Wollter

Thriller-Drama nach wahren Begebenheiten

Über den Tatsachen-Roman

Die Erlebnisse eines 16jährigen Schülers in der DDR, der aus politischen Gründen zu mehreren Jahren Haft verurteilt, inhaftiert und viele Monate in verschärfter Einzelhaft verbringen musste, sind Grundlage dieser spannenden wie auch ereignisreichen und dramatischen Geschichte des Romanhelden Wollter, der nach der Haft mit 18 Jahren gegen seinen Willen aus der DDR ausgebürgert und in die BRD abgeschoben wird. Wollter, der mit den Verhältnissen in der BRD nicht vertraut ist, der dort keine Verwandten oder Bekannte hat und dem weder Behörden noch Organisationen helfend unter die Arme greifen, findet nur Anschluss zum kriminellen Milieu. Er wird verhaftet und kann - sarkastisch gesagt - nun Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen DDR-Knast und BRD-Strafvollzug am eigenen Leibe erleben.

Der erfolgreiche Roman Wollter ist ein rasanter Thriller, dessen Haupthandlungen sich in der Zeit von Mitte der 1970er Jahre bis Ende der 1980er Jahre ereigneten.

Ein überaus intensives Leseerlebnis bietet Ihnen das Thriller-Drama Wollter.
Gebundene Ausgabe

Wollter

Thriller-Drama von

Olaf W. Fichte

Wollter: Achtzehnter Teil

Autor: Olaf W. Fichte (Kommentare: 0)

Zurück im Wohnzimmer legte ich mich auf den weichen Teppich und gönnte mir ein Nickerchen. Sicher, ich hätte mich auch aufs schwarze Ledersofa werfen können, doch das hatte etwas Steifes, ungemütlich kaltes. Nichts zum Strecken und wohlfühlen. Wie das gesamte Wohnzimmer kalt und ungemütlich wirkte.

Ein Rauchglastisch vor dem Sofa auf der linken Seite des Zimmers. Gegenüber ein Hi-Fi-Turm, ein Fernsehgerät und am Boden zwischen beidem ein Videorekorder. Beiderseits der Tür stapelten sich auf Regalbrettern Videokassetten dicht an dicht. Hinter dem Schreibtisch übereinander geworfene Zeitschriften auf dem Boden unter dem Fenster. Auf dem Schreibtisch ein rotes Telefon mit Wählscheibe und am linken Fenster ein verdorrtes Pflänzchen. Ein Wartesaal eben – ganz ohne Wandschmuck und Gardinen.

Als ich die Augen aufschlug, saß Luis im Schreibtischsessel und sah fern. Die Heizung bis zum Anschlag aufgedreht. Seine Füße ruhten auf der Tischplatte. Es war wohl ihre strenge Würze, die mich aus dem Schlaf riss. Luis zog sich bunte Bilderchen rein, sein Hirn schickte er irgendwohin auf Urlaub.
„Wieder fit?“
„Wie viele Tage war ich weg?“
„Zwanzig Minuten, mehr nicht.“
„Hast du eine Ahnung, wo die Nugatschüssel ist?“
Luis sah mich mit halb offenem Mund blöd an.
„Wenn man nicht alles selber macht“, knurrte ich, rappelte mich schwerfällig auf und ging raus.

Ich fand sie am Ende des Korridors. Ein keines quadratisches Loch ohne Fenster. Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, stotterte das Fernsehgerät. Im Sekundentakt wechselte Luis von einem der vier Programme zum anderen.
„Wenn hier einer stottert, dann ich. Schalt das Teil ab oder schmeiß ‘ne Kassette rein.“
Luis griff wahllos ins Regal, entnahm die Kassette der weißen Buchhülle und schob sie in den Rekorder.
„Und was ist jetzt das?“, fragte ich nach wenigen Sekunden.
„Kunst?“, antwortete er und grinste wie ein Luis.
„Ich muss mich doch sehr wundern. Kunst ist, was keiner versteht. Das da dürfte so ziemlich jeder verstehen. Selbst ein Luis.“
„Ö! Wohl lebensmüde?“
Ich kniete mich auf den Boden vor den Rekorder und spulte das VHS-Band einige Minuten vor. Dann noch ein Stück, und noch ein Stück. Wo ich es stoppte, es zeigte uns nahezu identische Szenen. Luis kniete sich neben mich und wechselte das Band. Doch auch auf dem zweiten und dritten und vierten – überall dasselbe.
„Kunst, hä? Dein Häuptling ist gar kein Kneipier, er ist Kunstkritiker.“
„Ist er nicht.“
„Ist er doch!“
„Ist er nicht!“
„Doch, doch, doch, doch, doch ...“
„Ich kenne den Scheißtyp überhaupt nicht!“, schrie Luis los. “Er schuldet einem Onkel von mir Geld! Verdammt viel Geld! Ich soll ihm eine Lektion verpassen, mehr nicht!“
„Diese Onkels aber auch. Und der zahlt dafür?“
„Hm.“
„Fällt für mich was ab?“
Luis schwieg.
„Schon in Ordnung. Meine Rückfahrkarte zahlst aber du.“
„Okay!“, sagte er leise.
Ungläubig starrten wir auf die Mattscheibe.
„Wie heißt Rosi mit Vornamen?“, fragte ich, weil mir nichts wirklich Dummes einfiel.
„Weiß nicht. Quatsch! Da gibt’s nur Roberts.“ Luis legte den Kopf erst auf die linke, dann auf die rechte Schulter. „Wie machen die das nur? So ein Kuddelmuddel ... ja, leck mich doch.“
„Könnte dir so passen. Frag deinen Künstler.“
Während der folgenden anderthalb Stunden spielte Luis schätzungsweise 100 oder mehr Kassetten an. Und von jeder schlugen uns gleichartige Bildfolgen und Geräusche entgegen.

Urplötzlich sprang er auf, zündete sich mit nervösen Fingern eine Zigarette an, sagte: „Kinderpornos, Kinderpornos, Kinderpornos. Was für eine Drecksau!“, und wuselte vor meiner Nase herum.
„Der Umgang, den deine Verwandtschaft pflegt, ist, mit Verlaub gesagt, ganz schön abgefuckt.“
„Woher sollte ich denn wissen, dass das ein Schwanzwedler ist?!“
„Ja, woher eigentlich? Wenn du noch weißt, wo deine Zigaretten sind, dann wirf sie mir rüber.“
Er warf mir die Schachtel zu und legte das Feuerzeug auf den Tisch.
„Ich hätte große Lust, ihm den Sack abzuschneiden. Ganz langsam. Mit einem stumpfen Messer. Einem verrosteten.“ Luis lachte böse. „Die Eier kochen, schälen und ihm ins Maul stopfen. Und dann ... dann ..., wenn diese Sau noch nicht krepiert ist, durch die Stadt jagen. Steinigen! Steinigen wäre genau das Richtige. Ich wette mit dir, der merkt sich das.“
„Behalte dein Geld und tue verdammt noch mal nicht so, als seiest du so viel besser als er! Außerdem kann er beim Steinigen nicht planlos durch die Gegend rennen, weil er in einen Sack gehört, wenn du es richtig machen willst, du Spinner!“
„Ich ficke keine kleinen Jungs!“
„Nein, du bumst nur wehrlose Türen! Hör endlich auf mit dem ekelhaften Moralgesabber! Mir gefällt der Dreck auch nicht! Die Welt ist schlecht, ich weiß! Soll ich mir jetzt ganz fix einen Bart wachsen lassen und zur Kalaschnikow greifen?! Knacke keine fremden Wohnungen, dann lebst du ruhiger! Oder geh zu den Bullen, wenn du dich dann besser fühlst!“
„Deine Geistesblitze! Was soll ich denen denn sagen?! Bin zufällig vorbeigekommen, habe Licht gesehen, mir war kalt ... Scheiße! Was glaubst du wohl, was der bekäme?“
„Ist mir völlig Brust. Setzt dich endlich! Deine Hampelei nervt!“
„Kaum mehr als ein Falschparker.“
„Ist mir trotzdem Brust. Mach Platz!“
Sanft lächelnd sagte er: „Blödmann!“, und setzte sich neben mich auf das Sofa. „So übel war er nun auch wieder nicht, unser flotter Dreier.“
„Das sieht Hermann aber ganz anders.“
„Wer?“
„Schon gut.“
„Was hältst du davon, wenn wir aus der Kinderfickerstube eine mexikanische Würfelbude machen?“, fragte er kryptisch.
„Nichts!“
„Nichts? Wie, nichts?“
„Ich war noch nie in Mexiko, also auch in keiner Würfelbude. Außerdem habe ich keine Ader zu Glücksspielen. Und dein falscher Onkel dürfte auch bald durch die Tür fallen.“
Luis sah mich scheel von der Seite an. Etwa so wie in Schweinezüchterkreisen ein Veganer in Augenschein genommen wird – bevor sie sich über ihn hermachen. „Flunkerst du?“
„Wenn hier einer flackert, dann du!“, sagte ich gereizt. Mir gefiel sein Blick nicht. Und seine abgestandene Sprache auch nicht.
„Ich meinte, wir suchen und sammeln den Dreck zusammen und werfen ihn da auf einen Haufen, wie es sich für Müll gehört“, und zeigte mit dem ausgestreckten rechten Arm in die linke Ecke neben der Wohnzimmertür. „Und, pass auf, jetzt wird’s noch besser, wenn der Schwanzlutscher kommt, halten wir ihm das Zeug unter den Riecher und schlagen ihm einen Deal vor.“
„Der wird eher Latte kriegen und sinnlos rumsabbern. Was hat das mit dem lateinamerikanischen Würfelspiel zu tun?“
„Nichts. Warte! Ich kann mir nicht vorstellen, dass er uns dann noch anzeigen beziehungsweise den Einbruch bei den Bullen melden wird.“
„Toller Plan!“
„Echt?“
„Wirklich gerissen, alter Fuchs.“

Es war ein echter Scheißplan. Wirklich wahr. Ein weniger stark stinkender hätte uns schlicht abhauen lassen. Tat er aber nicht. Brust! Ich machte mit. Ich konnte ihn unmöglich in dieser Verfassung allein lassen. Und überhaupt: Da es für mich nichts mehr zu gewinnen gab, was sollte ich dann verlieren? Ja, und neugierig, was die Mexikaner mit dem Ganzen zu tun hatten, war ich natürlich auch.

Im gedämpften Licht der Straßenlaternen offenbarte sich zwei Stunden später das, was mein Gastarbeiter eine mexikanische Würfelbude nannte. Weshalb ausgerechnet Mexikaner für dieses Chaos herhalten mussten, sah ich nicht. Hatte wohl verwandtschaftliche Gründe. Irgendwie erinnerte es mich an Luis Schrank im Wohnheim.

Nichts befand sich mehr an seinem ursprünglichen Platz. Wir durchwühlten alles. Lieferten saubere Arbeit ab. Ob das Glasschränkchen im Badezimmer oder die persönlichen Papiere im Schreibtisch, kein Stück, kein Fleck blieb verschont. Im, wie wir annahmen, Schlafzimmer, das wie ein Jugendzimmer aus einem Versandhauskatalog eingerichtet war, fand Luis mehrere Schuhkartons – randvoll mit Fotos.
Onkel versteckte die Schachteln nicht, stapelte sie für jeden zugänglich neben das Kopfende des schmalen Bettes. Was für ein Saustall. Glaubte dieser falsche Onkel, uneingeladene Gäste wühlen nicht, wenn sie auf Anhieb fänden, wonach sie suchten? So ein dummer Mensch. Der Reiz an dem Ganzen ist doch das Wühlen, graben nach dem Ungewissen, dem sich selbst überraschen, Adrenalin förderndem Moment. Und stellte er seinen Abfall vor die Tür, uns vor die Füße, käme er dennoch nicht ums Aufräumen herum.
Es mussten Hunderte, wenn nicht gar Tausende Fotos sein. Die Aufnahmen ähnelten sich: Kinder zwischen vielleicht fünf, sechs und höchsten zehn bis zwölf Jahren jung beim Sex an gesichtslosen, ausgewachsenen Männern und vereinzelt auch Frauen. Auf anderen waren Kinder untereinander zu sehen, und wieder anderen ein Onkel mit strenger Miene und kleine Jungs. Der einzige Erwachsene mit Gesicht.

Das Werk war getan. Wir fielen aufs Sofa, warfen die Füße auf den Tisch, steckten Zigaretten zwischen die Lippen und schwiegen. In der Ecke hinter der Tür türmten sich unzählige Videokassetten, Fotos und Magazine.
„Der nackte Wahnsinn!“, sagte ich und drückte meine Zigarette auf der Glasplatte des Tisches aus.
Luis legte drei Geldscheine und Kleingeld daneben, hielt seine Hand mit gespreizten Fingern darüber und sagte: „Habe ich gefunden. Da hinten, im Schreibtisch. Lag da einfach so rum – und niemand in der Nähe“, und grinste lausbubenhaft.
„Gibt’s da noch mehr?“
„Nix da, nur jede Menge unbezahlter Rechnungen und Mahnungen. Dem gehört so gut wie nichts. Auto, Möbel, Fernseher, Videorekorder, Stereoanlage ... alles gemietet.“
„Wie viel ist das? Reicht es für die Flucht nach Honolulu?“
Luis lachte. „Du weißt doch nicht mal wo Honululu liegt.“
„Na und? Ich weiß, dass es weit weg ist – und der Pilot kennt den Weg. Und außerdem heißt es Honolulu.“
„Fünfunddreißig Mark und ein paar Zerquetschte.“
„Kauf mir ’nen Reiseprospekt von Honolulu.“
„Den gibt’s umsonst. Und noch was.“ Luis zauberte hinter seinem Rücken einen ... einen wirklich ganz richtigen ... total echten ... habe ich noch nie zuvor so nah gesehen ... langläufigen Revolver hervor und wog ihn in seiner Hand. „Lag auch im Schreibtisch. Im untersten Schubfach. Überhaupt nicht versteckt. Und die Schachtel mit knapp hundert Schuss daneben“, und grinste wieder wie ein Lausbub, der sich mit einer geklauten Tüte Gummibären aus den Fängen des Hausdetektivs befreit und mit hochgestelltem Kamm und fächelnder Beute die Straße runtergaloppiert.
„Dein falscher Onkel ist sehr praktisch. Hält für alle Fälle eine handliche Wumme mit unanständigem Lauf griffbereit.“
Wir lachten beide und Luis legte mir den schweren, dunklen Stahl in die Hand. Merkwürdig: Plötzlich war mir als schwelle mein Körper auf Mister Universum-Format. Besaß dieser tote, kalte Stahl magische Kräfte, die mein Hemd über Brust und Oberarme spannten? Unauffällig schielte ich auf meinen rechten Bizeps. Uninspiriert schlapperte der Stoff daran herum. Hinweg die Hexerei. Doch das Gefühl der Unbezwingbarkeit blieb, solange ich das Gerät in Händen hielt.
„Machen wir Gefangene oder erschießen wir das Schwein, wenn es aufmuckt?“
„Kannst ihm gerne auch in den Hals beißen, wenn dir danach ist“, sagte ich abwesend und tastete mit spitzen Fingern die Waffe entlang. Es waren keine Liebkosungen, es war Respekt. Höllischer Respekt vor dem Tod. Nie zuvor hielt ich den Tod in Händen.

Das aufdringliche Schrillen des Telefons weckte uns. Wir hatten drei Stunden geschlafen, hielten nun den Atem an, spannten jeden Muskel, bewegten uns nicht, unterdrückten jedes Geräusch und lauschten. Nach einigen Klingeltönen verstummte der Apparat.
„Eh, is’ gleich acht. Ich besorg uns mal was Essbares.“ Luis strich das Geld vom Tisch und ging.

Nach seiner Rückkehr frühstückten wir und sahen fern. Irgendwann schlief ich auf dem Sofa ein – und erwachte nach Einbruch der Dunkelheit.
„Wie spät ist es?“
„Zwanzig Uhr siebenunddreißig. Wie siehst du denn aus?“
Morgens sehe ich immer so aus, Trottel. Und manchmal eben auch am Abend. Ich schüttelte mich, rückte kullernd meine verquollenen Augen zurecht und sagte mit krächzender Stimme: „Kunstwerke verdienen erstens Bewunderung und zweitens Wertschätzung! Also?“
Ich glaube, er sagte etwas wie „Puh!“ in seinen feinen Speichelsprühnebel. So richtig habe ich das nicht geschnallt.
Morgens ist ein Scheiße-Tag. Da bekomme ich nur manchmal alles mit.

Copyright © 1993 - 2025 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Der Roman Wollter beruht auf tatsächlichen Ereignissen.


Diesen Beitrag teilen
Über den Autor

Kommentare

Kommentar schreiben

Pflichtfelder sind mit einem * (Stern) gekennzeichnet.

Was ist die Summe aus 4 und 6?
(Die Benachrichtigung über neue Kommentare kann über einen Verweis in der E-Mail jederzeit beendet werden.)

Datenschutz (Auszug)

Ich freue mich über Ihren Kommentar und eine sachliche Diskussion. Insofern Sie die Kommentarfunktion benutzen, geschieht dies freiwillig. Ich erhebe und speichere für diesen Zweck Ihre E-Mail-Adresse, Ihren Namen und Ihren Kommentar. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Sie wird benötigt, um Missbrauch der Kommentarfunktion zu vermeiden. Meine vollständigen Richtlinien zur Kommentarfunktion finden Sie in meiner Datenschutzerklärung und den Nutzungsbedingungen.