mein blutrünstiger Gastarbeiter ein und grinste wieder sein Lausbubengrinsen.
„Schleunigst verschwinden.“

Punkt 22 Uhr schlich sich Luis ins Treppenhaus und machte es sich auf den Stufen zum Keller gemütlich. Ich drückte die Tür zu, nahm einen Stuhl und bezog Stellung hinter der Wohnungstür im Korridor.
Wir warteten. Alles blieb ruhig. Weder Hausbewohner noch Besucher sorgten für Abwechslung. Dagegen war ein Friedhof der reinste Rummelplatz.

Eine Stunde vor Mitternacht vernahm ich das Quietschen der Haustür und gleich darauf aufgeregtes Murmeln. Ich hielt die Luft an und presste mein Ohr an die Tür. Das Murmeln wurde lauter. Jetzt erkannte ich Luis Stimme, die auf etwas oder jemanden einredete – unmittelbar vor der Wohnungstür, nur wenige Zentimeter von meinem am Holz klebenden rechten Ohr.
„Warst du das? Hast du hier dagegengetreten?“, fragte eine ruhige, sachliche, Luis duzende Stimme.
„Nein. Lass uns reingehen.“
Dann ein Knall. Schlagartig flog die Tür auf und mein sorgsam befestigtes Schloss davon. Gerade noch rechtzeitig brachte ich mein Ohr in Sicherheit, tigerte in kurzen eleganten Sprüngen ins Wohnzimmer, ergriff den Revolver, der noch immer an derselben Stelle auf dem Tisch lag, stürmte zurück und bezog in der Türöffnung Stellung.

Ach, hätte mich doch nur John Wayne sehen können. Breitbeinig, die Waffe auf die Hufe des Angreifers gerichtet, stand ich im bizarren Licht der Treppenbeleuchtung vor der Rothaut. Ein Mann um die Fünfzig mit tiefroter Kriegsbemalung, spärlichem Kopfschmuck und aufgerissener Brotmühle, glotzte mich aus riesigen Augen an.

Mit grimmiger Miene und bestimmenden, seitlichen Kopfbewegungen, die jedem Widerwort die Luft nahmen, deutete ich ihm, einzutreten. Doch offenbar hatte er andere Pläne. Der Typ von den Kleinjungen-Fotos schüttelte nur wild den Schopf.
„An der Ostfront verwundet?“, fragte ich ihn.
Für einen winzigen Moment hielt er still, sah sich nach Luis um und fuhr fort, Schuppen abzuwerfen.
„Dann schieb deinen Arsch hier rein!“
Eigentlich sollte er diese Sprache verstehen, dachte ich. Doch er verstand nicht, winselte: „Nein, nein, nein“, warf mit einem Mal seine Jacke, die er über dem linken Arm trug, zu Boden und hastete zur Haustür. Luis war schneller, versperrte ihm den Weg und verbiss sich in seinem Hemd.

Locker in den Hüften wiegend ging ich auf die Streithähne zu, ergriff mit der Linken so manches fettiges Haarsträhnchen des Flüchtlings und redete auf ihn ein, mit uns in die Wohnung zu kommen. Nichts werde ihm geschehen. Wir wollten uns doch nur über die beschädigte Tür unterhalten und ihm eine Lösung vorschlagen. Mit der Rechten, in der ich den Revolver hielt, stützte ich mich an der Hauswand ab.
„Nein, nein. Bitte, bitte, bitte nicht. Hilfe, Hilfe, Hilfe“, brabbelte er tonlos vor sich hin.
Man musste schon sehr genau hinhören, um zu verstehen, womit er sich zu Wort meldete.
Langsam machte mich der sture Bock wütend. Doch hinderten mich seine unkoordinierte Körpersprache sowie das kurze, schmierige Haar, dass ich ihn in die Wohnung zerrte. Also schnappte ich nach dem etwas weniger schlüpfrigen Hemdkragen.

Und da passierte es: Ein ohrenzerreißender Knall erschütterte das Gebäude, setzte sich dröhnend und pfeifend in mein rechtes Ohr und blockierte meine Reflexe. John Wayne hat es nicht gesehen. Mein Gastarbeiter ließ aus irgendeinem Grund von seinem falschen Onkel ab, trat zur Seite, setzte sich auf die Kellertreppe, umklammerte seinen Kopf mit beiden Armen und legte eine Pause ein.

Onkel sah um sich, als halte er nach etwas Ausschau, an das er sich nicht erinnerte. Es mögen drei, vielleicht auch vier Sekunden vergangen sein, bis er begriff: Luftig locker drückte er einen ab – einen von den satten, fürchterlich stinkenden –, riss sogleich die Tür auf und wedelte davon.
„Haltet den Dieb!“, hallte meine Stimme durchs Treppenhaus und erstickte im Echo der zufallenden, massiv-hölzernen Haustür. Nur ein irres Lachen blieb. Und der Gestank einer auf einem Kinderspielplatz im Hochsommer verwesenden Kanalratte.
Ich lehnte mich mit dem Rücken an den Türrahmen der Wohnungstür und massierte mein rechtes Ohr.

Luis fand zu sich, kam auf mich zu, beugte sich zu meinen Füßen hinab, hob Onkels hellblauen Blouson auf und rannte aus dem Haus.
„Wo willst du hin?!“, rief ich, wohl wissend, dass die dämliche schwere Haustür abermals jedes meiner Worte verschluckte.
„Stratege!“, knurrte ich, machte kehrt und ging ins Wohnzimmer.

Auf dem Tisch lagen Zigaretten, Feuerzeug, die Schachtel Patronen und die Tüte, in der Luis Brötchen brachte. Ich steckte alles ein und schlich zum Fenster, um zu sehen, ob mich Gaffer an der Flucht hindern könnten. Doch weder vorm noch im Haus störte sich jemand an der nächtlichen Ballerei. Und das war gut so.

Ich liebte den Westen. Niemand lässt sich von einem blöden Schuss um seine Nachtruhe bringen. Recht habt ihr!

Den Gleichgültigen heraushängend verließ ich die Wohnung und machte sofort wieder kehrt. Zufällig fiel mir auf, dass ich noch immer den Revolver in der Hand hielt. Im Badezimmer riss ich ein Handtuch vom Haken, wickelte die Waffe darin ein und verstaute das Knäuel in der Brötchentüte. Noch immer rührte sich nichts im Haus. Seit dem Knall waren vermutlich fünf Minuten vergangen. Die Tür verschloss ich nicht. Warum, weiß ich nicht. Habe es wohl einfach nur vergessen.

Ohne Eile ging ich die wenigen Meter der Durchfahrt zum Haupttor. Es stand offen.
Als ich auf die Straße trat, fiel die Laterne vorm Haus aus und die Beifahrertür eines auf dem Bordstein in der Einfahrt parkenden dunklen PKWs flog auf.
„Komm! Beeil dich! Wir müssen weg! Mach schon! Vamos!“, rief Luis mit unterdrückter Stimme und fuchtelte mit den Händen herum.
Ich lächelte ob des eifrig ungelenken winke, winke. Trotz der Finsternis glaubte ich, in seinem Gesicht eine gewisse Bleiche zu erkennen. Selbstverständlich bildete ich mir das nur ein. Denn die natürliche Pigmentierung seiner Haut hatte etwas von Vollmilchschokolade.
„Scheiße, ich habe was vergessen! Fahr schon mal vor – vorn um die Ecke. Ich komme in zwei Minuten nach.“
Luis nickte kurz und heftig, sagte: „Roger!“, und fuhr an.
Wohl die Kugel gefangen? Für dich noch immer James.

Ich klemmte die Tüte untern Arm, wartete, bis die Rücklichter des Wagens in die Nebenstraße versanken, flitzte hundert Meter in die entgegengesetzte Richtung, wechselte die Straßenseite und schaltete auf zügigen Nachhauseschritt runter.


X

Es ist doch immer dasselbe: Feiglinge hauen ab. Ja, hau du nur ab, gastarbeitender Feigling. Idioten bleiben. Der Held ist immer der Idiot. Falsch! Völlig falsch! Ich bin nämlich kein Idiot, Basta! Jedenfalls nicht so einer, so wirklich ganz richtig. Ich bin der verdammte Feigling. Feige ist immer der, der bleibt, weil er nichts riskiert, sich unbekannten Abenteuern entzieht, nicht die Strapazen des Gejagten auf sich nimmt. Feige sind die, die nichts riskieren, die, die immer alles richtig machen, die, die immer alles, alles ganz genau wissen; und auch jene, die sich immer irgendwie im Wege stehen – eben die, die einem einfach nur noch auf die Nerven gehen.

Ich lief und lief und lief. Sah mich nicht um, strebte vorwärts. Allmählich beruhigte sich mein Kreislauf, lief rund, eierte nicht mehr widerwillig rum wie noch vor Minuten. Doch mein Herz vibrierte. War wohl die Kälte.

Zähneklappernd löste ich am Schalter eine Fahrkarte zweiter Klasse nach Bamberg. Am Kiosk auf dem Bahnsteig kaufte ich eine „Abendzeitung“ und eine Schachtel Zigaretten.
Hinter einem Gartentisch bot nebenan ein dunkles, rundes Wollknäuel Wurstbrötchen und dampfenden Kaffee unter einem zitronengelben Sonnenschirm feil. Ganz, ganz langsam schlenderte ich ganz, ganz dicht vorüber, sah in Babuschkas schmale Augen, für die sie zwischen Pullovern, Schal und Kopftuch einen Schlitz ähnlich einer Schießscharte alter Bunker schlug, durch den sie jede meiner Bewegungen, vor allem die meiner roten vor Kälte erstarrten Hände verfolgte. Ich sog den Duft auf, gönnte ihr nichts, roch mich satt – richtig satt.
Drei Mark für ein handtellerkleines Brötchen mit einem hauchdünnen Scheibchen Irgendwaswurst deren ausgetrocknete Ränder sich wölbten, und zwei Mark für ein Becherchenchen Kaffee?
Ob sie meine letzten achtzig Pfennig als Anzahlung akzeptiert? Wohl eher nicht. Da wo ich herkomme, bekäme ich für das Geld acht knusprige Brötchen beim Bäcker. Michael sagte mal, die Westmark sei viel mehr wert als das Spielgeld der DDR. Nun ja, mein Freund, der Michael – was verstand der schon. Wie auch immer, es roch trotzdem verdammt gut, mindestens ungewohnt. Und kostete keinen Pfennig.

Im Wagen suchte ich mir ein leeres Abteil, schloss die Tür, drehte die Heizung bis zum Anschlag auf, setzte mich und legte die Füße hoch. Nachdem der Schaffner meinen Fahrschein von allen Seiten besichtigt und ihn mit kryptischen Schmierereien versehen hatte, zückte ich meinen Geldbeutel, um ihn in einem der leeren Scheinfächer abzulegen.

Urplötzliche durchzuckte mich ein unangenehmes, schmerzvolles Stechen in der Brust. Für einen Moment raubte es mir die Luft zum Atmen. Prasseldürr mein Hals. Meine Finger verkrampften sich, schraubten sich fester und fester um den Geldbeutel, bis er wie ein schmieriges Seifstück meinen feuchten Händen entglitt.
Der Entlassungsschein. Wo ist mein Entlassungsschein? Ich sprang auf, wühlte mit unruhigen Fingern in den Hosentaschen, sah auf und unter den Sitzen und suchte den Boden nach ihm ab. Eine leere Coladose und zusammengeknülltes Schokoladenpapier. Im Abteil war er nicht. Wo war er dann? Ich musste ihn verloren haben. Unmöglich! Wie sollte das Stückchen Papier aus meinem Geldbeutel fliehen, ohne dass der Geldbeutel ... Scheiße! Scheiße Luis! Der Sauhund hat in meinem Geldbeutel gewütet. Vermutlich als ich schlief. Wie Freunde das ebenso machen. Doch wozu braucht dieser Schnarchkasper meinen DDR-Knastentlassungsschein, mein einziges Ausweispapier? Er hat doch einen Reisepass. Soll verstehen wer will. Manche haben wirklich einen erlesenen Stil drauf. Eben doch ein klein bisschen wie in Schweinezüchterkreisen. Eine Zigarette muss her. Schleunigst!
Nimmt das gar kein Ende. Wo ist der dämliche Aschenbecher? Weshalb muss ich heute nach allem suchen? Da, na also, gut versteckt unterm Ablagebrett am Fenster. Dafür aber ein schönes großes Teil. Beruhige dich. Wird ja alles wieder gut. Halt dein blödes Maul! Ich bin die Ruhe selbst. Quasi personifiziert.

Entnervt klappte ich Luis angefangene Schachtel auf, staunte: „Ja, wen haben wir denn da?“, entnahm eine Zigarette, steckte sie zwischen die Lippen und hielt sie in die Feuerzeugflamme. Dann entwirrte ich das auf Zigarettengröße gefaltete Papier, dessen Struktur einem Geldschein nicht unähnlich war. Es war ein Geldschein. Und ganz ein großer dazu. Fünfzig muntere Westmark bunkerte mein edler Freund und Gastarbeiter in einer Packung dessen Inhalt zur Vernichtung freigegeben war. Ist der denn blöd?
Natürlich könnte ich nun behaupten, mir fiel ein Stein vom Herzen. Doch erstens war mein Herz keine Steinwüste und zweitens klingt es pathetischer als es letztlich war. Zugegeben, der Schein jedenfalls, der kam gerade richtig. Aber suchen musste ich ihn. Man stelle sich nur mal vor, ich hätte ihn samt leerer Schachtel, nun ja, entsorgt. Welch eine Blamage. Ganz ein böser Finger.

Als Entschädigung für meinen Entlassungsschein und den Ärger, den ich ohne Ausweispapier haben würde, akzeptierte ich Luis Beitrag – und nahm ihn an. Und dass er mich hemmungslos belog, als er beim Frühstück behauptete, er habe kein Geld mehr, trug ich ihm nicht nach. Na ja, eigentlich war es mir Brust. Schließlich war ich schneller und stellte dergleichen schon viel früher an mir fest. Nur mit dem Unterschied, ich habe meine letzten paar Kröten behalten. Wer vermutet sie schon in Socken, die penetranter stinken als Luis Atem?

Entspannt sah ich durch die Tür auf den Gang hinaus. Ein Mädchen, ein sehr hübsches Mädchen, kämpfte sich mit einer störrischen Reisetasche an meinem Abteil vorbei. Versonnen sah ich ihrem Hintern nach. Dabei schweifte mein Blick über den Glasrand der Schiebetür meines Abteils. Drei kleine Abziehbildchen schmückten sie. Oder, wie die im Westen sagen, Piktogramme. Das versteht zwar keiner, muss es wohl auch nicht.

Auf einem eine glimmende Zigarette oder so was, mit Wellenlinien über einer Art Glut und einem fetten diagonalen Balken über allem. Sag ich doch, versteht kein Aas, denen ihre hieroglyphischen Erklärungsversuche, die, merkwürdig oder nicht, immer irgendwelche Verbote darzustellen versuchen. Aber dafür ist im Westen genug Geld da, nur nicht für ordentliche Aschenbecher. Hm, offensichtlich ein Glimmstängel im Tiefflug. Will anscheinend sagen, dass es verboten ist, Kippen auf den Boden zu werfen. Wer tut denn so was?

Copyright © 1993 - 2025 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Der Roman Wollter beruht auf tatsächlichen Ereignissen.


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