Fechter
Psycho-Thriller nach wahren Begebenheiten
Über den Tatsachen-Roman
Auszüge aus dem Leben eines jungen Söldners.
Nach seiner Zeit bei der Fremdenlegion arbeitet er für jeden, der, wie er, sich gegen Terroristen wendet - und ihn dafür bezahlt. Ob z. B. im Libanon oder im Einsatz für Geheimdienste, Wolf Fechter, der Protagonist, ist Söldner aus tiefster Überzeugung.
Bis zu dem Tag, als man ihn zum Narren hält und sich weigert, ihn zu bezahlen.
Folgen Sie Wolf Fechter u. a. nach Spanien, in den Libanon, die Niederlande und durch Deutschland.
Der erfolgreiche Roman Fechter ist ein dynamischer Thriller, dessen Haupthandlungen sich in der Zeit von Anfang bis Ende der 1980er Jahre ereigneten.
Fechter
Psycho-Thriller von
Olaf W. Fichte
Fechter: Achtzehnter Teil
Zu Fuß folgte ich den beiden zur Baulichkeit der Policía Nacional – freiwillig und ohne Handschellen. Es war, nebenbei bemerkt, der Tag nach meiner Kaffeefahrt zum Balcón de Europa.
Auf den Stufen vor dem Haupteingang bat Löckchen um meinen Reisepass. Leider konnte ich seinem Wunsch nicht entsprechen, weil ich das gute Stück bei Ulli deponiert hatte. Also stapften wir noch einmal zur Pasteleria, ich holte meinen Pass aus der Backstube und machte mich mit meinen beiden Begleitern wieder auf den fünfminütigen Fußmarsch zum Präsidium.
„Ganz schön rumgekommen, was?“ Schmerzende Hand blätterte in dem grünen Dokument.
Uns trennten nur noch wenige Meter vom Revier.
„Ist bereits der Zweite.“ Aus den Augenwinkeln sah ich seinen fragenden Blick auf mir.
Er hatte kalte blaue Augen, war jünger und mickriger als sein Partner.
Abrupt blieb der Ältere stehen. Einen Moment. Dann, als habe er einen abgestellten Koffer abschlagen wollen, schüttelte er sich, ging ein paar Schritte und sprach mit einem Hauch von Resignation in der Stimme: „Sein Gepäck brauchen wir doch auch noch. Und Sie müssen nicht schadenfroh grinsen.“
Doch, das musste ich. Ich konnte nicht anders. Schon viel zu lange hatte ich es mir verkniffen. Selbst der Biss auf die Zunge half nichts. Es war stärker, wollte raus, sich zeigen.
„Hernandez, besorg uns einen Wagen!“
Im Laufschritt verschwand der Mickrige im Gebäudeschlund.
Wenig später ging es im Streifenwagen samt Fahrer abermals zur Konditorei. Biggi beachtete uns nicht – sie tat, als sei sie in eine BILD-Zeitung vertieft.
Ich führte sie durch die Backstube zum Abstellraum, räumte Putzeimer, Besen und Scheuerpulver zur Seite, nahm die Reisetasche und übergab sie Hernandez. Bevor ich die Tür verschloss, klopfte ich gegen die Holzwand und wünschte Ulli, der nebenan auf der Toilette saß, gutes Gelingen. Er antwortete nicht, lachte nur.
„Ist das alles?“, fragte der Ältere.
„Selbstverständlich!“, entrüstete ich mich, beleidigt den Unschuldigen spielend.
Selbstverständlich war das nicht alles. Der Seesack mit den vermutlich nicht nur für mich wichtigerem Teil lagerte seit dem unerfreulichen Aufbruch meines keinen roten Autos bei Teresa. Es kostete mich einiges an Überwindung, aber längst nicht mehr so viel, wie ich hätte vor dem Ereignis aufbringen müssen.
Hernandez gab die Tasche nicht mehr her. Er stellte sie erst ab, als wir in ihrem Büro ankamen. Eigentlich hatte dieser Raum fast nichts von einem Büro, auch nicht von einem Dienstzimmer – es war einfach nur ein schlichter, weißwandiger Brutkasten auf der zweiten Etage eines Gebäudes aus maurischer Zeit. Das Fenster verschlossen, die Luft zum Schneiden dick und nur in Häppchen zu atmen – eben ein Nichtraucherquartier, dem es nicht am Duft zähflüssiger, menschlicher Ausscheidungen, wie er bei optimalem Sonneneinstrahlwinkel und günstiger Luftzirkulation entsteht, mangelte.
Abgesehen von einem Schreibtisch mit dazugehörigem Sitzmöbel und einem Aktencontainer, auf dem ein kümmerliches Pflänzchen dahinvegetierte, bot es nichts Aufregendes. Löckchen bezog hinter dem sehr aufgeräumten Schreibtisch, von welchem die Bedrohung der Kurzweil verbannt, weil frei von all den kleinen Dingen strapaziöser Polizeiarbeit, die eh nur vom Wichtigsten, nämlich dem sich entspannen und sammeln für das Wichtigste, das keiner zu benennen vermag, ablenkten, und Hernandez neben der Tür Stellung. Spröde forderte er mich auf, vor ihm auf den Tisch zu legen, was ich bei mir trage. Außer Kleingeld und einem Butterfly-Messer, das ich in Salzburg erstand, war da nichts.
„Was haben wir denn da Schönes?“, triumphierte der Alte mit ausgeprägtem Hang zum theatralischen.
Er hielt das Messer zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Eingehend betrachtete er es von allen Seiten, so als bezwecke er das Geschlecht einer Kakerlake zu bestimmen. Hektik war ihm fremd. Nach zwei oder drei Minuten intensivsten Studiums streckte er mir seine Hand entgegen. Ich griff nach dem Messer. Blitzschnell zog er seinen Arm zurück – ich schnappte ins Nichts und machte mich voll zum Obst. Spanischer Polizistenhumor, nahm ich an. Sehr aufregend.
Er verzog keine Miene.
„Was ist denn das?“, fragte er erneut.
„Weiß nicht. Kann ich mal sehen?“, machte einen Schritt auf ihn zu und streckte ihm meinen rechten Arm mit der nach oben hin offenen Handfläche entgegen.
„Sowas ist verboten.“
„Geben Sie her, ich werde es vernichten.“
„Sie haben mich nicht verstanden. Für SIE sind solcherart Gegenstände verboten“, und ließ es in einer Schublade verschwinden.
Ich sagte: „Ach soooo“, zog meinen Arm zurück und stellte mich wieder auf meinen Platz. „Na, dann bekomme ich sicher eine Quittung für das gute Stück.“
„Quittung?“ Er lehnte sich zurück und runzelte die Stirn. Wichtig sah er aus. Sein Stuhl, ein quietschendes Holzungetüm, stöhnte schwer unter der Last.
„Sind ausgegangen. Was wollen Sie eigentlich in Spanien?“
Vermutlich sprach er die Wahrheit. Ich sah mich um, konnte aber weder Papier noch Stifte entdecken. Ja, noch nicht einmal einen Papierkorb, eine schmierige Pizza-Schachtel oder wenigstens eine Rolle Klopapier.
Und mein Messer sprach er sich demnach als Entschädigung für meine kleine gymnastische Einlage zu. Feine Sitten. Mit dem Hemdärmel wischte ich mir den Schweiß aus dem Gesicht.
„Des Klimas und der fruchtbaren Gärten wegen.“
„Seit wann sind Sie hier?“
„Seit Kurzem. Nachzuschlagen in meinem Pass. Ich kam aus Salzburg.“
„Sie waren auch vorher schon hier. Längere Zeit.“
„Ehrlich?“
„Wir können hier keine Söldner gebrauchen.“
„Als ob dich jemand fragen würde“, murmelte ich und war nicht weit davon entfernt, ihn zu fragen, wie es sich in diesem Gestank aushalten lässt. Und auch der Trick, mit dem sie ihre Transpiration abschalteten, hätte mich brennend interessiert, denn ich schwitzte wie eine böse Sau – am ganzen Körper.
„Sie sind unerwünscht. In vierundzwanzig Stunden haben sie das Land verlassen. Weigern Sie sich, tritt unser Ausländergesetz in Kraft. Was für Sie im Konkreten bedeuten könnte: vierzig Tage Gefängnis mit anschließender Ausweisung.“
Ich stand einen Meter vor seinem Schreibtisch, sah ihm in die Augen und überlegte, welche Bedeutung ich dem Ganzen beimessen müsse. Eigentlich keine, entschied ich. Denn mit dem großen Bruder im Hinterland konnten mir Dorfschullehrerdrohungen gestohlen bleiben.
„Später irgendwann mal. Später, später. Die nächsten Wochen koste ich meinen Urlaub in Estepona aus.“
Löckchen hatte mir aufmerksam zugehört. Jetzt hob er die Hand und gab Hernandez ein Zeichen, sich meine Reisetasche vorzunehmen. Lustlos fiel der Taschenscout neben mir auf die Knie und schnüffelte sich widerwillig durch meine Wäsche auf den Grund.
„Nichts. Er hat es nicht dabei.“
„Was hat er nicht dabei?“, fragte ich verdutzt.
„Du kannst gehen“, sagte der Alte gereizt, erhob sich vom Stuhl, drehte mir den Rücken zu und sah aus dem Fenster.
Ein kurzes, heftiges Beben erfasste meinen Körper; begleitet von einem eisig kalten, lähmenden Blitz, der sich in Sekundenbruchteilen vom Haaransatz bis zu den Füßen bohrte, wieder Aufstieg und über die Fingerspitzen entfloh. Für Augenblicke gerieten sie außer Kontrolle, zuckten, ohne dass ich hätte etwas dagegen tun können. Die Schweißdrüsen stellten die Produktion wässriger Absonderungen ein und irgendetwas verklebte mir den Hals.
Nachdenklich nahm ich das Kleingeld und den Reisepass von der staubbedeckten Schreibtischplatte, verstaute es in den Hosentaschen, nahm meine Reisetasche auf und sagte beim Hinausgehen, die Türklinke gedrückt haltend, ohne mich ihnen zuzuwenden: „Dann bedanke ich mich noch ganz nett für die Gastfreundschaft.“
Draußen füllte ich meine Lungen mit Sauerstoff – mit viel frischem Sauerstoff – und tauchte meine Nase in die Auspuffgase eines vorüberfahrenden Kleintransporters.
Auf dem Weg zur Pasteleria rief ich aus einer Telefonzelle bei Seiler an. Doch am anderen Ende blieb es stumm. Ich legte auf und wählte von Neuem, um auszuschließen, dass ich mich verwählt hatte. Es blieb dabei. Entnervt warf ich nach dem zwanzigsten Klingelzeichen den Hörer auf die Gabel.
Ulli traf ich, wo auch sonst, in der Backstube an. Ausführlich schilderte ich ihm die Episode bei der Nationalpolizei. Entsetzen zeichnete seine Züge, als er ausrief: „Das kann doch nicht wahr sein!“
Und doch war es an dem.
„Du sollst von hier verschwinden? Warum? Was haben die gesucht? Wie kommen die auf dich?“
„Frag mich mal. Nur nicht in Panik verfallen. Vorerst habe ich nicht vor, dieses fruchtbare Land zu verlassen.“
Tja, wenn das nur so einfach gewesen wäre. Ohne Seilers Okay konnte ich unmöglich meinen Posten verlassen. Immer und immer wieder wählte ich seine Nummer. Schlag Mitternacht wurde meine Hartnäckigkeit belohnt. Der Tag verabschiedete sich mit einem wiedergutmachenden Augenzwinkern.
Ich stutzte. Hatte ich mich verwählt? War das Seilers Anrufbeantworter? Nein, etwas anderes. Angespannt horchte ich in die Leitung und lächelte plötzlich vor mich hin – dass ich so was erleben durfte.
Der Stimme nach zu urteilen, handelte es sich um einen älteren, offenbar stark angetrunkenen Mann. Mit unendlich viel Ausdauer und Freude spielte er Anrufbeantworter.
Sicher sind Ihnen die abgehakten Roboterstimmen aus Science-Fiction-Filmen geläufig. In exakt denselben, nahezu perfekt imitierten Klangfarben äffte der Blender den ursprünglichen Text der Ansage nach. Eine entsprechende Portion Glück fügte es, dass er, aus welchen Gründen auch immer, auf den englischsprachigen Teil verzichtete.
„Hey, Kobold!“, rief ich in die Muschel.
Aber er ließ sich nicht abstellen.
Also wartete ich und wünschte sehr, er habe keinen Defekt erlitten und spule zum Anfang zurück.
„Der Anrufbeantworter ist kaputt“, sagte er endlich.
„Was? Nicht möglich. Ist mir glatt entgangen. Richten Sie freundlicherweise Herrn Seiler aus, er möchte mich morgen gegen sechzehn Uhr anrufen.“
„Und wen?“
„Ossi! Adieu!“, und legte schnell auf, bevor er mir womöglich noch für meinen Anruf dankte.
Ein halbes Dutzend Kunden bevölkerte den Verkaufsraum als Seiler am nächsten Tag anrief. Um unbelauscht sprechen zu können, verschoben wir das Gespräch auf 23 Uhr.
In der Zwischenzeit fuhr ich zu Ulla und erzählte ihr von den Ereignissen des Vortages.
„Habe davon gehört.“
Sie saß am Wohnzimmertisch vor dem Kamin und drehte einen Joint.
Ihre Reaktion überraschte mich nicht. Ich kannte ihren Umgang und hatte eine klare Vorstellung, was ihre Kundschaft betraf.
„Dann kannst du mir auch sagen, was diese Inszenierung sollte, was die wollten und vor allem, was sie suchten?“
„Stell dich nicht so verdammt blöd. Liegt doch auf der Hand. Irgendwer will dich loswerden. Und wenn sie merken, dass sie mit der Einschüchterungstour nicht weiterkommen, lassen sie sich etwas Wirkungsvolleres einfallen.“
Darauf wäre ich nie gekommen.
„Geht es auch bildhafter?“
Sie leckte über die Gummierung des froschgrünen Zigarettenpapiers.
„Nein.“
„Na?“
Träumerisch hafteten ihre Augen auf dem Joint in ihren Händen, dessen vorderes Ende anderthalb Zentimeter im Durchmesser maß. Verneinend schüttelte sie den Kopf, öffnete den Deckel des kleinen schlichten Holzkästchens vor ihr auf dem Tisch und entnahm ihm ein goldenes Dupont-Feuerzeug. Es machte sich gut in ihrer schlanken, feingliedrigen Hand. Vermutlich massives Gold. Diese Frau hatte Stil – und ein entsprechendes, stilgerechtes Einkommen. Den Deckel der unscheinbaren Schatztruhe klappte sie nicht herunter, sodass mir sein Inneres nicht länger verborgen blieb. Appetitanregend lagen drei taubeneiergroße Kügelchen Pot neben einem Päckchen niederländischem Halfzware-Tabak auf der einen und Zigarettenpapierchen in den unterschiedlichsten Größen, Farben und Dessins auf der anderen Seite.
Sie führte das dröhnende Monstrum zum Mund. Fest umschlossen ihn ihre angefeuchteten vollen Lippen. Er zuckte ungeduldig, als sie das Feuerzeug klicken ließ. Grell stach die Flamme empor. Ulla klinkte sich aus. Sie lehnte sich zurück, legte den Kopf in den Nacken, sog und inhalierte tief. Rauchschwaden umspielten ihr Gesicht. Ob ich auch wolle, fragte sie. Was für eine Frage.
Später aßen wir Unmengen eines grünen Salates, den sie vorbereitet im Kühlschrank aufbewahrte, und Weißbrot mit Knoblauchbutter.
Jeden Abend, sagte sie, modelliere sie eine riesige Schüssel Salat. Ihr Körper brauche Karnickelfutter nach dem Kiffen. Und er danke es ihr. Meiner brauchte ganz was anderes, aber danach fragte ja keine.
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