Wollter

Thriller-Drama nach wahren Begebenheiten

Über den Tatsachen-Roman

Die Erlebnisse eines 16jährigen Schülers in der DDR, der aus politischen Gründen zu mehreren Jahren Haft verurteilt, inhaftiert und viele Monate in verschärfter Einzelhaft verbringen musste, sind Grundlage dieser spannenden wie auch ereignisreichen und dramatischen Geschichte des Romanhelden Wollter, der nach der Haft mit 18 Jahren gegen seinen Willen aus der DDR ausgebürgert und in die BRD abgeschoben wird. Wollter, der mit den Verhältnissen in der BRD nicht vertraut ist, der dort keine Verwandten oder Bekannte hat und dem weder Behörden noch Organisationen helfend unter die Arme greifen, findet nur Anschluss zum kriminellen Milieu. Er wird verhaftet und kann - sarkastisch gesagt - nun Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen DDR-Knast und BRD-Strafvollzug am eigenen Leibe erleben.

Der erfolgreiche Roman Wollter ist ein rasanter Thriller, dessen Haupthandlungen sich in der Zeit von Mitte der 1970er Jahre bis Ende der 1980er Jahre ereigneten.

Ein überaus intensives Leseerlebnis bietet Ihnen das Thriller-Drama Wollter.
Gebundene Ausgabe

Wollter

Thriller-Drama von

Olaf W. Fichte

Wollter: Zweiunddreißigster Teil

Autor: Olaf W. Fichte (Kommentare: 0)

Wir gingen zu ihm, tranken Kaffee, rauchten und träumten von Kanada. Wastl war schon ein paar Mal da und konnte viele schöne und spannende kleine Geschichten über Wölfe, Indianer, einsame Hütten und unendliche Weiten und Wälder erzählen. Es machte Spaß, ihm zuzuhören. Er führte mich aus dem Dunkel.

Mit dem Herbstanfang flatterte die Ladung ins Haus. Höflich, aber bestimmt lud mich das Gericht zur Hauptverhandlung am 17. und 18. Oktober jeweils 9 Uhr in ihr Justizgebäude zu einem Stelldichein auf Saal B 275/II.
Zehn Tage später besuchte mich Frau Jamon.
„Ihre Anklageschrift ist fertig.“
„Nein?!“
„Doch, ja! Über die Kürze war ich, ehrlich gesagt, erstaunt. Es hat aber auch sein Gutes: Wir brauchen uns nicht mit Nebensächlichkeiten herumschlagen. Sonst sieht es gar nicht so schlecht für Sie aus.“
„Wie viel?“
„An einer Bewährungsstrafe wird auch die Staatsanwältin nicht rütteln können. Ach ja, meine Sekretärin hat bei Richter Hoßt angefragt. Ihre Verhandlung wird voraussichtlich noch im September sein.“
„Nicht möglich!“
Forschend tasteten ihre Blicke über mich hinweg. Doch ich reagierte nur auf ihre Zigaretten, die mir an diesem dritten Oktober ganz besonders mundeten.
„Doch.“, sagte sie kurz, „Ich habe Ihnen eine Kopie des Gutachtens mitgebracht. Und auch gleich die Ermittlungsakte“, und schob dabei zwei übereinanderliegende Stapel Papier über den Tisch.
Blitzartig kramte ich in den verborgensten Winkeln nach Hoffnungsfunken. Vergeblich.
„Hatte ich so was nicht schon mal unter anderem Namen?“, fragte ich nach dem flüchtigen Durchblättern der Ermittlungsakte.
„Tatsächlich?“ Hm, schauen Sie eben noch mal rein. Für Sie persönlich kann man sich kein besseres Gutachten wünschen. Aber für die Verhandlung – es wird sich finden. Die Kopien bringen Sie mir das nächste Mal bitte wieder mit. Ich muss sie vorm Termin noch durcharbeiten. Wenn Sie mit etwas nicht einverstanden sein sollten, notieren Sie es an den Seitenrändern.“
„Eine Frage. In letzter Zeit wird ständig meine Zelle gefilzt. Ich meine, die sind echt krank. Die wühlen sich da jeden Tag durch. Holen jedes Stückchen Papier aus dem Mülleimer. Mit Mundraub hat das ja wohl nichts zu tun. Kann man dagegen nicht vorgehen? Es nervt ganz schön, wenn man geschafft von der Arbeit kommt und dann erst mal aufräumen darf, um sich nicht noch eine Hausstrafe einzufangen, weil die Zelle ein Saustall ist.“
„Eigentlich dürfte niemand in Ihren persönlichen Unterlagen herumwühlen. Letztlich können Sie dagegen nichts tun. Die Leitung würde sich auf die Sicherheit und Ordnung in der Anstalt berufen. Das Recht ist dann auf ihrer Seite.“

Aufgelöst, eine Zigarette nach der anderen rauchend, saß ich nach Feierabend am Tisch über das Gutachten gebeugt.
Viele Stunden vergrub ich mich in den 74 Seiten. Ich studierte und studierte – suchte einen klitzekleinen Hinweis, um dahinterzukommen, warum Radophil und Stricker schrieben, was ich las.

Eine Zigarette fest zwischen den Lippen und den Kopf in beide Hände gebettet. Schweiß bedeckte meinen Körper. Mich fröstelte.
Dass ich geordnet und realistisch denke, eine gute Lernfähigkeit, schnelle Auffassungs- und Beobachtungsgabe sowie eine gut entwickelte soziale Intelligenz habe, Wachheit und kombinatorische Fähigkeiten besitze, durfte ich – bei aller Bescheidenheit – doch wohl erwarten. Man kennt sich ja. Und doch hätten die den Schleim für sich behalten können. Womöglich drehen andere daraus einen passenden Strick für mich.
Beide verneinten die Frage nach wahnhaften Zügen in meinem Denken und plädierten, aufgrund meiner vorauseilenden Persönlichkeitsentwicklung nicht das Jugendstrafrecht anzuwenden. Womit die albernen Schürzenjäger die Tür zum Qualm weit aufstießen.

Doch war es weder der Qualm, den sie mir wünschten, noch die Beurteilung und Einschätzung meiner Person, die mir zusetzten wie seit langem nichts mehr. Hierzu fehlte mir schlicht fundiertes Wissen, um das Geschriebene korrekt interpretieren zu können. Nicht so im sogenannten allgemeinen Teil, dem mit Abstand umfangreichsten Kapitel.

Nach mehrmaligem lesen erkannte ich, sie wollten mich gar nicht verschaukeln, sie wollten mich vielmehr beschützen. Diese Schlitzohren wussten nur zu gut, ich würde ihnen nach der Lektüre nicht auflauern können, mein Dasein mithin nicht in Straubing fristen müssen.
Aus dem Nichts, das ich ihnen über mich erzählte, köchelten sie eine unglaubliche, weil gänzlich an den Haaren herbeigezogene Geschichte. Doch genügte ihnen das allein nicht, sie sattelten noch kräftig drauf. Selbst die Ermittlungsergebnisse der Polizei, die sie zitierten, bastelten sie sich passend.
Ich wurde das Gefühl nicht los, den Vorabdruck meines Urteils zu lesen. Schuldig in allen Anklagepunkten.

Schweißgebadet schlurfte ich durchs Zimmer. Rastlos, blind, wutschnaufend. Mein Hemd klebte an Brust und Rücken, Bäche stürzten aus den Achselhöhlen herab, bahnten sich den Weg zur Unterhose. Zigaretten entzündeten sich an der vorherigen.

Was hinderte sie, bei den Fakten zu bleiben? Aus den Vernehmungsprotokollen ging doch klipp und klar hervor, dass mich eine Zeugin beim Verlassen des Hauses sah. Detailliert gab sie wieder, was sie beobachtete. Nach Radophil, der sich ausdrücklich auf diese Aussage stützte, warf ich gleich mehrere große Gegenstände auf die Rücksitzbank des Wagens, bevor ich mich neben Luis setzte und mit ihm davonbrauste. Jeder einigermaßen intelligente Muli würde sich vehement zur Wehr setzen, packte man ihm auf, was ich alles geschleppt haben soll.

Angeblich gestand ich Radophil in vertraulichen Gesprächen, die Wohnung über mehrere Wochen hinweg beobachtete und dabei den Revolver stets bei mir getragen zu haben. Ich sähe mich selbst als Opfer Luis, was aber mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden könne. Vielmehr müsse davon ausgegangen werden, dass ich bereits in der Sowjetzone wegen Gewaltverbrechen inhaftiert war. Anderslautende Angaben meinerseits seinen wenig glaubhaft.

Und die Kinderpornos habe ich mir eingebildet. Eine Schutzbehauptung, schrieben sie. Hinweise auf die Glaubwürdigkeit meiner Aussage, fänden sie nicht. Auch ich vermisste etwas – eine Kleinigkeit nur: Begründungen zu ihren Behauptungen, die sie nicht lieferten.

Vor einiger Zeit bestellte ich mir Gesetzbücher aus der Knastbibliothek. Was die da für Tierquälerei anboten – ein Lacher.
Wenn ich rauskomme, kaufe ich mir gleich einen weißen Kittel.
Dann bin ich wichtig und kann Tun und Treiben, was ich will und wie ich lustig bin ... bekomme Arbeit und eine unheimlich große, furchtbar helle Wohnung – niemand hält mich auf.

Erschöpft fiel ich in den frühen Morgenstunden aufs Bett und schlief sofort ein.

Allmählich verdünnte sich die Luft. Das Atmen fiel mir schwer wie einem alten Mann beim Treppensteigen. Je näher der Tag der Verhandlung rückte, desto unruhiger wurde ich.
Und immer öfter kämpfte ich gegen das Böse oder Gute oder was auch immer. Es setzte mir zu, quälte mich. Er oder es malträtierte mich mit Kopfschmerzen und Magenkrämpfen nie da gewesener Intensität.
Manchmal, vor dem Einschlafen, sah ich mich ein Gerichtsgebäude verlassen, mehrmals tief durchatmen, eine Zigarette anzünden und fein lächelnd in Richtung Hauptbahnhof davonlaufen. Weg, nichts wie weg, bevor es sich einer anders überlegt.

Das Mädchen am Fahrkartenschalter sieht mich fragend an. Ich bitte um eine Fahrkarte für den nächsten Zug. Wohin ich wolle, fragt sie? Blöde Frage. Natürlich weg. Einfach nur weg. Besser, weit weg. Sieht sie denn nicht, dass ich leben will? Ich will leben, leben, leben! Fährt einer nach Kanada, frage ich? Sie schüttelt den Kopf, sieht ungläubig durch die verschmierte Glasscheibe zu mir herauf. Doch ich bestehe auf eine Fahrkarte nach Kanada. Warum ich ausgerechnet mit dem Zug nach Kanada wolle, es gäbe auch andere Möglichkeiten, erklärt sie. Ich bleibe stumm, lächle dankbar und gehe leichtfüßig durch die Halle nach draußen.
Sie hatte Recht, ich sollte wirklich laufen.

„Wir sind radikal überbelegt. Alles voll.“
Ich saß am Tisch, las konzentriert in der Ermittlungsakte und machte auf dreckig gelbem, liniertem Knastpapier Notizen, als der Schließer plötzlich in der Tür stand.
„Ich auch. Was is?“
Er trat einen Schritt zur Seite. Mein Blick fiel auf einen bulligen Dunkelhaarigen mit dem üblichen Deckenbündel in beiden Händen.
„Anweisung von oben: Einzelzellen sind doppelt zu belegen.“
„Was?!“ Wie ein Pfeil schoss ich nach oben. Die blöde Kaffeetasse machte einen Satz. Dunkelbraune Flüssigkeit ergoss sich über meine Notizen und breitete sich schnell aus. Hilflos sah ich zu, verschluckte mich am Rauch der Zigarette und hustete, bis mir die Tränen kamen.
„He, he, he, das haut nicht hin! Ich habe übermorgen Verhandlung und durfte heute auf Station bleiben, um mich in Ruhe vorbereiten zu können“, krächzte ich.
„Kann ich nichts zu.“
„Ich wohl?“, und etwas ruhiger, „Was ist das überhaupt für einer?“
„Vom Frongkraisch“, sagte der hinter dem Pferdebündel.
Das üben wir dann aber noch. „Ich fragte nicht, woher. Brust! Warum sitzt du?“
„Der Schließer hob die Hand und ging. Frongkraisch kam herein und warf sein Bündel auf das obere Bett. Ich setzte mich wieder.
„Abe Auto gebrochen. Aber ist Ümbük.“
Und das üben wir jetzt. „Hier machst du solche Sauereien nicht. Außerdem heißt das Humbug.“
„Sag üsch.“
„Eben nicht!“
„Doooch!“
Auch noch streiten. So ein Hammel! Das ist mein Zuhause. Hier streite ich.
„Du hast Ümbük gesagt. Das ist ja nicht mal russisch. Türkisch vielleicht, aber nicht Französisch. Glaubst wohl, ich bin blöd?“
„In Frongkraisch, wir sagen nicht diese ...“
„Aber in Deutschland! Basta!“
Dann lass dich nächstes Mal dort einsperren, wenn es da von allem nur die Hälfte gibt.
Ich hob meinen feuchten Papierberg leicht an, lugte darunter und fummelte nach meinem Tabak. Auch das noch: triefend nass.
„Eh, Ammel, gib mir ne Kippe!“
„Was is Grippe?“
Urkomisch, der Typ. Armes Frankreich. Den haben die bestimmt ausgebürgert.
„Na, vertragt ihr euch, Mädels?“
Schon wieder stand der Schließer mit seinem Kunstrasenjäckchen in der Tür und warf mit seiner intellektuellen Kritik nach mir.
„Ich habe Arbeit. Ich brauche keine geschwätzigen Untermieter. Warum legt ihr ihn nicht auf die Einundfünfzig?“
„Für dich Großmaul reserviert. Wenn du endlich fertig bist, kannste jetzt mitkommen.“
„Hey, Ammel, geh mal mit! Da schmeißt wer ne Runde Baguette.“
„Du warst gemeint. Kammer, Privatkleider holen. Und lass den Jungen in Ruhe. Ist ein ganz dicker Fisch. Hat Auto gebrochen.“
Und dann wieherte er los – die Tonleiter unkeusch hoch und runter. Mit hochrotem Kopf, etwas vornübergebeugt und immer wieder mit den Handrücken Tränen aus den Augen wischend. Erst auf der Kammer begann er, sich allmählich zu beruhigen.
Ist es denn die Möglichkeit: Da sitzt du nun fast ein volles Jahr, und ausgerechnet an dem Tag, an dem du mal keine Unterhaltung suchst, einfach nur deine Ruhe willst, ausgerechnet an diesem Tag setzen die dir einen ins Zimmer.

Einundvierzig Stunden vor der Hauptverhandlung gab ich die Ermittlungsakte und das Gutachten an Frau Jamon zurück. Im Austausch überraschte sie mich mit der Kopie des Antrages der Staatsanwaltschaft zur zweiten automatischen Haftprüfung.
„Der Inhalt ähnelt dem der ersten. Machen Sie sich keine Hoffnungen.“
Warum sollte ich? Ehe da einer vom anderen abgeschrieben hat, bin ich längst in Kanada und sitze mit echten, wirklich wahren Indianern am Lagerfeuer.
„Wie funktioniert das eigentlich mit der Revision? Müssen Sie das machen oder ich?“
„Ach, Revision. Wir werden nicht in Revision gehen. Machen Sie sich nicht verrückt. Sie werden schon sehen. Haben Sie nichts anderes anzuziehen?“, missbilligend starrte sie auf mein in unzählige, furchtbar schicke Fältchen gelegtes Oberhemd.
„Nein, ich habe und brauche kein Yuppiekostüm. Mein Schneider ist im Urlaub und mein Verhältnis zur Etikette wird nicht verhandelt.“
„Anzug und Krawatte haben schon so manche Pluspunkte eingebracht. Kurze Haare und glatt rasiert übrigens auch.“
„Ich bin nicht irgendein mancher Pluspunkt. Ich bin James. James, der wollte, konnte und wird. James schleimt nicht. Niemals! Und James lässt sich sein Image von nichts und niemandem versauen. James hat Selbstachtung. Wäre ich ein verdammter Schauspieler, würde ich dann kämpfen? Wohl kaum!“
„Das müssen Sie wissen, aber ...“
„Ich bin noch nicht fertig. Das, worüber Sie hier herziehen, hat meine Mutter gekauft. Die Frau hatte noch nicht einmal das Geld für eine eigene Fernsehzeitung.“
„Wie Sie wollen. Ich werde unmittelbar hinter Ihnen sitzen. Wenn Sie eine Frage haben ...“
„Ich frage niemanden, ob ich reden darf! Ich bin in einem freien Land!“
Als ich Sonntagnacht in meinem Zimmer saß, dem Schnarchkonzert meines gezähmten Haushammels lauschte, Kette rauchte und immer wieder Schweiß von den Händen wusch, öffnete sich plötzlich die Kostklappe und jemand, den ich nicht sehen konnte, weil er seitlich aufrecht neben der Tür stand, säuselte: „Schlaftablette?“
Selber eine. „Wozu? Was soll das? Ich bin müde.“
„Sie haben morgen Termin?“
„Eben! Ist wohl besser, ich schlafe dabei?“
„Schon gut. Gute Nacht!“
Kaum hörbar schloss sich die Klappe und die Stimme aus dem Dunkel verstummte. Gott, ist das ein aufdringliches Personal heutzutage.

Copyright © 1993 - 2026 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Der Roman Wollter beruht auf tatsächlichen Ereignissen.


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