Fechter
Psycho-Thriller nach wahren Begebenheiten
Über den Tatsachen-Roman
Auszüge aus dem Leben eines jungen Söldners.
Nach seiner Zeit bei der Fremdenlegion arbeitet er für jeden, der, wie er, sich gegen Terroristen wendet - und ihn dafür bezahlt. Ob z. B. im Libanon oder im Einsatz für Geheimdienste, Wolf Fechter, der Protagonist, ist Söldner aus tiefster Überzeugung.
Bis zu dem Tag, als man ihn zum Narren hält und sich weigert, ihn zu bezahlen.
Folgen Sie Wolf Fechter u. a. nach Spanien, in den Libanon, die Niederlande und durch Deutschland.
Der erfolgreiche Roman Fechter ist ein dynamischer Thriller, dessen Haupthandlungen sich in der Zeit von Anfang bis Ende der 1980er Jahre ereigneten.
Fechter
Psycho-Thriller von
Olaf W. Fichte
Fechter: Siebzehnter Teil
Kurz vor drei gesellte sich Ulli zu uns. Einer neben dem anderen standen wir vor der Pasteleria, die Augen auf die Stufe vor der verschlossenen Tür gerichtet. Sekunden der Stille. Eine halbe Stunde zuvor hatte Teresa dem Vermittler das Lösegeld übergeben.
Ullis dröhnendes Lachen holte uns zurück. Teresa erschrak. Missbilligend schüttelte sie den Kopf. Straßenlaternen pinselten auf Ullis Gewittergrollen abgestimmte Schatten über sein Gesicht.
Zu unseren Füßen lag mein Gepäck und der Schlafsack. Ulli zeigte darauf.
„Das glaubt uns Mensch!“ Er lachte und wischte mit den Handrücken Tränen aus den Augen. „Nicht in Spanien ... und erst recht nicht in Deutschland! Ich hau mich weg!“ Noch einmal entlud sich das Gewitter – über mehrere Faustschläge gegen die Tür –, dann ebbte es ab.
In Gedanken stimmte ich ihm zu. Teresa tippte sich mit beiden Zeigefingern an die Stirn und schüttelte verständnislos den Kopf.
Ulli schloss die Tür auf, entriegelte den zweiten Flügel und öffnete auch ihn nach innen. Gemeinsam hoben wir die drei Gepäckteile in die Konditorei, entleerten den Seesack und die große dunkelblaue Reisetasche auf dem Boden im Verkaufsraum und kontrollierten deren Inhalte auf Vollständigkeit. Ich kroch auf allen vieren um die Häufchen herum und verglich jeden Gegenstand mit den Bildern meines Gedächtnisses. Nichts fehlte. Ich war zufrieden. Mehr als das – ich war überglücklich.
Plötzlich donnerte Ulli von Neuem los. Und diesmal schlossen wir uns ihm an. Es war aber auch zu komisch. Eine Armlänge abseits stapelte sich, was meiner Habe untergejubelt wurde: vier Diktiergeräte, ein Fotoapparat, zwei Autoradios und allerlei Kleinkram wie Werkzeuge, Musikkassetten, Kämme, Taschenmesser, Brillen, Pariser und sogar ein komplettes Gebiss.
Teresa nahm den Überschuss an sich. Sie würde ihn Antonio geben.
Mit den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne ging ich hinaus und begrüßte mein kleines rotes Auto mit einem knappen „Bonjour!“
Teresa war längst weg; und Ulli schuftete wie ein ausgewachsener Konditormeister. Die rechte Hand hinterm Rücken verbergend schlich ich mich zwischen meinen Wagen und die angrenzende Hauswand. Blitzschnell zauberte ich eine weiße Plastiktüte aus Ullis Bestand hervor, legte sie auf die Wunde und befestigte sie ringsum mit braunem Klebeband an der Karosserie.
Das war nicht fair. Siehst aus, als habe man dir ein Auge ausgehackt. Tut mir leid, einäugiges kleines rotes Auto. Na, na, wer wird denn gleich übertreiben. Stimmt, es hätte nämlich auch viel schlimmer kommen können. Stell dir nur mal vor, sie – Teresa nannte sie Schwanzlose, ohne sie zu kennen. Aber sie musste es ja wissen, schließlich ist sie eine Eingeborene –; stell dir vor, sie hätten dich wie einen, Pardon, Halloweenkürbis zugerichtet. Womöglich mit einer Kerze darin.
Am Sonntag konnte ich mich dann endlich wieder meiner eigentlichen Aufgabe widmen. Tags zuvor überbrachte mir Ulli eine Nachricht von Sorbete. Sorbete bat mich, ihn am Sonntag in Nerja zu treffen. Der Ort war mir fremd. Ulli drückte zunächst seine Verwunderung über Sorbetes Befehlston aus, mit dem er ihn anzischte, mich unverzüglich zu benachrichtigen. Er beruhigte sich aber gleich wieder und drehte mir seinen breiten Rücken zu. Zärtlich, als streichle er die Saiten einer Harfe, strich er mit den Fingerspitzen der rechten Hand die Buchrücken auf dem Bücherbrett über seinem Arbeitstisch entlang. Vorsichtig zog er mitten aus losen Rezeptsammlungen, Backbüchern, Fachzeitschriften und abgegriffenen Betriebsanleitungen den gelbroten Autoatlas hervor. Mit der Linken wischte er einmal kräftig die Arbeitsplatte entlang, legte den Atlas in die Mehlwolke, schlug ihn auf und zeigte mir die Route nach Nerja. Ulli stellte keine Fragen. Dennoch glaubte ich, ihm eine Erklärung schuldig zu sein. Ich sagte, der Typ habe kein Geld, um nach Estepona zu kommen und Ulli zuckte mit den Schultern, als wolle er sagen, lass es bleiben, ich weiß, dass du nicht die Wahrheit sprichst. Ich kam mir verdammt blöd vor. Es ist wahrlich nicht einfach, gelegentlich das Richtige zu tun.
Letzte Nacht verbrachte ich in meinem kleinen roten Auto. Ich war mal wieder fett genug, weder Teresas Haus noch ein Hotel oder die Pasteleria zu finden. Nach drei Stunden Schlaf ließ ich den Motor an.
In Nerja, einem Küstenstädtchen etwa 45 Kilometer östlich von Malaga, hielt ich nach dem Balcón de Europa Ausschau. Aus Sorbetes Anweisungen ging lediglich hervor, dass es sich um das Glanzlicht des Ortes handle und ganz einfach zu finden sei. Das mochte wohl zutreffen, wenn man wusste, wonach man suchte. Ich wusste es nicht. So schlenderte ich durch diese beeindruckend schöne, alte Stadt und folgte schließlich den kurzen Hosen, dem Kaugummipapier und den am Straßenrand deponierten Getränkedosen. Wo sich Scharen von Touristen tummeln, gibt es meist auch eine wegweisende Kaugummipapiergetränkedosenspur, die einem zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten führt.
Ich nahm die Fährte auf und landete prompt vor dem Balcón de Europa. Wenngleich ich auch keine konkrete Vorstellung von dem hatte, was mich erwarten würde, so war ich doch ein klein wenig enttäuscht. Vermutlich existieren eine Unzahl derlei Balkone in Europa und anderswo.
Der zu meinen Füßen war nämlich nichts weiter als ein schlichter Felsvorsprung. Ein ohne Zweifel ganz besonders schönes Exemplar, der sich ein beachtliches Stück hinaus über das Mittelmeer beugte. Und doch blieb es ein gewöhnlicher Stein. Findige Menschen bepflanzten ihn mit einem Stück Straße, rahmten alles hübsch mit Geländer und verpassten ihm das obligatorische Restaurant – fertig war das Naturspektakel.
Die Mittagszeit war vorüber. Hinter den Panoramafenstern des Restaurants saßen nur noch wenige Gäste. Sie nippten an ihren Gläsern und glotzten benebelt auf die Weite des Meeres.
Verdrehten sie die Augen, um ihr großes „Helau!“ schüchtern einem blöden dunklen Streifen Afrika auszurufen? Hielten sie Ausschau nach der Wiege der Menschheit – ihrer Menschheit?
Es war ein klarer und sonniger Tag. Ich entschied mich für einen schnuckeligen Fensterplatz an der Stirnseite. Die Aussicht war einfach fantastisch. Beruhigendes Blau bis zum Horizont. Irgendwo weit unter mir sammelte sich der weiße Gischt der Brandung. Mir schien, als schwebe ich über dem Kliff. An diesem Gefühl musste etwas Reales sein. Hoch war er bestimmt, aber so hoch konnte die Konzentration des Alkohols in meinem Blut gar nicht sein, dass ich all dies halluzinierte.
Ich bekam Durst und bestellte einen Kaffee, ein Bier und einen roten Martini mit viel Eis. Bald schon fühlte ich mich besser.
Und wie ich da so in die Ferne blickend vor meiner Medizin saß und eine nach der anderen rauchend auf Sorbete wartete, wurde mir mit einem Mal gewahr, dass ich vergangene Nacht nur etwa vier Meter neben der Pasteleria schlief. Irgendwie mysteriös. Wie war es möglich? Meine Lernfähigkeit ließ schwer zu wünschen übrig.
Ich ging zur Toilette und warf mir ein paar Hände voll Wasser ins Gesicht. Eine Wohltat! Im Spiegel sah ich Wolfs müde rot unterlaufene Augen. Anzeichen von Säuferwahn? Na, nun geht’s wohl los. Oberhalb des linken Auges machte ich einen monströsen Pickel aus. Ich legte Hand, oder besser, beide Zeigefinger an. Einen Moment forschte ich in dem am Spiegel klebenden Fladen, ob er nicht mehr als Eiter und Blut enthielt. Zufrieden wandte ich mich ab, ging an meinen Tisch und bestellte ein Essen. Es wurde unerwartet schnell serviert, war spärlich und temperiert.
Drei volle Stunden wartete ich auf Sorbete. Am ausgestreckten Arm ließ er mich über dem Abgrund zappeln. Die Zeiten werden eben nicht besser. Selbst auf Terroristen war kein Verlass mehr.
Mit dieser Erkenntnis zahlte ich und trat den Heimweg an. Dachte ich. Denn derart daneben konnte auch nur ich treten. Tatsächlich kurvte ich in der entgegengesetzten Richtung herum und landete in Almuñécar. Was für ein Tag. Stocksauer auf mich, Sorbete und überhaupt auf alle und alles, trabte ich, ohne zu wissen warum, durch den Ort und deckte mich am Imbisswagen am Fuße einer riesigen Statue irgendeines arabischen Kriegers mit drei Flaschen Bier ein.
Orientierungslos geworden und tüttelig im Kopf, gesellte ich mich zu der deutschen Reisegruppe, die sich hinter meinem Rücken versammelte und andächtig den monoton schläfrigen Weisheiten ihres Cicerone lauschten.
Ich verstand nur „Abd ar-Rahman der Erste“ und irgendwas von „Arabischer Eroberungskrieg“. Das war nicht viel, ich weiß, aber mir reichte es. Kumpelhaft klopfte ich der alten Dame zu meiner Linken auf die Schulter, zwinkerte in ihr erschrockenes Gesicht, sagte: „Bleib sauber!“, und machte mich davon.
Bei Buenavista erinnerte mich ein Rückstau an das Bremspedal. Im Schritttempo kam ich dem Hindernis näher. Ich leerte die letzte Flasche Bier und dachte, dass diese dämliche Alkoholkontrolle total überflüssig sei, weil es bei mir sowieso nichts zu holen gab. „Alles ausgetrunken“, grinste ich schelmisch ob meiner gelungenen List. Unterdessen war ich nahe genug herangerollt, um die quer über den Fahrstreifen gezogenen, flexiblen Reifentöterschienen zu erkennen. Dieser Aufwand. Völlig unangemessen. Dahinter ein Paramilitär der Guardia Civil, die Maschinenpistole an der Hüfte im Anschlag haltend – fünfzehn bis zwanzig weitere von der Sorte am Fahrbahnrand. Der Herr mit dem grimmigen Gesicht und der lustigen Kopfbedeckung gab mir mit dem Lauf seiner Flinte zu verstehen, nach rechts auf den Parkplatz abzubiegen. Die Zigarette lässig im Mundwinkel nickte ich ihm freundlich zu. Zwischen einem Dutzend Fahrzeuge, vornehmlich mit ausländischen Kennzeichen, suchte ich eine Lücke, hielt an, zog Fahrzeugpapiere, Pass und Führerschein aus der Jackeninnentasche und rollte die leeren Bierflaschen unter den Beifahrersitz.
Ich fühlte mich gut, und es störte mich überhaupt nicht, dass schwer bewaffnete Guardia Civil den Platz übersäte. An drei Fahrzeugen schraubten die tapferen Jungs Teile ab. Auch an einem deutschen Oldtimer, dessen Eigentümer über einen beeindruckenden Fundus an Schimpfwörtern verfügte.
Im Außenspiegel sah ich vier der Bastler auf mich zukommen. Ich stieg aus und hielt ihnen bereitwillig meine Papiere entgegen. Sie ignorierten die Dokumente. Einer bat mich, den Kofferraum und die Beifahrertür zu öffnen. Ich öffnete den Kofferraumdeckel – und schwupp saß auch schon ein Deutscher Schäferhund darin. Selbstbewusst ging ich um den Wagen herum und schloss die Seitentür auf. Hastig trat ich einen Schritt zurück, um einem zweiten Schäferhund ungehinderten Zutritt zu gewähren. Hechelnd schnüffelte er sich durch den Wagen. Herrchen schob schnaufend seinen Oberkörper nach und ließ den Deckel des Handschuhfaches herunterklappen.
Als das Pelztier auch hier seine Sabbermarkierungen gelegt hatte, mochte es nicht mehr und drängte zum Aufbruch. Herrchen tastete noch ganz fix unter die Sitze. Es klirrte, aber irgendwie ging das an ihm vorbei.
Wusste ich doch gleich, dass die nicht scharf auf mein Bier waren.
Mir war, als bekäme ich ein Brett vor den Kopf geschlagen, als jemand zu meinen Füßen im Befehlston „Mitkommen!“ schrie und mir etwas vor die Augen hielt. Das Ding nahm mir die Sicht auf die Mittagssonne und hinderte mich am Verlassen der Pasteleria. Verwirrt blieb ich in der Türöffnung stehen. Sprach da wer zu mir? Wenn ja, weshalb hält er mir ein Kärtchen in Scheckkartengröße so vor die Augen, dass es mir unmöglich machte, etwas darauf zu erkennen? Ich bemerkte eine weitere Person. Sie lungerte unmittelbar hinter meinem Rücken im Verkaufsraum herum. Wo kam sie her? Noch wenige Sekunden zuvor war der Laden leer. Als ich kam und Biggi und Ulli sich in der Backstube habe streiten hören, machte ich kehrt. Der scharfe Wortwechsel zwischen den beiden begleitet mich bis zur Tür.
Leise, in einem beinahe verschwörerischen Flüsterton, bat mich die Stimme, ihnen ohne Aufsehen zu folgen. Böses ahnte ich nicht. Klar war mir nur, dass dieser Mensch vermutlich zu lange in der Mittagssonne hatte ausharren müssen. Nachdem der Vordermann aber sein Kärtchen aus meinem Gesicht nahm, um sogleich nach meinem linken Arm zu grapschen, sah ich meine Vermutung bestätigt und geriet eine Winzigkeit aus der Fassung. Ja, hat man da noch Töne?
Kraftvoll schlug ich ihm mit den Fingerknöcheln der rechten Faust auf den Handrücken. Blitzartig, als habe er sich am austretenden Dampf eines Wasserkessels verbrüht, nahm er seine Finger wieder an sich und brüllte: „Aua! Polizei!“
„Die kann dir jetzt auch nicht mehr helfen.“
„Hören Sie auf damit! Wir sind von Polizei!“
„Aber klar doch. Und ich bin Rasputin.“
„Qué?“
Schon erfolgte der völlig unerwartete Überraschungsangriff von hinten. Gott, wie feige! Ich spürte Hände auf meinen Schultern, schrie meinerseits: „Lass das, du Radfahrer!“, ging in die Hocke, drehte mich ihm zu und schlug, währenddessen ich mich wieder aufrichtete, von unten die Arme, die meine Schultern befummelten, weg; legte meine Rechte um den Hals des Angreifers und versteckte die Linke in seinen schwarzen Föhnlocken. Dafür, dass er mein Vater hätte sein können, war der Wuchs gut griffig. Sein kahlköpfiger Kumpel mochte ihn um den dichten Pelz beneiden.
„Polizei“, lispelte er.
Verdammt zäher Hund. Ich drückte fester zu. Seine Arme baumelten kraftlos herab und sein Gesicht wechselte die Farbe. War es ihm peinlich oder ging ihm nur die Luft aus? Er röchelte irgendetwas vor sich hin, die Augen unnatürlich weit aufreißend. Sie waren braun wie die meinigen, doch sein Atem roch nach Pfefferminze. Ein Mundspray-Junkie? Ist ja nur noch ekelhaft. Die hastigen Bewegungen seiner Lippen erinnerten mich an einen Karpfen auf dem Schlachtbrett – kurz vor dem Gong. Ich verkniff mir das Lachen und fragte mich, warum ich den Stinker nicht einfach erschoss. Wohl, weil es ohne Waffe etwas kompliziert wird.
„Beruhigen Sie sich endlich. Mein Kollege und ich, wir haben nur ein paar Fragen an Sie.“ Er stand noch immer auf dem Gehweg vor der Tür und massierte seine rechte Hand. In das Geschehen griff er nicht ein.
„Umwerfend originell“, sagte ich und besserte nach: Ich sah mich kurz nach ihm um, visierte seine Nasenspitze an und trat zu.
Doch Lädierte Hand wisch seitlich aus und kam mit dem nächsten Schritt näher zu uns heran. Noch einmal hob er sein Plastikkärtchen auf Augenhöhe. Diesmal so, dass ich erkennen konnte, was er mir mitteilen wollte. Ich las Policía und war, ehrlich gesagt, erleichtert, dem Leichtsinnigen nicht voreilig den Stecker gezogen zu haben.
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