Wollter
Thriller-Drama nach wahren Begebenheiten
Über den Tatsachen-Roman
Die Erlebnisse eines 16jährigen Schülers in der DDR, der aus politischen Gründen zu mehreren Jahren Haft verurteilt, inhaftiert und viele Monate in verschärfter Einzelhaft verbringen musste, sind Grundlage dieser spannenden wie auch ereignisreichen und dramatischen Geschichte des Romanhelden Wollter, der nach der Haft mit 18 Jahren gegen seinen Willen aus der DDR ausgebürgert und in die BRD abgeschoben wird. Wollter, der mit den Verhältnissen in der BRD nicht vertraut ist, der dort keine Verwandten oder Bekannte hat und dem weder Behörden noch Organisationen helfend unter die Arme greifen, findet nur Anschluss zum kriminellen Milieu. Er wird verhaftet und kann - sarkastisch gesagt - nun Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen DDR-Knast und BRD-Strafvollzug am eigenen Leibe erleben.
Der erfolgreiche Roman Wollter ist ein rasanter Thriller, dessen Haupthandlungen sich in der Zeit von Mitte der 1970er Jahre bis Ende der 1980er Jahre ereigneten.
Wollter
Thriller-Drama von
Olaf W. Fichte
Wollter: Dreiunddreißigster Teil
XII
Die Tür öffnete sich wie jeden Morgen kurz vor 6 Uhr. Für einen Moment schob sich ein Kopf durch den Spalt, als tauche er aus einem See empor und schnappe nach Luft, hauchte ein müdes „Moorschn.“, zog sich zurück und schleppte sich zur nächsten Zelle.
Anders als an den Tagen der vorangegangenen Monate lag ich an diesem Morgen nicht mehr im Bett. Ungeduldig erwartete ich angezogen, gewaschen und gekämmt den Aufschluss.
Nun war es also so weit. Ich warf abschließende prüfende Blicke um mich, zog noch einmal am Bettzipfel, leerte den Aschenbecher in die Toilette, drückte auf den Spülknopf und sah mich gut gelaunt ein letztes Mal mein Zimmer verlassen.
Gelassen und bester Dinge, von Nervosität keine Spur, ging ich um 7:14 Uhr den Stationsflur entlang. Ich kam von Wastl. Wir hatten gemeinsam gefrühstückt und Witze über meine anstehende Hauptverhandlung gerissen. Natürlich auf meine Kosten.
Rechts von mir ein Schließer. Einige Knackis, die sich für die Arbeit fertig machten, reichten mir die Hand, andere klopften mir auf die Schulter und wünschten „Viel Glück!“. Mit einem hoffnungsvollen Lächeln dankte ich ihnen.
Am Seitenausgang wartete ein grüner Kleinbus auf mich. Doch bevor sie mich zu ihm ließen, zogen sie ihre Filznummer ab. Als ob ich etwas aus dem Knast ins Gericht schmuggeln würde. Was überhaupt? Die haben sie ja nicht mehr alle.
Ich stand in Fliegerstellung an der Wand und einer fummelte sich von hinten über meine Figur.
„Grapsch nicht so!“
„Solltest dich langsam dran gewöhnt haben.“
Und dann zupfte mir dieser Freigänger doch tatsächlich erst recht am Textil.
Bereits eine Stunde später befand ich mich in einer, wie sie es nannten, Wartezelle – im Keller des Landgerichts.
Der Rauputz an den Wänden hielt mich natürlich nicht davon ab „James will raus!“ und das Datum zu kritzeln. Fett, den Kugelschreiber wie einen Pinsel auf und ab bewegend, immer wieder über denselben Strich führend, malte ich meine Verewigung in die Tiefen und über die Höhen der schmutzig weißen Wandverzierung.
Noch einmal las ich in meinen Aufzeichnungen und nahm hier und da kleine Veränderungen vor. Dreißig Seiten hatte ich während der letzten Tage ausgearbeitet. Dreißig Seiten Argumente, die mir helfen sollten, den Rest des Tages in Freiheit zu verbringen.
Punkt neun machte es Klick, der Stahl einer Fessel schloss sich um mein rechtes Handgelenk. Flankiert von zwei ungebügelten grünen Knastuniformen stieg ich die Treppen hinauf zum Gerichtssaal. Die Blicke der Menschen auf den Fluren sah ich nicht, spürte sie aber und konnte mir ihre Gedanken gut vorstellen.
„Guten Morgen!“
Dämlich grinsend kamen Radophil und Stricker auf mich zu, kaum dass ich den sterilen, schmucklosen Saal, der mich an die Ausstellungsräume eines Beerdigungsinstituts erinnerte, durch den Seiteneingang betreten hatte.
„Wie geht es Ihnen? Nervös?“, forschte Radophil und wedelte mit seinem dunkel behaarten, weichen Patschhändchen vor mir herum.
Und dabei war es doch ein so wunderschöner Morgen. Bis jetzt. Cool bleiben, dachte ich mir, immer cool bleiben und bloß nichts anmerken lassen. Bis hierher ging es mir gut. Doch nun drückte sich Schweiß durch die Poren und klebte mein Hemd für jeden sichtbar, unangenehm und verräterisch, am Rücken fest.
Seine Hand ignorierend, sagte ich mit der Miene eines Dozenten: „Das gefällt mir, ein Psychofuzzie mit Feingefühl. Nur, sehr geehrter Herr Doktor, man fragt einen Ertrinkenden nicht, ob er Durst hat. Das gehört sich nicht. Ist nicht nett.“
„Schlecht geschlafen?“
„Gut geschlafen. Schlechte Gesellschaft. Ich schreite erhobenen Hauptes zu meiner Hinrichtung und Sie fragen, ob ich nervös bin? Schieben Sie sich zur Seite!“
„Hinrichtung? Jetzt übertreiben Sie aber“, mischte sich Stricker ein.
„Ja, ein ganz klein wenig. Aber das stört mich nicht. Lassen Sie mich jetzt vorbei oder laden Sie mich zum Essen ein?“
„Daran sind Sie doch aber ganz alleine schuld.“ Radophils Mundgeruch schlug mir unangenehm auf den Magen.
„Woran?“
„Das Sie heute hier sind.“
„Habe ich jemals etwas gegenteiliges behauptet? Hätte ich allerdings vor meiner Festnahme sämtliche Folgen, die über eine Verurteilung hinausgehen, abschätzen können, dann, hmm, vielleicht hätte ich mich dann irgendwie anders entschieden“, sagte ich säuerlich lächelnd, machte unvermittelt eine halbe Drehung nach rechts, stieß mit angelegtem Arm Radophil unsanft zur Seite, drückte mich an Stricker vorbei und ging drei Schritte weiter zu meinem Stuhl und setzte mich.
Ich hielt das gelungene Designerstück für meinen Stuhl, weil es über eine Sitzfläche und eine Lehne verfügte und darüber hinaus das einzige Exemplar seiner Art im Raum war. Es konnte nur für den Angeklagten bestimmt sein. Alles sprach dafür: Hässlich, hart, grob, robust und abgeschabt.
Kaum hatte ich mich niedergelassen, betrat eine blonde Frau um die Dreißig den Schauplatz. Sie trug einen schwarzen Umhang und verbissene, eingefrorene Gesichtszüge. Geräuschvoll zog sie ihre Füße übers Parkett, eilte schnurstracks auf Radophil zu und warf ihm ihre Hand entgegen.
„Haben Sie das Gutachten gelesen, Frau Staatsanwältin?“, fragte Radophil leutselig.
„Aber ja. Sehr gut. Danke!“, entgegnete sie hocherfreut.
Kurz nach diesem denkwürdigen wie erfrischenden Dialog, erschien meine Rechtsanwältin im heiligen Tempel. Auch sie trug einen langen schwarzen Fummel.
Frau Jamon bedachte mich mit wohlwollender Nichtbeachtung, wuchtete ihren fülligen Leib auf die Bankreihe hinter mir und nickte Radophil, Stricker und der Staatsanwältin freundlich zu. Besorgt beobachtete ich sie aus den Augenwinkeln.
Gefolgt von zwei Richtern, und in deren Windschatten zwei Schöffen, schritt Richter Hoßt punkt 9:30 Uhr zum Showdown im Waschhaus seiner Durchlaucht ein. Bis auf die beiden Schöffen hatten sie sich warme, schwarze Mäntelchen übergeworfen. Es war zwar Oktober, aber bei weitem nicht so schrecklich kalt, dass es angebracht war, sich in beheizten Räumen in Decken zu wickeln.
Wir setzten uns und ich sah dem Vorsitzenden beim Ordnen seiner Bücher und Hefter zu. Es waren sehr dicke Bücher. Doch auch die vier Hefter waren nicht zu verachten.
Der Vorsitzende eröffnete die Verhandlung. Plötzlich verspürte ich im Mund ähnliche Symptome wie nach einer Spritze beim Zahnarzt – irgendwie pelzig.
Nachdem der Vorsitzende flugs alle Beteiligten vorgestellt hatte – ausgenommen die einzige Zuschauerin im Saal – sah er zu Radophil, der es sich mit Stricker auf der linken Seite des Saales am Tisch neben der Staatsanwältin bequem machte, hinüber.
„Darf ich Sie Professor nennen?“, fragte er freundschaftlich.
Betrübt verneinte Radophil.
Der kleine weißhaarige Mann nickte bedächtig und wandte sich mir zu.
„Ich kenne natürlich ... Ach, bleiben Sie doch sitzen.“
Ich stand auf, als er das Wort an mich richtete. Genauso, wie ich es hatte in der DDR tun müssen. Konnte doch keiner wissen, dass man im Westen sitzen muss, wenn Majestät Hof hält.
„Ich kenne natürlich Ihre Einstellung der deutschen Gerichtsbarkeit gegenüber. Dazu beigetragen mögen im Wesentlichen die gezielten Falschinformationen in der Sowjetzone haben. Morgen, nach der Urteilsverkündung, werden Sie sehen, dass die deutsche Justiz sehr wohl ein gerechtes und objektives Urteil sprechen kann. So viel dazu. Kommen wir zu Ihren persönlichen Angaben.“
Spar dir die Gerechtigkeitssülze für einen anständigen Poncho. Weißt du denn nicht, was für ein Unhold ich bin? Hast mich etwa nicht zu deiner heutigen Veranstaltung geladen?
Ich half ihm, seine Gedächtnislücke zu schließen und nannte artig meinen Namen.
„Wollter. James Wollter.“
Um mich herum blieb es still. Niemand lachte mich aus.
Bei der Frage nach meinem Beruf, stutze ich erneut. Wo sollte ich den denn so schnell hernehmen? Sage ich, gelernter Knacki?
„Sehen Sie, ich bin Raucher, esse Rindfleisch und spaziere im Berufsverkehr durch die Stadt. Ja, ich bin wohl Extremsportler und Überlebenskünstler zugleich. Andererseits aber auch eine Art Wandersmann. Immer nach vorn gerichtet. Ohne Ziel und stets auf der Suche. Glauben Sie nur nicht, ich fand, wonach ich suchte. Es ist sehr mühselig. Mein Gastspiel bei Ihnen ist nur eine Etappe der Lehre. Ich werde nicht verweilen, weil ich auf der Suche bin, wonach ich suche, was zu finden ich hoffe. War das nicht riesig?“, fragte ich sibyllinisch lächelnd das Gericht.
„Ich glaube fast, Sie haben den Ernst der Sache noch nicht erkannt“, nahm mir der Vorsitzende allen Spaß.
Irrtum, mei Gutster, dass ist nämlich keine Frage des Glaubens. Allerdings glaube ich tatsächlich nicht an den Ernst, eher schon an den Spaß des Lebens, den ich nie kennenlernte, mir aber sehr gut vorstellen kann und mehr als alles andere wünsche.
„Ich wüsste nicht, wie ich das widerlegen sollte.“
Begleitet von einem ungläubigen Kopfschütteln forderte er mich sodann auf, exakte Angaben zum bisherigen Verlauf meines Lebens und schließlich zur Tat zu machen.
Mehrfach unterbrach er mich, um mich meines Lebenswandels wegen zu rügen – ja, mit erhobener Stimme zu tadeln. Ich wusste nicht, was ihn aufregte, hatte ich doch noch gar nicht gelebt. Von welchem Lebenswandel sprach dieser albern verkleidete Mensch? Darüber hinaus gab er zu verstehen, dass er mir kein Wort von dem glaube, was ich über meine Festnahme, Verurteilung und Inhaftierung in der DDR vortrug. Ich sei ein gewöhnlicher Krimineller, der es nicht lange in Freiheit ausgehalten habe.
Es machte mir nichts aus. Ich war sehr tapfer und wusste, ich schlug mich wacker. Ich erzählte und erzählte und manchmal ließen sie mich sogar mehrere Sätze bis zum Ende aussprechen. Doch ihre Mienenspiele und einige verzweifelte Gähnansätze der Staatsanwältin verrieten mir, dass keines meiner wohlüberlegten Worte bis in ihre Köpfe drang.
Ihre Herzen erreichen zu wollen, beabsichtigte ich ohnehin nicht.
„Alles gelogen!“ Ich sprang auf und schrie weiter: „Alles gelogen! Nie habe ich denen gegenüber derartige Angaben gemacht! Sie sprechen nicht Wahrheit! Das ist Ümbük!“
„Setzen Sie sich und warten Sie, bis Ihnen das Wort erteilt wird. Sie werden noch ausreichend Zeit und Gelegenheit dazu erhalten“, wies mich der Vorsitzende zurecht und zitierte sogleich weiter aus Radophils psychologischem Gutachten.
„Der sollte es mal mit Voodoo versuchen!“
„Haben Sie mich nicht verstanden?“
Nein, Hochwürden, ich verstehe nämlich überhaupt nichts mehr, setze mich aber trotzdem. So miserabel er auch sein mag, niemand steht mitten im Film auf und geht.
Vier für den Ausgang der Verhandlung als bedeutungslose einzustufende Fragen – jeweils eine von der Staatsanwältin, Radophil, Stricker und einem Schöffen –, von denen sich keine auf den Tathergang bezog, stellte man mir, bis Richter Hoßt gegen 11 Uhr zur Vernehmung des Geschädigten überleitete.
Zwei Meter vor mir, in der Mitte des Raumes, nahm er auf einem gepolsterten Stuhl Platz. Seine zittrigen Hände hielten sich auf dem Tischchen vor ihm aneinander fest. Die störrischen Finger ineinander verkrampft sah er zu mir herüber, verengte die Augen, feuchtete die Lippen an und beantwortete die erste Frage des Vorsitzenden.
„Doktor Gerhard Niedermann. Richter am Landgericht München.“
Knirschend klappte mein Kiefer herab. Mein Mund war leer und trocken. Und doch verschluckte ich mich an irgendetwas und hustete bis mein Magen revoltierte und Erbrechen signalisierte. Jeder Illusion beraubt, trat nun das ganz große Verstehen, Schulter an Schulter mit der ganz großen Ernüchterung ein. Ich weiß nicht mehr, ob es mich überraschte oder erzürnte, dass keiner der Anwesenden Erstaunen zu erkennen gab. Auch Jamon blieb unbeeindruckt. Weder bei meinen Vernehmungen noch in der Anklageschrift oder anderswo erhielt ich einen Hinweis auf den Broterwerb des Mannes, über dessen Wohnung ich herfiel.
Glück muss man haben. Nachdem ich nun wusste, wem ich auf die Füße trat, wunderte mich die Art und Weise der Befragung des Richters durch den Vorsitzenden auch schon nicht mehr. Immer und immer wieder blieb Niedermann bei seinen Aussagen stecken. Dabei sollte er doch Profi sein. Kein Problem für Richter Hoßt, der ihm ebenso oft kollegial hinter die Zunge griff.
„War es nicht so, dass ...“
Vorsagen gilt nicht.
„Jaja, es war ...“, ergriff Herr Niedermann sogleich die ihm hilfreich gereichte Hand.
Mal erinnerte ihn Hoßt an die Farbe der Waffe, mal an die Brutalität des Gangsters. Der Gangster war übrigens ich. Da er sich im Einzelnen auch nicht an die gestohlenen Gegenstände erinnern konnte, breitete sie der Vorsitzende verbal vor ihm aus.
„Fehlten denn nicht auch noch zwei Lederjacken?“
„Ja, jetzt erinnere ich mich wieder“, nahm Kollega den Faden auf, „Eine von BOSS, die andere ...“
„Armani“, flüsterte die Staatsanwältin.
„Richtig, Armani“, brachte sich Kollega mit viel Spielwitz ein.
Mein Körper verweigerte sich mir. Ich war unfähig Widerstand zu leisten. Ohnmächtig beobachtete ich aus glasigen Augen und mit leicht geöffneten Lippen das, was ich für einen furchtbar schlecht inszenierten Komödienstadl hielt. Blauäugig wie ich war, vertraute ich auf mein Geständnis und den gesunden Menschenverstand derer, die über mich urteilten.

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